Manchmal zeigt ein abgelehntes Angebot mehr über den Wert einer Firma als tausend Analystenberichte. Stripe und der Finanzinvestor Advent haben ihre Gespräche über eine Übernahme von PayPal wieder aufgenommen, nachdem PayPal ein erstes Gebot über 53 Milliarden Dollar beziehungsweise 60,50 Dollar je Aktie zurückgewiesen hatte. Das war laut dem Wall Street Journal Mitte August der Fall. Jetzt wird nachverhandelt, offenbar über einen höheren Preis.
Das ist die eigentliche Geschichte hinter den Kursbewegungen der vergangenen Tage: nicht Wachstum, nicht Margen, sondern die Frage, wie viel ein einst gefeiertes Fintech-Urgestein einem jüngeren Rivalen wert ist, der aus dem Schatten heraus zum Aufkäufer geworden ist.
Die PayPal-Aktie reagierte entsprechend nervös – sie fiel zeitweise auf 60,47 Dollar, bevor Berichte über neue Gespräche sie wieder Richtung 61 Dollar trieben. Im deutschen Handel notiert das Papier aktuell bei 52,68 Euro, ein Plus von 0,8 Prozent zum Vortag und rund 5,8 Prozent über dem Niveau vor 30 Tagen.
Vom 52-Wochen-Tief bei 32,42 Euro, erreicht im Februar, hat sich die Aktie damit deutlich erholt, bleibt aber gut ein Viertel unter ihrem Hoch von Ende Oktober.
Ein Aufkäufer mit Ambitionen weit über Payments hinaus
Was Stripe treibt, ist bemerkenswert: Parallel zu den PayPal-Gesprächen finalisiert das Unternehmen offenbar den Kauf des KI-Startups OpenRouter für mehr als 7 Milliarden Dollar – eine Plattform mit über 400 KI-Modellen und laut Berichten mehr als 10 Millionen Entwicklern, die täglich über eine Billion Tokens verarbeitet.
Stripe selbst wird mit rund 159 Milliarden Dollar bewertet und wickelt jährlich 1,9 Billionen Dollar an Zahlungsvolumen ab. Ein Unternehmen, das gleichzeitig einen etablierten Zahlungsdienstleister und einen KI-Infrastrukturanbieter kaufen will, verfolgt offensichtlich mehr als nur Konsolidierung im Payments-Geschäft – es baut an einer Infrastruktur, in der Zahlungen und künstliche Intelligenz zusammenwachsen.
Für PayPal-Aktionäre ist das eine zweischneidige Situation. Einerseits liefert das operative Geschäft durchaus Substanz: Im zweiten Quartal 2026 verdiente PayPal 1,38 Dollar je Aktie, mehr als die von Analysten erwarteten 1,28 Dollar, bei einem Umsatz von 8,68 Milliarden Dollar und einem Wachstum von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die operative Marge lag bei 16,4 Prozent, wenn auch leicht rückläufig. Andererseits bewegt sich die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 11 auf Basis der für 2026 erwarteten 5,38 Dollar Gewinn je Aktie in einem Bereich, der viele Value-Investoren aufhorchen lässt – und genau das dürfte Stripe und Advent zu ihrem Interesse bewogen haben.
Institutionelles Geld positioniert sich neu
Bemerkenswert ist, wie sich große Anleger im zweiten Quartal 2026 verhalten haben. Die Commerzbank-Einheit Commerzbank FI baute eine neue Position von gut 1,5 Millionen PayPal-Aktien im Wert von etwa 65 Millionen Dollar auf. Vanguard stockte seinen Bestand um 6,5 Prozent auf über 90 Millionen Aktien auf, die Schweizerische Nationalbank erhöhte um knapp 5 Prozent.
Insgesamt liegt der institutionelle Anteil an PayPal bei über 68 Prozent. Der Analystenkonsens bleibt vorsichtig bei „Hold“, mit Kurszielen zwischen 56 und 59 Dollar – Werte, die interessanterweise nicht allzu weit vom ursprünglich abgelehnten Übernahmeangebot entfernt liegen.
Dass ein Deal überhaupt zustande kommt, ist keineswegs sicher. Beobachter verweisen auf mögliche regulatorische Hürden in den USA und der EU, sollte ein Zusammenschluss zweier derart großer Zahlungsdienstleister tatsächlich spruchreif werden. Auch der Wettbewerber Adyen beobachtet die Entwicklung genau – dessen Aktie verteidigt derzeit wichtige Unterstützungsmarken, während der gesamte Sektor auf den Ausgang der Verhandlungen schaut.
Die technischen Indikatoren spiegeln die aufgeheizte Stimmung wider: Mit einem RSI von 68,5 nähert sich PayPal überkauftem Terrain, die 30-Tage-Volatilität liegt bei hohen 54 Prozent. Wer auf Übernahmefantasie setzt, muss mit heftigen Ausschlägen in beide Richtungen rechnen – so lange, bis eine der beiden Seiten am Verhandlungstisch nachgibt oder ganz vom Tisch aufsteht.
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