Der spektakuläre Rücktritt von Brad Karp als Chairman der renommierten US-Kanzlei Paul Weiss markiert einen beispiellosen Machtverlust in der Finanzwelt. Innerhalb weniger Wochen stürzte der einst einflussreiche Wall-Street-Anwalt von der Spitze einer globalen Anwaltskanzlei – ein Niedergang, der symptomatisch für die politischen Verwerfungen unter der Trump-Administration steht.
Karp, der Paul Weiss seit 2008 führte und zu einem Machtzentrum der demokratischen Elite ausbaute, sah sich mit einer beispiellosen Doppelkrise konfrontiert. Zunächst zwang ihn Präsident Donald Trump im März 2025 mit einer Executive Order in die Knie, die Paul Weiss von Bundesgebäuden und Regierungsaufträgen ausschloss. Die Kanzlei hatte zuvor Trump-Kritiker vertreten und Teilnehmer des Kapitol-Sturms vom 6. Januar 2021 verklagt. Karp verhandelte persönlich im Oval Office einen Deal: 40 Millionen Dollar kostenlose Rechtsarbeit für Trump-nahe Anliegen im Austausch gegen die Rücknahme der Order.
Epstein-Verbindungen als finaler Schlag
Der Deal mit Trump löste bereits eine Welle von Abgängen aus – mindestens ein Dutzend Partner verließen die Kanzlei, darunter jener Anwalt, der Kamala Harris auf die Präsidentschaftsdebatte vorbereitet hatte. Doch der finale Schlag kam Ende Januar 2026, als das Justizministerium auf Druck des Kongresses Akten zum verstorbenen Finanzier und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlichte.
Die E-Mails offenbarten intensive Kontakte zwischen Karp und Epstein. Karp bedankte sich 2015 für ein „once in a lifetime“-Dinner mit Regisseur Woody Allen und bat Epstein, seinem Sohn eine Rolle in einer Allen-Produktion zu verschaffen. Weitere Nachrichten zeigen Gespräche über eine Frau, die Karps Mandanten Leon Black, Mitgründer von Apollo Global Management, erpresste. Die Korrespondenz reichte bis Anfang 2019 – Monate vor Epsteins Verhaftung wegen Sexhandels und seinem Suizid in einem Manhattan-Gefängnis.
Von der Bürgerrechtskanzlei zum Trump-Bittsteller
Paul Weiss, 1875 gegründet, galt einst als Vorkämpfer für Bürgerrechte. Die Kanzlei war 1940 die erste große New Yorker Firma mit einer Partnerin und unterstützte 1954 den legendären Fall Brown v. Board of Education, der Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig erklärte. Unter Karp wandelte sich Paul Weiss zu einem profitablen Verteidiger der Finanzindustrie mit Mandanten wie Citigroup und JPMorgan – stets verbunden mit der demokratischen Elite.
„Die Veränderungen, die er in der Kanzlei durchsetzte, schufen genau jene Verwundbarkeiten, die Trump ausnutzen konnte“, analysiert Scott Cummings, Professor für Rechtsethik an der UCLA School of Law. Während Karp 2018 noch Anwälte gegen Trumps Familienseparations-Politik an der Grenze mobilisierte und den Kapitol-Sturm als „disgraceful coup attempt“ verurteilte, saß er sieben Jahre später im Oval Office und verhandelte über Zugeständnisse.
Kapitulation mit Folgen
Acht weitere Kanzleien schlossen nach Paul Weiss ähnliche Deals mit der Trump-Administration ab – zusammen fast eine Milliarde Dollar an kostenloser Rechtsarbeit. Vier andere Firmen, die ebenfalls mit Executive Orders belegt wurden, zogen vor Gericht und gewannen. Ihre Klagen wurden als verfassungswidrig eingestuft.
„Wenn man eine griechische Tragödie über einen Kanzleichef schreiben wollte, wäre es diese“, kommentiert ein ehemaliger Senior-Partner von Paul Weiss gegenüber Reuters. Kevin Burke, Professor an der USC Gould School of Law, sieht darin eine Lehre: „Selbst hocherfolgreiches Management kann scheitern, wenn institutionelle Unabhängigkeit durch Nähe zur Exekutivgewalt kompromittiert wird.“
Karp bleibt als Partner bei Paul Weiss und betreut weiterhin Mandanten. Sein Nachfolger als Chairman ist Scott Barshay, den Karp 2016 rekrutiert hatte, um die M&A-Praxis der Kanzlei zu stärken. In seiner Rücktrittserklärung erklärte Karp, die jüngste Berichterstattung habe „eine Ablenkung geschaffen, die nicht im besten Interesse der Kanzlei liegt“. Die Firma betonte, Karp habe seine Epstein-Kontakte bereut und „niemals Fehlverhalten beobachtet oder daran teilgenommen“.
Der Fall illustriert die prekäre Balance zwischen politischem Engagement und geschäftlicher Verwundbarkeit im heutigen Washington – eine Lektion, die weit über Paul Weiss hinausreicht.
