Für die einen ist Palantir Technologies ein Überwachungskonzern mit dystopischem Beigeschmack. Für die anderen das Betriebssystem der modernen Wirtschaft. Nach den Zahlen zum zweiten Quartal 2026 hat sich die Debatte verschoben. Es geht nicht mehr um das „Was“, sondern um das „Wie schnell“.
CEO Alex Karp nannte die jüngste Entwicklung „jenseits aller Erwartungen“. Die Zahlen stützen diesen Superlativ. Palantir wirkt derzeit wie ein Unternehmen auf dem Weg zur finanziellen Fluchtgeschwindigkeit.
Das US-Geschäft zündet den Nachbrenner
Der Kern der Geschichte liegt im amerikanischen Commercial-Segment. Dort schoss der Umsatz im zweiten Quartal um 149 Prozent auf 764 Millionen Dollar nach oben. Das war kein Einzelerfolg, sondern Teil eines Gesamtwachstums von 93 Prozent im Jahresvergleich. Der Konzernumsatz kletterte damit auf 1,94 Milliarden Dollar.
Palantir ist längst kein reiner Regierungsdienstleister mehr. Das Unternehmen etabliert sich als fester Bestandteil des Privatsektors. Eine neue Partnerschaft mit Google Cloud unterstreicht diesen Kurs: Palantir wird künftig mit BigQuery und Gemini verzahnt.
Karp hat ein ambitioniertes Ziel formuliert. Binnen 18 Monaten soll das gesamte globale Geschäft das Wachstumstempo des US-Commercial-Segments erreichen. Das ist eine Wette mit hohem Einsatz — sie setzt voraus, dass der aktuelle KI-Zyklus anhält.
Drei Milliarden Dollar Verlust für die Shortseller
Die Wucht dieser Entwicklung hat den Skeptikern besonders zugesetzt. Nach Berechnungen von S3 Partners kostete die 30-prozentige Rally nach den Q2-Zahlen am 5. August die Shortseller rund drei Milliarden Dollar an Buchverlusten. Trotzdem bleibt das Lager der Zweifler laut. Investoren wie Michael Burry halten an ihrer bearishen Position fest und warnen vor einer Korrektur nach dem Muster von 1987 sowie vor einer überzogenen Bewertung.
Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Mit einer Marktkapitalisierung von 260,80 Milliarden Euro ist Palantir für nahezu perfekte Ausführung bepreist — jede Enttäuschung würde entsprechend hart bestraft. Zugleich notiert die Aktie trotz der jüngsten Rally noch 25,26 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 179,98 Euro und liegt seit Jahresbeginn 14,38 Prozent im Minus. Zwei Wahrheiten gleichzeitig, das macht Palantir gerade so schwer zu fassen.
Gegenwind aus Europa
Während der US-Motor auf Hochtouren läuft, wächst der Widerstand auf der anderen Seite des Atlantiks. Das Centre for International Corporate Tax Accountability and Research (CICTAR) wirft Palantir vor, weltweit lediglich eine effektive Steuerquote von 1,4 Prozent zu zahlen — trotz umfangreicher Regierungsverträge, darunter ein Portfolio von 670 Millionen Pfund allein in Großbritannien.
Kritiker sehen hier einen Widerspruch: ein hochprofitables Geschäftsmodell auf der einen Seite, geringe Steuerbeiträge in Ländern wie Deutschland und Frankreich auf der anderen. Hinzu kommt anhaltende Kritik an Palantirs „22-Punkte-Manifest“, das manche Beobachter als neoreaktionär einstufen. Für Aktionäre ist das ein schwer zu beziffernder, aber hartnäckiger Risikofaktor — kein akuter Kurstreiber, aber ein Ballast für die Stimmung außerhalb der USA.
Was der Chart sagt
Technisch betrachtet nähert sich die Aktie mit einem RSI von 64,9 der überkauften Zone, ohne bereits dort angekommen zu sein. Der Abstand von 3,80 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 129,59 Euro deutet auf einen intakten langfristigen Aufwärtstrend hin — eine Art Auffangnetz für Rückschläge wie den heutigen Rücksetzer um 1,95 Prozent auf 134,52 Euro.
Der durchschnittliche Kursziel-Konsens der Analysten liegt bei 157,75 Euro. Das entspräche einem Aufwärtspotenzial von 17,3 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Ob Palantir diese Lücke schließt, hängt davon ab, wie lange sich das Tempo aus dem US-Geschäft halten lässt. Kühlt der breite Tech-Markt ab oder verschärft sich der regulatorische Druck in Europa, könnte die Rakete an Höhe verlieren. Im Moment aber gehört das Momentum klar den Optimisten — auch wenn der heutige Dämpfer zeigt, dass selbst Raketen ab und an Druck ablassen müssen.
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