Manchmal erzählt eine einzelne Kündigung mehr über ein Unternehmen als zehn Analystenkommentare. Am Freitag beendete die australische Supermarktkette Coles ihre Partnerschaft mit Palantir – nach einer öffentlichen Kampagne, die 85.000 Unterschriften und 700 digitale Werbetafeln mobilisierte.
Interims-CEO Paul Ferris fand dafür deutliche Worte: Niemand solle eine nationale Kampagne brauchen, um herauszufinden, ob militärische Überwachungstechnik beim Brotkauf zum Einsatz komme. Der Drei-Jahres-Deal hatte Palantir Zugriff auf zehn Milliarden Datenzeilen von 120.000 Mitarbeitern gegeben. Jetzt ist er Geschichte.
Diese Episode passt zu keinem der gängigen Palantir-Narrative – weder zum Burry-Short noch zur PwC-Euphorie. Sie zeigt eine dritte Dimension: den öffentlichen Widerstand gegen ein Unternehmen, dessen Software zwischen Behördenüberwachung und Einzelhandelslogistik pendelt. Genau diese Doppelrolle – mal Verteidigungspartner, mal Enterprise-Dienstleister – ist Palantirs größte Stärke und zugleich sein größtes Reputationsrisiko.
Konzerne vertrauen, Öffentlichkeit misstraut
Während Coles aussteigt, wächst das Vertrauen auf der Konzernseite. PwC baut seine Allianz mit Palantir für Enterprise-AI aus, und AIG-Chef Zaffino wechselt nach seinem Rücktritt als Chairman offenbar zu Palantir.
Das US-Militär bleibt ebenfalls Kunde: Im Rahmen des TITAN-Programms erhielt Palantir zuletzt 127 Millionen Dollar aus einem 192-Millionen-Dollar-Auftragspaket, das gemeinsam mit Anduril vergeben wurde. Die Bodenstationen werden in Costa Mesa produziert, während Anduril parallel einen 900-Millionen-Dollar-Campus in Ohio aufbaut.
Diese Gleichzeitigkeit – ein verlorener Einzelhandelskunde hier, ein bestätigter Rüstungsauftrag dort – ist kein Zufall, sondern das Geschäftsmodell selbst. Palantir positioniert sich als Infrastrukturanbieter für Daten, die andere lieber nicht öffentlich verhandelt sähen.
Der Markt scheint das bislang zu goutieren: Die Aktie ist trotz der Coles-Nachricht am Freitag um 4,4 Prozent gefallen, was sich aber ebenso mit dem überraschend starken US-Arbeitsmarktbericht erklären lässt, der die gesamte Wall Street belastete und die Chance auf eine Fed-Zinserhöhung im September auf über 58 Prozent trieb. Der Nasdaq gab an jenem Tag insgesamt nach.
Bewertung bleibt die eigentliche Bühne
Der freie Fall vom 52-Wochen-Hoch bei 179,98 Euro ist mit aktuell 149,98 Euro und einem Abstand von 17 Prozent nicht zu übersehen. Gleichzeitig liegt der Kurs 15 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt – ein Zeichen, dass die kurzfristige Dynamik trotz der jüngsten Rücksetzer intakt bleibt. Wer nur auf die Wochenperformance schaut (minus 6,7 Prozent), übersieht, dass die Aktie binnen 30 Tagen noch 9,3 Prozent zulegte.
Diese Schwankungsbreite ist kein Betriebsunfall, sondern Programm: Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von 101 Prozent macht Palantir zu einem der unruhigsten großen Technologiewerte überhaupt.
Wer hier investiert, kauft nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Wette auf die Richtung des gesamten KI-Infrastruktur-Zyklus. PwC beziffert diesen Zyklus auf bis zu 31,6 Billionen Dollar an globalen Rechenzentrums-Investitionen bis 2050 – eine Zahl, die selbst Skeptiker aufhorchen lässt.
Und genau hier verläuft die eigentliche Bruchlinie zwischen Bulle und Bär. Analysten wie jene, die Kursziele zwischen 200 und 245 Dollar ausgeben, sehen in Palantir den Nutznießer eines strukturellen Umbaus der globalen Dateninfrastruktur.
Jefferies hält mit einem Kursziel von 80 Dollar dagegen und verweist auf eine Bewertung, die selbst nach starkem Quartalswachstum kaum zu rechtfertigen sei. Michael Burry hat seine Short-Position öffentlich verteidigt und die Marktkapitalisierung von rund 440 Milliarden Dollar als Überbewertung gebrandmarkt.
Die Frage, die bleibt: Kann ein Unternehmen gleichzeitig Vertrauensanker für Konzerne und Feindbild für Konsumentenbewegungen sein, ohne dass eines der beiden Lager irgendwann verliert? Coles hat seine Antwort gegeben. Der Kapitalmarkt sucht seine noch.
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