Palantir liefert Zahlen, die das eigene Management „jenseitig“ nennt. Gleichzeitig wächst in Europa der Widerstand gegen genau das Geschäftsmodell, das diese Zahlen erst möglich macht. Zwei Realitäten, ein Aktienkurs – und Anleger müssen entscheiden, welche davon am Ende zählt.
Der amerikanische Motor läuft heiß
Die Wachstumsstory kommt fast vollständig aus den USA. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 93 Prozent auf 1,94 Milliarden Dollar. Der US-Commercial-Bereich, also das Geschäft mit privaten Unternehmen, legte um 149 Prozent zu.
Diese Beschleunigung hat einen Namen: AIP, die Artificial Intelligence Platform. Palantir schult Firmen in „Bootcamps“ direkt an der eigenen Software und wandelt Neugier in Verträge um. Im vergangenen Quartal kamen 220 Deals mit einem Volumen über einer Million Dollar zusammen. Das Management hat die Jahresprognose für 2026 auf rund 8,15 Milliarden Dollar angehoben.
Kein Wunder, dass der Kurs zuletzt Fahrt aufnahm. Auf Wochensicht steht ein Plus von 29,29 Prozent, auf Monatssicht sind es fast 20 Prozent. Die Aktie notiert aktuell bei 138,96 Euro und liegt damit gut 21 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 114,30 Euro – ein Signal für den kurzfristigen Rückenwind, den die US-Zahlen erzeugt haben.
Europa zieht die Bremse
Während US-Konzerne AIP im Sturm einführen, wächst auf der anderen Seite des Atlantiks das Misstrauen. Am 5. August 2026 veröffentlichte die Organisation CICTAR einen Bericht, der Palantir aggressive Steuervermeidung in Europa vorwirft. Die globale effektive Steuerquote liegt demnach bei nur 1,4 Prozent.
Der Vorwurf: Palantir verschiebt Gewinne, um die Steuerlast genau in jenen Ländern zu drücken, in denen der Konzern große Regierungsaufträge hält – etwa in Großbritannien und Frankreich. Das ist Sprengstoff für ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell auf Vertrauen und Verträgen mit dem Staat aufbaut.
In Frankreich zeigt sich bereits, wie teuer dieses Misstrauen werden kann. Der Inlandsgeheimdienst DGSI bewegt sich Berichten zufolge in Richtung heimischer Alternativen wie ChapsVision. Das Stichwort dahinter heißt „digitale Souveränität“ – ein Trend, der Palantirs Zugang zu europäischen Geheimdienst- und Regierungsstellen dauerhaft einschränken könnte.
Eine Aktie, die keine halben Sachen kennt
Der Markt hat auf diese Gemengelage mit extremer Nervosität reagiert. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 96,59 Prozent – ein Wert, der Palantir eher wie einen Krypto-Titel als wie ein etabliertes Software-Unternehmen aussehen lässt.
Trotz der jüngsten Rally steht die Aktie seit Jahresbeginn noch immer 11,56 Prozent im Minus und liegt fast 23 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 179,98 Euro. Mit einem RSI von 69,6 nähert sich der Titel zudem einer Zone, die viele Chartanalysten als überkauft einstufen. Die Marktkapitalisierung von rund 255,94 Milliarden Euro und ein Analysten-Kursziel von 157,75 Euro zeigen: Der Markt traut dem AIP-Modell weiterhin viel zu – trotz aller Fragezeichen.
Genau hier liegt der Kern der Sache. Kann Palantir seine beeindruckende Nettoumsatzbindung von 157 Prozent in den USA halten, während in Europa das regulatorische und steuerliche Klima merklich rauer wird? Die US-Zahlen sprechen eine klare Sprache der Stärke. Die europäischen Schlagzeilen erzählen eine andere Geschichte – eine von Rückzug und wachsendem Argwohn gegenüber einem Konzern, der zu eng mit Geheimdiensten und Behörden verwoben ist.
Wie stark dieser Gegenwind tatsächlich wird, entscheidet sich nicht an der Börse, sondern in den Amtsstuben von Paris und London.
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