Palantir ist gerade ein Unternehmen, das zwei völlig verschiedene Geschichten erzählt — je nachdem, auf welchen Kontinent man schaut. In den USA wächst der Datenkonzern schneller als fast jeder Konkurrent. In Europa verliert er Verträge, Vertrauen und Terrain. Und der Kurs? Der spricht eine eindeutige Sprache: minus 27 Prozent seit Jahresbeginn, heute ein neues 52-Wochen-Tief bei 102,14 Euro.
Europa sagt Nein
Der Verlust des Vertrags mit dem französischen Inlandsgeheimdienst DGSI an den heimischen Anbieter ChapsVision ist mehr als ein operativer Rückschlag. Er ist ein Signal. Frankreich hat sich bewusst für eine eigene Lösung entschieden — und damit das Wort „Souveränität“ vom politischen Schlagwort zur Geschäftsrealität gemacht.
Palantir steht nicht allein vor diesem Problem. Ein britisches Parlamentskomitee empfiehlt den Ausstieg aus dem NHS-Vertrag bis 2027. Deutsche Militärbehörden zeigen ähnliche Zurückhaltung. Das Muster ist klar: Europäische Institutionen wollen keine amerikanische KI-Infrastruktur im Kern ihrer sicherheitsrelevanten Systeme. Was Palantir als Stärke verkauft — tiefe Integration, undurchsichtige Algorithmen, enge US-Regierungsnähe — wird auf dieser Seite des Atlantiks als Risiko gewertet.
Das ist kein vorübergehender Gegenwind. Das ist strukturell.
Amerika als Gegengewicht
Auf der anderen Seite des Atlantiks sieht die Welt für Palantir fundamental anders aus. Das US-Geschäft wächst mit einer Dynamik, die man sonst kaum bei einem Unternehmen dieser Größe sieht. Im ersten Quartal 2026 legte der US-Commercial-Umsatz um 133 Prozent zu und erreichte 595 Millionen Dollar. Palantir sichert sich Schlüsselrollen im Verteidigungssektor — darunter das Next-Gen Command and Control-Netzwerk der US Army.
Hinzu kommt eine frische Partnerschaft mit Zeta Global. Zeta baut seine Data Cloud auf Palantirs Foundry-Plattform um und lanciert gemeinsam mit Palantir das Produkt „Athena by Zeta“. Ziel ist KI-gestütztes Marketing in Echtzeit — ein Bereich, in dem Palantir bislang kaum präsent war. Zeta projiziert über 100 Millionen Dollar Jahresumsatz aus dem Venture. Für Palantir ist das eine gezielte Diversifizierung weg vom reinen Regierungs- und Sicherheitsgeschäft.
Die US-Seite der Geschichte ist also stark. Sehr stark sogar.
Die Bewertungsfrage, die nicht verschwindet
Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Reicht das?
Palantir notiert heute bei rund 104 Euro — knapp 42 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 179,98 Euro vom November 2025. Der RSI liegt bei 34,4, technisch nahe am überverkauften Bereich. Alle gleitenden Durchschnitte — der 50-Tage bei 118 Euro, der 200-Tage bei 137 Euro — liegen weit über dem aktuellen Kurs. Das Chartbild ist eindeutig bearish.
Und dennoch: Die Marktkapitalisierung liegt noch immer bei rund 269 Milliarden Euro. Für ein Unternehmen, das in Europa systematisch Verträge verliert und dessen Wachstum fast ausschließlich auf einem einzigen Markt basiert, ist das eine Bewertung, die Glauben erfordert.
Hedgefonds-Legende Michael Burry hat das Konstrukt öffentlich als „Sandburg“ bezeichnet. Analysten mit positivem Ausblick sehen ein Kursziel von 160 Euro — ein potenzielles Aufwärtspotenzial von über 54 Prozent. Beide Lager haben Argumente. Das ist selten ein Zeichen dafür, dass die Wahrheit einfach ist.
Überzeugung unter Druck
Was Palantir gerade durchlebt, ist kein gewöhnlicher Kursrückgang. Es ist eine Neubewertung der Grundannahme, auf der die gesamte Investmentthese aufgebaut war: dass Palantirs KI-Infrastruktur zum globalen Standard wird — auch außerhalb der USA.
Europa baut gerade aktiv seine eigenen Mauern. Ob das ein vorübergehender politischer Reflex ist oder ein dauerhafter Strukturbruch, wird sich in den nächsten Vertragszyklen zeigen. Bis dahin hängt alles an der Frage, ob das US-Wachstum allein trägt — und ob 269 Milliarden Euro Marktkapitalisierung dafür ein fairer Preis ist.
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