Startseite » Aktien » Oracles Milliarden-Wette drückt SAP, ServiceNow und den gesamten KI-Sektor

Oracles Milliarden-Wette drückt SAP, ServiceNow und den gesamten KI-Sektor

Oracles Rekordumsatz wird von massiven KI-Ausgaben und Schulden überschattet. Die Folgen treffen SAP, AMD, ServiceNow und ASML unterschiedlich.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Oracles Aktie bricht trotz Rekordumsatz ein
  • Goldman senkt SAP-Kursziel wegen Margendruck
  • AMD greift mit neuer Server-CPU Nvidia an
  • ServiceNow kämpft mit dritter Sicherheitslücke

Rekordquartal, Rekordverlust an Vertrauen: Oracle liefert Zahlen über den Erwartungen — und stürzt trotzdem ab. Die Nachbeben treffen SAP, AMD, ServiceNow und ASML mit unterschiedlicher Wucht. Hinter der Korrektur steckt eine Grundsatzfrage: Wann zahlt sich der gewaltige KI-Infrastrukturausbau tatsächlich aus?

Oracle: Rekordumsatz trifft auf Investoren-Ernüchterung

Oracle hat im vierten Fiskalquartal einen Allzeit-Umsatzrekord von 19,18 Milliarden US-Dollar erzielt. Cloud-Erlöse stiegen um 47 Prozent, die Oracle Cloud Infrastructure (OCI) legte sogar um 93 Prozent zu. Auf dem Papier ein Triumph. Trotzdem brach die Aktie nachbörslich um fast zehn Prozent ein.

Der Grund: ein negativer freier Cashflow von rund 23,7 Milliarden Dollar zum Geschäftsjahresende, getrieben durch explodierende KI-Investitionen. Allein in den ersten neun Monaten des Fiskaljahres 2026 flossen 39,2 Milliarden Dollar in Kapitalausgaben — mehr als dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Die langfristigen Schulden türmen sich auf rund 124,7 Milliarden Dollar, und die Kosten für Kreditausfallversicherungen auf Oracle-Anleihen haben Rekordniveau erreicht.

Die flache Umsatzprognose für das laufende Quartal verstärkte die Skepsis. Ein 300-Milliarden-Dollar-Deal mit OpenAI, ab 2027 mit jährlich rund 60 Milliarden Dollar Umsatzgarantie, mag langfristig ein Gamechanger sein. Kurzfristig zeigt er: Ein Megavertrag bewegt die Quartalszahlen nicht sofort. Rechenzentren brauchen Jahre bis zur Fertigstellung.

An der Wall Street gehen die Meinungen auseinander:

  • UBS erhöhte das Kursziel auf 285 Dollar
  • Bank of America sieht Potenzial bis 240 Dollar
  • Citigroup erwartet eine Rückkehr in Richtung des Allzeithochs bei 330 Dollar
  • Guggenheim-Analyst John DiFucci hält an seinem Kaufziel von 400 Dollar fest

Heute notiert Oracle bei 162,56 Euro — ein Minus von 6,66 Prozent allein am Donnerstag und über 20 Prozent innerhalb einer Woche.

SAP: Goldman-Warnung trifft auf Sicherheitslücken

SAP hatte sich nach einer kräftigen Rallye im Juni zunächst über die 190-Euro-Marke geschoben. Dann kam der Dämpfer. Goldman Sachs senkte am 10. Juni das Kursziel und verwies auf drohenden Margendruck durch steigende Hardwarekosten in der zweiten Jahreshälfte. Das Kaufrating blieb zwar bestehen — der Kurs gab an jenem Tag trotzdem über vier Prozent nach.

Der Zeitpunkt hätte kaum ungünstiger sein können. Am 9. Juni hatte SAP 15 neue Sicherheitshinweise veröffentlicht, darunter vier als kritisch eingestufte Schwachstellen in Kernprodukten wie NetWeaver, Commerce und Data Hub. Ungepatcht könnten sie Zugriff auf sensible Daten ermöglichen oder Systeme destabilisieren.

Strategisch treibt SAP die Vision des „Autonomous Enterprise“ voran, mit dem KI-Assistenten Joule im Zentrum der ERP-Plattform. Die jüngsten Jahreserlöse von 41,49 Milliarden Dollar und eine Eigenkapitalrendite über 15 Prozent untermauern die operative Stärke. Analysten vergeben im Schnitt ein Kaufrating mit einem Kursziel von rund 272 Dollar. Gleichzeitig warnen einige Stimmen, dass der wachsende Wettbewerb im KI-Agenten-Segment — getrieben durch skalierbare Large-Language-Model-Anbieter — höhere Investitionen erfordert und Margen künftig unter Druck setzen könnte.

Aktuell steht die SAP-Aktie bei 143,58 Euro — mehr als elf Prozent tiefer als noch vor einer Woche.

AMD: Benchmark-Offensive gegen Nvidia läuft auf Hochtouren

Während Oracle und SAP mit Margen und Schulden kämpfen, hat AMD eine andere Front eröffnet. Mit seiner kommenden Server-CPU-Plattform „Venice“ auf Basis der Zen-6-Architektur greift der Chipdesigner Nvidia direkt an. Bis zu 256 Kerne und 512 Threads sollen die neuen EPYC-Prozessoren bieten.

AMDs eigene Leistungsprojektionen sind selbstbewusst: Ein 64-Kern-Venice-Chip soll Nvidias Vera-Prozessor um 27 Prozent schlagen, die 96-Kern-Variante immerhin um elf Prozent. Besonders für agentenbasierte KI-Workloads sieht AMD die höhere Kernzahl als entscheidenden Vorteil. Die Massenproduktion hat bereits begonnen, der Launch ist für die zweite Jahreshälfte geplant.

Fundamental liefert AMD ohnehin. Im ersten Quartal 2026 stieg der Gesamtumsatz um 38 Prozent auf 10,3 Milliarden Dollar, das Data-Center-Segment erreichte mit 5,8 Milliarden Dollar einen Rekord. Für das zweite Quartal peilt das Management 11,2 Milliarden Dollar an.

Seit Jahresanfang hat sich die AMD-Aktie mehr als verdoppelt — ein Plus von über 109 Prozent. Innerhalb der letzten Woche gab der Kurs allerdings um rund elf Prozent nach, getroffen von der sektorweiten Verkaufswelle. Heute notiert AMD bei 399,45 Euro und zeigt mit einem Tagesplus von knapp zwei Prozent erste Erholungstendenzen. 27 von 35 Analysten stufen die Aktie als Kauf ein. Die wahre Bewährungsprobe für die Venice-Versprechen steht allerdings noch aus: unabhängige Benchmarks werden frühestens Ende 2026 erwartet.

ServiceNow: Datenpanne überschattet KI-Partnerschaft

ServiceNow hat mit einem handfesten Sicherheitsvorfall zu kämpfen. Am 5. Juni spielte das Unternehmen ein Update für gehostete Kundeninstanzen ein, nachdem eine Schwachstelle entdeckt worden war, die unauthentifizierten Nutzern unter bestimmten Umständen weitreichenderen Zugriff als vorgesehen ermöglichte.

Brisant: Es handelt sich um den dritten gravierenden Authentifizierungsfehler innerhalb von acht Monaten — und erstmals den Fall, in dem Angreifer Kundendaten erreichten, bevor ein Patch eingespielt war. Besonders heikel: Bereits am 22. April war eine ähnliche Schwachstelle über das Bug-Bounty-Programm gemeldet worden. Bis zum Security-Update am 5. Juni vergingen mehr als sechs Wochen.

ServiceNow selbst ordnete die beobachteten Aktivitäten als Arbeit von Sicherheitsforschern ein, nicht als bösartige Attacke. Die Unterscheidung ist für Unternehmenskunden dennoch relevant. Wer sensible Workflow-Daten auf der Plattform speichert, dürfte genauer hinschauen.

Als Gegengewicht kündigte NICE eine gemeinsame Lösung an, die seine CXone-KI-Plattform für Kundenkontakt mit ServiceNows Enterprise-Workflows verknüpft. Strategisch ein sinnvoller Schritt. Ob er ausreicht, das Vertrauensproblem aufzuwiegen, bleibt offen. Die Aktie notiert bei 91,74 Euro, innerhalb einer Woche ging es fast elf Prozent nach unten.

ASML: Stellenabbau vereinbart, Analysten erhöhen Kursziele

ASML bildet in dieser Woche den stabilsten Anker im KI-Sektor. Der niederländische Lithografie-Spezialist hat mit den Gewerkschaften eine Einigung über den im Januar angekündigten Stellenabbau erzielt. Rund 1.700 Stellen — 3,8 Prozent der globalen Belegschaft — werden gestrichen, vornehmlich in den Bereichen Technologie und IT am niederländischen Standort. Zwangsmaßnahmen sollen frühestens am 1. Mai greifen. Finanzvorstand Roger Dassen begründete den Schritt mit übermäßiger organisatorischer Komplexität: „Wir wollen Ingenieuren ermöglichen, sich wieder auf reine Ingenieursarbeit zu konzentrieren.“

Die Analysten zeigen sich davon unbeeindruckt — im positiven Sinne. JPMorgan-Analyst Sandeep Deshpande hob sein Kursziel auf 1.900 Euro (US-Listing: 2.200 Dollar) an und argumentiert, dass ASML mehr als 110 EUV-Systeme jährlich ausliefern könne, ohne zusätzliche Gebäudeflächen zu benötigen. JPMorgan sieht ASML in einem mehrjährigen Aufwärtszyklus mit den größten Schätzungserhöhungen in den Jahren 2027 und 2028.

Zusätzlichen Rückenwind lieferte ein unerwarteter Fürsprecher: Elon Musk bezeichnete ASML am 8. Juni als „wohl das großartigste Unternehmen Europas“ und bestätigte seine virtuelle Teilnahme an ASMLs Technologiekonferenz. An jenem Tag sprang die Aktie um knapp sechs Prozent.

Die Fundamentaldaten untermauern das Momentum. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte ASML einen Umsatz von 32,67 Milliarden Euro bei einem Gewinn von 9,61 Milliarden Euro. Für 2026 wurde die Umsatzprognose auf 34 bis 39 Milliarden Euro angehoben. Heute steht der Kurs bei 1.554,20 Euro — ein Tagesplus von 3,43 Prozent und nur noch knapp 1,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch.

KI-Sektor zwischen Investitionsrausch und Renditefrage

Die Oracle-Episode bringt eine Spannung auf den Punkt, die den gesamten Sektor durchzieht: Kapital fließt in nie dagewesenem Tempo in KI-Infrastruktur, die Rückflüsse lassen auf sich warten. Jedes der fünf Unternehmen navigiert diese Dynamik auf eigene Weise:

  • Oracle trägt die volle Last des Infrastrukturausbaus — negativer Cashflow, Rekorschulden, flache Kurzfristprognose
  • SAP spürt indirekten Margendruck durch steigende Hardwarekosten, obwohl das Kerngeschäft profitabel bleibt
  • AMD setzt auf Leistungsführerschaft bei Server-CPUs und profitiert vom Nachfragesog
  • ServiceNow kämpft mit einem ganz anderen Risiko — Reputationsschäden bei Unternehmenskunden nach wiederholten Sicherheitsvorfällen
  • ASML sitzt am oberen Ende der Wertschöpfungskette und liefert die Maschinen, ohne die der gesamte KI-Ausbau stillstehen würde

Die zentrale Frage der zweiten Jahreshälfte

Ob die KI-Nachfrage real ist, zweifelt niemand mehr an. Die entscheidende Frage lautet anders: Kann die finanzielle Architektur, die gerade in atemberaubendem Tempo errichtet wird, sich selbst tragen? Oracles flache Quartalsprognose trotz eines 300-Milliarden-Dollar-Vertrags zeigt, wie lang der Weg von der Investition zur Rendite sein kann.

Für AMD wird die Venice-Generation zum Lackmustest. Für ASML beseitigt die Gewerkschaftseinigung eine operative Unsicherheit, während JPMorgans Mehrjahres-These auf die Probe gestellt wird. SAP und ServiceNow müssen beweisen, dass KI-getriebenes Umsatzwachstum die zunehmend sichtbaren Margen- und Reputationsrisiken kompensiert. Der KI-Sektor hat seine Wachstumsphase hinter sich — jetzt beginnt die Bewährungsphase.

Anzeige

SAP-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue SAP-Analyse vom 11. Juni liefert die Antwort:

Die neusten SAP-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für SAP-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 11. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

SAP: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Diskussion zu SAP

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.