Elf Prozent plus in einer Woche – das klingt nach Trendwende. Bei Oracle ist es vor allem eines: eine Verschnaufpause in einem Kurs, der seit dem Rekordhoch im September fast 60 Prozent verloren hat. Wer jetzt einsteigt, kauft eine Erleichterungsrally, keine Wende.
Am Freitag schloss die Aktie bei 112,60 Euro, ein Plus von 1,77 Prozent zum Vortag. Auf Jahressicht steht dennoch ein Minus von 32,25 Prozent zu Buche, binnen zwölf Monaten hat sich der Kurs nahezu halbiert. Diese Lücke schließt keine einzelne gute Woche.
Der Auslöser sitzt im Sentiment, nicht in der Bilanz
Die Rally hat einen klaren Anlass. Oracle hat eine erweiterte Partnerschaft mit Google Cloud bestätigt. Googles Gemini-Modelle wandern künftig direkt in Oracle AI Agent Studio, das hauseigene Werkzeug für KI-Agenten. Die Nachricht traf auf eine ohnehin gute Stimmung im Cloud-Sektor.
Microsoft hatte kurz zuvor ein Umsatzwachstum von 43 Prozent bei Azure gemeldet, deutlich über den Erwartungen. Zusätzlich kündigte der Konzern neue, noch nicht abgerufene Rechenzentrums-Leasingverträge von über 130 Milliarden Dollar an – die gesamten offenen Verpflichtungen dieser Art kletterten damit um 67,4 Prozent auf 329,1 Milliarden Dollar. Das befeuerte die gesamte Cloud- und KI-Branche, Oracle inklusive.
Das ist ein legitimer Grund für eine Erleichterungsrally. Es ist aber keine Reparatur der Bilanzsorgen, die den Kurs erst auf ein Zwölf-Monats-Tief von 100,76 Euro gedrückt haben. Aktuell liegt Oracle nur 11,75 Prozent über diesem Tief, aber noch 21 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt und fast 28 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Der RSI von 43,2 zeigt: Die Aktie erholt sich aus überverkauftem Terrain, mehr nicht.
Der Schuldenberg bleibt
Das eigentliche Problem der letzten Monate hat sich durch die Google-Partnerschaft nicht erledigt. Oracle übertraf im jüngsten Quartal zwar die Erwartungen, der freie Cashflow bleibt jedoch negativ. Für den Ausbau der Rechenzentren will der Konzern weitere 40 Milliarden Dollar über Schulden und Eigenkapital aufnehmen, darunter eine bereits angekündigte Kapitalerhöhung von 20 Milliarden Dollar.
Das kommt on top zu den 43 Milliarden Dollar an neuen Schulden und 5 Milliarden Dollar frischem Eigenkapital, die Oracle im laufenden Geschäftsjahr bereits eingesammelt hat. Investoren fragen sich zu Recht, ob die KI-Nachfrage diese Summen überhaupt rechtfertigt.
Das Ausmaß der Investitionen ist beachtlich. Die Investitionsausgaben erreichten im Geschäftsjahr 2026 rund 55,7 Milliarden Dollar und übertrafen damit das ursprüngliche Ziel von etwa 50 Milliarden Dollar deutlich. Trotz eines um 54 Prozent gestiegenen operativen Cashflows von 32 Milliarden Dollar produzierte Oracle so eine Free-Cashflow-Lücke von 23,7 Milliarden Dollar.
Die Ratingagentur S&P hat reagiert und die Kreditwürdigkeit auf BBB- gesenkt. Oracle steht damit nur noch eine Stufe über Ramsch-Status. Genau das ist der Punkt, an dem die Wall-Street-Euphorie an ihre Grenzen stößt.
Backlog gegen Kredit-Risiko
Optimisten verweisen gerne auf das gigantische Auftragspolster: Die vertraglich gesicherten, aber noch nicht realisierten Umsätze summieren sich auf 638 Milliarden Dollar. Das ist ein mehrjähriger Umsatzpuffer, der die Wachstumsgeschichte stützt.
Genau hier liegt der Kern der Debatte. Soll der Markt der Vorsicht der Kreditagenturen folgen oder der schieren Größe dieses Auftragsbestands vertrauen? Der aktuelle Kurs zeigt: Der Markt hat sich für Vorsicht entschieden. Der Analysten-Konsens sieht ein Kursziel von umgerechnet 215,09 Euro, ein Aufschlag von 91 Prozent zum aktuellen Niveau – diese Lücke spiegelt weniger Zuversicht wider als Unsicherheit über das Timing.
Mit einer annualisierten Volatilität von 53,56 Prozent sind weitere heftige Ausschläge in beide Richtungen wahrscheinlich. Ob Oracle den 50- und 200-Tage-Durchschnitt zurückerobert, sagt mehr über die tatsächliche Stärke aus als jede weitere Partnerschafts-Meldung. Bis die massiven Investitionen sich in echtem freien Cashflow niederschlagen, bleibt die These einer nachhaltigen Erholung unbewiesen – auch wenn der Auftragsbestand die langfristige Wachstumsgeschichte am Leben hält.
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