Starke Nachfrage, schwache Kurse. Bei Oracle klaffen Realität und Stimmung an der Börse weit auseinander. Der Softwarekonzern baut sich aktuell radikal zum KI-Infrastrukturanbieter um. Das kostet enorm viel Geld. Anleger reagieren nervös und schickten das Papier allein in den letzten 30 Tagen um rund 28 Prozent in die Tiefe.
Aktuell notiert die Aktie bei knapp 128 Euro. Das ist ein massiver Abschlag zum bisherigen Rekordhoch von 280,70 Euro aus dem Vorjahr. Der heutige Kursanstieg von gut vier Prozent ist da nur ein schwacher Trost.
Die entscheidende Kennzahl
Im Kern dreht sich alles um das Timing. Oracle muss nun beweisen, wie schnell sich der gigantische Auftragsbestand in echte Umsätze umwandeln lässt. Der laufende Umbau verschlingt enorme Summen. Das Management steht unter Druck. Die massiven Investitionen in neue Rechenzentren müssen zeitnah zu positiven freien Cashflows führen.
Das Bullen-Szenario
Die Argumente der Optimisten wiegen schwer. Die Nachfrage nach Oracles KI-Cloud-Infrastruktur explodiert förmlich. Im vierten Geschäftsquartal 2026 sprang der OCI-Umsatz um satte 93 Prozent nach oben. Damit steuerte diese Wachstumssparte 5,8 Milliarden Dollar zum Gesamtumsatz bei.
Parallel dazu wuchs der gesamte Cloud-Umsatz kräftig. Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen (RPO) erreichten zum Geschäftsjahresende gigantische 638 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Namhafte Kunden wie OpenAI, xAI und Meta Platforms sichern sich in großem Stil Rechenleistung.
Dieser Rekordbestand gilt als starker Indikator für künftige Einnahmen. Viele Analysten teilen die Zuversicht des Managements. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 220,18 Euro. Oracle punktet bei großen Entwicklern vor allem mit schnellen Rechenzentren und fortschrittlicher Netzwerktechnik.
Das Bären-Szenario und Risiken
Aber die aggressive Expansion hat ihren Preis. Im Geschäftsjahr 2026 flossen rund 56 Milliarden Dollar in Investitionen. Zur Finanzierung des Ausbaus nahm Oracle im gleichen Zeitraum neue Schulden in Höhe von 43 Milliarden Dollar auf.
Für das laufende Geschäftsjahr 2027 plant das Management bereits die nächste Runde. Weitere 40 Milliarden Dollar sollen über Fremd- und Eigenkapital in die Kassen fließen. Die Folge: Der freie Cashflow stürzte tief ins Minus und lag zuletzt bei negativen 23,7 Milliarden Dollar.
Ein weiteres Problem ist das schleppende Abrechnungstempo. Oracle wird in den nächsten zwölf Monaten voraussichtlich nur etwa 12 Prozent des Rekord-Auftragsbestands umsatzwirksam verbuchen. Weitere 34 Prozent folgen erst in den darauffolgenden zwei Jahren.
Das bedeutet konkret: Weniger als die Hälfte der bestehenden Aufträge verwandelt sich in absehbarer Zeit in bares Geld. Außerdem könnten Kunden ihren Bedarf schlichtweg überschätzt haben. Einige große KI-Unternehmen bauen bereits eigene Kapazitäten auf. Pikanterweise haben Insider in den letzten drei Monaten eigene Aktien im Wert von über 66 Millionen Dollar verkauft. Käufe aus der Chefetage blieben aus.
Ausblick
Oracles Strategiewechsel bietet enorme Chancen. Die finanziellen Hürden sind allerdings gewaltig. Beschleunigt das Unternehmen die Abrechnung seiner massiven KI-Aufträge spürbar, dürfte der Markt die Aktie zügig neu bewerten. Ein harter Sparkurs bei den laufenden Ausgaben ist dafür Grundvoraussetzung.
Verharrt der freie Cashflow jedoch im roten Bereich, droht ein weiterer Abverkauf. Ein hoher Wettbewerbsdruck durch etablierte Rivalen könnte die Margen dann zusätzlich belasten. Bei den kommenden Quartalszahlen wird der Markt exakt auf die RPO-Umwandlungsrate achten. Fällt diese Quote geringer aus als erhofft, rückt das 52-Wochen-Tief bei 113,86 Euro schnell wieder in greifbare Nähe.
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