Oracle setzt im Wettbewerb um KI-Infrastruktur auf maximale Schlagzahl – und geht dabei finanziell an die Grenze. Zwei langjährige Aufsichtsräte treten ab, während der Konzern seine Investitionen nochmals deutlich hochschraubt und dafür tief in die Bilanz greift. Im Markt stellt sich die Frage, wie stabil dieser Spagat zwischen riesigem Auftragsbestand und spürbarer Bilanzbelastung wirklich ist.
Governance-Wechsel und aggressive Investitionen
Auslöser der jüngsten Diskussionen sind die Rücktritte zweier prominenter Verwaltungsratsmitglieder. George H. Conrades (86) und Naomi O. Seligman (87) verlassen nach 18 beziehungsweise 20 Jahren den Oracle-Board. Laut Unternehmensangaben handelt es sich um reguläre, freiwillige Rücktritte ohne Streit über Strategie oder Unternehmensführung; die Zahl der Board-Mitglieder sinkt damit auf 12.
Brisant ist weniger der Vorgang selbst als das Timing. Die Führungsstruktur rückt in den Fokus, während Oracle seine ohnehin ambitionierte Investitionsplanung noch einmal deutlich ausweitet. Für das Geschäftsjahr 2026 hat der Konzern nun Kapitalausgaben von 50 Milliarden US‑Dollar angekündigt – rund 15 Milliarden mehr als bislang vorgesehen. Ziel ist der schnelle Ausbau von Rechenzentren und Infrastruktur für KI-Anwendungen.
Diese Strategie hat spürbare Folgen für die Finanzkennzahlen. Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate ist auf rund minus 13 Milliarden US‑Dollar abgerutscht. Damit finanziert Oracle den Ausbau nicht aus laufenden Mitteln, sondern belastet die Bilanz.
Zum jüngsten Handelsschluss lag die Aktie bei 202,29 US‑Dollar. Auf 30-Tage-Sicht steht trotz der Diskussionen um Schulden und Cashflow ein deutlicher Anstieg von knapp 29 % zu Buche, was die hohe Erwartungshaltung an das KI-Geschäft widerspiegelt.
Auftragsberg trifft Bilanzdruck
Operativ kann Oracle beeindruckende Zahlen vorweisen. In den Q2-Zahlen meldete der Konzern einen Remaining Performance Obligation (RPO) von 523 Milliarden US‑Dollar. Dahinter stehen langfristige Vertragszusagen, unter anderem von KI-Schwergewichten wie Meta und NVIDIA, die ihre Workloads auf Oracle Cloud Infrastructure (OCI) auslagern wollen.
Für Anleger ist damit klar: Die Nachfrage nach Oracles Cloud- und KI-Diensten ist vertraglich untermauert und keine bloße Hoffnung auf zukünftiges Wachstum. Der Ausbau der Infrastruktur folgt dieser Auftragslage, nicht andersherum.
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Die Kehrseite: Die Erfüllung dieser Verträge ist kapitalintensiv. Während einige Wettbewerber ihre KI-Investitionen aus starken laufenden Cashflows stemmen, nutzt Oracle verstärkt die eigene Bilanz als Finanzierungsquelle. Zum Ende des zweiten Geschäftsquartals am 30. November 2025 summierten sich Notes Payable und sonstige Verbindlichkeiten auf rund 108,1 Milliarden US‑Dollar.
Analysten sehen darin ein klares Risiko: Die Kombination aus negativem freiem Cashflow und hohem Investitionstempo erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Anleiheemissionen, sollte der Ausbau der Rechenzentren im aktuellen Tempo weiterlaufen. Der Markt reagiert entsprechend sensibel auf jede Veränderung der Finanzierungsbedingungen oder Signale aus dem Kreditmarkt.
Technische Marken und kurzfristige Treiber
Charttechnisch rückt kurzfristig vor allem die Zone um 200 US‑Dollar in den Mittelpunkt. Dieser Bereich gilt als zentrale Unterstützung: Hält der Kurs sich darüber, lässt sich daraus ableiten, dass der Markt die aktuelle Cash-Burn-Situation vorerst eingepreist hat und die Story des hohen Auftragsbestands überwiegt. Ein Rutsch darunter könnte hingegen neue Zweifel an der Tragfähigkeit der aggressiven Investitionsstrategie nähren und die Diskussion um die Liquidität verschärfen.
Wichtige Punkte im Überblick:
- CapEx-Plan für GJ 2026 auf 50 Mrd. US‑Dollar erhöht (+15 Mrd. gegenüber früheren Planungen)
- Freier Cashflow der letzten zwölf Monate bei etwa –13 Mrd. US‑Dollar
- Gesamtverschuldung (Notes Payable und Borrowings) per Q2 bei rund 108,1 Mrd. US‑Dollar
- RPO bei 523 Mrd. US‑Dollar, getrieben von Großkunden wie Meta und NVIDIA
- Aktie etwa 28,6 % höher als vor 30 Tagen, aber weiterhin deutlich unter dem 52‑Wochen-Hoch
Der aktuelle Kurs liegt mit gut 10 % über dem 50-Tage-Durchschnitt, was die jüngste Erholung nach einer vorangegangenen Korrektur widerspiegelt. Gleichzeitig signalisiert ein RSI von knapp 70 ein bereits angespanntes kurzfristiges Sentiment.
Ausblick: Was den Kurs bis März bewegt
Bis zum nächsten Quartalsbericht im März dürften nicht die operativen Zahlen, sondern vor allem die Finanzierungsthemen den Takt vorgeben. Entscheidend werden:
- Updates von Ratingagenturen zu Oracles Kreditwürdigkeit
- Ankündigungen zu möglichen Refinanzierungen oder neuen Anleiheemissionen
- Konkretere Aussagen zum Tempo und zur Priorisierung innerhalb des 50-Milliarden-Infrastrukturplans
Sollten sich Ratingaussagen und Refinanzierungen im erwarteten Rahmen bewegen, kann der enorme Auftragsbestand die Aktie stützen und eine weitere Stabilisierung oberhalb der Marke von 200 US‑Dollar ermöglichen. Treten dagegen Verschärfungen bei Finanzierungskosten oder Bonitätsurteilen auf, dürfte der Fokus rasch von Wachstumsperspektiven auf Bilanzrisiken umschlagen – mit entsprechend höherem Druck auf den Kurs.
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