Oracle-Aktien legten am Dienstag um 4,95 Prozent zu und schlossen bei 111,60 Euro. Nur einen Tag zuvor markierte das Papier mit 105,10 Euro ein neues 52-Wochen-Tief. Der Sprung wirkt beeindruckend. Er ändert aber wenig am eigentlichen Bild: Die Aktie notiert immer noch 26,39 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt und über 30 Prozent unter dem 200-Tage-Schnitt.
Die zentrale Frage lautet: War das der Boden, oder nur eine kurze Verschnaufpause in einer längeren Abwärtsbewegung? Der Kursrutsch der vergangenen Wochen hat einen klaren Auslöser. Investoren sorgen sich um Oracles wachsende Schuldenlast, während der Konzern gleichzeitig Milliarden in den Ausbau seiner KI-Infrastruktur pumpt.
Die entscheidende Frage: Kapital ohne Verwässerung
Oracle trug Ende Mai rund 130 Milliarden Dollar an Schulden in den Büchern. Im Februar gab der Konzern bereits Vorzugsaktien im Wert von 5 Milliarden Dollar aus, die sich zwangsweise in Stammaktien wandeln. Für die zweite Jahreshälfte plant Oracle eine weitere Kapitalerhöhung über 20 Milliarden Dollar.
Genau hier liegt der Knackpunkt für die kommenden Monate. Wie diese Kapitalerhöhung strukturiert wird und zu welchem Preis sie erfolgt, dürfte maßgeblich bestimmen, wie der Markt jede weitere Erholungsbewegung bewertet. Folgt darauf noch mehr Fremd- oder Eigenkapital, dürfte das die Aktie zusätzlich belasten.
Bull-Szenario: Der Auftragsberg als Rückhalt
Die Optimisten stützen sich auf eine beeindruckende Zahl: den Auftragsbestand. Oracle erzielte im vergangenen Quartal einen Umsatz von 19,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 21 Prozent zum Vorjahr. Der Cloud-Umsatz kletterte sogar um 47 Prozent auf 9,9 Milliarden Dollar.
Noch spektakulärer ist der Blick auf die vertraglich gesicherten künftigen Erlöse. Diese sogenannten Remaining Performance Obligations erreichten 638 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bulls argumentieren, dass sich dieser gewaltige Auftragsberg irgendwann in echten Cashflow verwandelt.
Der RSI von 33,5 signalisiert überverkaufte Bedingungen. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 220,62 Euro, fast doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs. Oracle gab im vergangenen Geschäftsjahr 55,7 Milliarden Dollar für den Bau neuer Rechenzentren aus. Kommt diese Kapazität planmäßig ans Netz, könnte der operative Cashflow schneller aufholen, als Skeptiker glauben. Der Konzern betont zudem, sein Investment-Grade-Rating über eine Mischung aus Fremd- und Eigenkapital verteidigen zu wollen.
Bär-Szenario: Die Finanzierungsklemme
Die Gegenseite verweist auf Ausführungsrisiken und eine gefährliche Kundenkonzentration. Die Ratingagentur S&P rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit Investitionen zwischen 90 und 95 Milliarden Dollar. Gleichzeitig soll sich das Defizit beim freien operativen Cashflow auf rund 42 Milliarden Dollar ausweiten.
Diese Lücke erklärt, warum die geplante Kapitalerhöhung so entscheidend ist. Reißt das Investitionstempo weiter aus, könnte über die angekündigten 20 Milliarden Dollar hinaus zusätzliches, verwässerndes Kapital nötig werden. Hinzu kommt ein Klumpenrisiko: S&P schätzt, dass rund die Hälfte der 638 Milliarden Dollar an Auftragsbestand von einem einzigen Kunden stammt — OpenAI. Gerät der ChatGPT-Entwickler bei der Finanzierung seiner Verpflichtungen ins Straucheln, bliebe Oracle auf Rechenzentren sitzen, die für eine Nachfrage gebaut wurden, die nie eintrifft.
Die Kreditmärkte preisen dieses Risiko bereits ein. Moody’s hält einen negativen Ausblick für Oracle aufrecht, eine weitere Herabstufung bleibt mittelfristig möglich. Der fünfjährige Credit-Default-Swap-Spread des Konzerns kletterte auf den höchsten Stand seit fast 18 Jahren. Bei einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 51,15 Prozent kann eine Aktie wie diese scharfe Tagesgewinne produzieren, ohne dass sich der Abwärtstrend tatsächlich dreht.
Ausblick: Der nächste Test
Solange der RSI so tief bleibt und keine neuen negativen Nachrichten zu OpenAIs Finanzierungslage auftauchen, bleiben kurzfristige Erleichterungsrallyes wie jene vom Dienstag plausibel. Die Aktie gilt technisch als überverkauft, sowohl gegenüber dem 50-Tage- als auch dem 200-Tage-Durchschnitt. Wird die angekündigte Kapitalerhöhung über 20 Milliarden Dollar hingegen zu ungünstigen Konditionen umgesetzt, oder setzt Moody’s die Ratingschraube weiter an, dürfte der Weg des geringsten Widerstands nach unten führen.
In diesem Fall bliebe die Aktie eher in der Nähe ihres 52-Wochen-Tiefs verankert, statt den 50-Tage-Durchschnitt bei 151,61 Euro zurückzuerobern. Der nächste konkrete Prüfstein sind Oracles Zahlen zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027, die in den kommenden Monaten anstehen. Sie werden zeigen, wie sich der freie Cashflow entwickelt und welche Struktur die geplante Kapitalerhöhung am Ende annimmt. Bis dahin dürfte die Spanne zwischen rekordhohem Auftragsbestand und wachsendem Kapitalbedarf die Aktie in beide Richtungen volatil halten.
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