Larry Ellison hat sich anders entschieden. Vor wenigen Tagen ließ Oracle mitteilen, der Mitgründer und Executive Chairman habe seinen Plan gestrichen, bis zu 50 Millionen Oracle-Aktien zu verkaufen. Für mich ist das die eigentlich bemerkenswerte Personalie der letzten Woche – bemerkenswerter jedenfalls als das übliche Hin und Her um Kursziele.
Man kann diesen Rückzieher zynisch lesen: Ellison verkauft nicht, weil der Kurs gerade so schwach steht, dass ein Verkauf schlicht unattraktiv wäre. Man kann ihn aber auch als Signal deuten, dass der Konzernpatriarch selbst nach dem massiven Kursrutsch der vergangenen Monate an die eigene Story glaubt. Ich tendiere zur zweiten Lesart, ohne die erste zu ignorieren. Beides schließt sich nicht aus.
Zahlen top, Kosten hoch – ein bekanntes Muster
Die Ausgangslage bleibt vertrackt. Reuters berichtete, die Erlöse im ersten Geschäftsquartal des Fiskaljahres 2027 hätten die Erwartungen der Wall Street übertroffen, getrieben von der Nachfrage im KI-Cloud-Geschäft.
Der Barmittelverbrauch sei geringer ausgefallen als befürchtet – ein Detail, das ich für wichtiger halte als die reine Umsatzzahl, weil es zeigt, dass Oracle sein aggressives Investitionstempo offenbar besser steuert als zunächst angenommen.
Gleichzeitig kündigte das Unternehmen laut Reuters zusätzliche Restrukturierungskosten von rund 700 Millionen Dollar an, inklusive Stellenstreichungen. Das passt ins Bild eines Konzerns, der massiv in KI-Cloud-Kapazitäten investiert und parallel an der Kostenschraube dreht. Diese Gleichzeitigkeit – Wachstum hier, Einschnitte dort – ist unterm Strich keine Widersprüchlichkeit, sondern das, was ein Umbau dieser Größenordnung nun einmal kostet.
Was der Markt daraus macht
Der Aktienkurs honoriert diese Gemengelage bislang nicht. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 27 Prozent zu Buche, und auch der Vortag brachte mit -2,9 Prozent auf 121,62 Euro keine Entspannung.
Für mich zeigt das: Anleger bewerten momentan die Kosten- und Risikoseite höher als die operativen Fortschritte. Das ist nicht irrational, aber es lässt sich auch als Überreaktion lesen, wenn man die zugrunde liegende Nachfragedynamik im KI-Cloud-Geschäft ernst nimmt.
Hier kommt die Analystenseite ins Spiel, wenn auch mit Vorsicht zu genießen. BMO Capital Markets setzte Mitte September ein neues Kursziel von 195 US-Dollar an – ein Wert, der deutlich über dem aktuellen Kursniveau liegt und auf Vertrauen in die mittelfristige Entwicklung hindeutet.
Ergänzend bekräftigte Argus Research eine Kaufempfehlung. Ich lese solche Einschätzungen nie als Blaupause, sondern als Indiz dafür, dass professionelle Beobachter die Substanz hinter den Zahlen anders gewichten als der aktuelle Kursverlauf es nahelegt.
Meine Einordnung
Für mich ergibt sich aus alledem ein Bild von Oracle als Unternehmen im Übergang: hohe Investitionen, hohe Kosten, aber auch belastbare Nachfrage im Kerngeschäft KI-Cloud. Ellisons Entscheidung, seine Aktien zu behalten, spricht dafür, dass die Führungsebene die aktuelle Schwäche als vorübergehend einstuft und nicht als Ausdruck struktureller Probleme.
Ob der Markt diese Sichtweise teilt, ist eine andere Frage. Die Diskrepanz zwischen operativen Fortschritten und Kursentwicklung dürfte sich erst auflösen, wenn sich zeigt, ob die 700 Millionen Dollar an Umbaukosten tatsächlich zu nachhaltig geringeren Ausgaben führen – oder ob sie nur der Anfang einer längeren Reihe von Sonderposten sind.
Bis dahin bleibt Oracle ein Fall, bei dem Fundamentaldaten und Kursverlauf auseinanderdriften. Für mich überwiegen derzeit die Argumente, die für eine Stabilisierung sprechen, auch wenn der Weg dorthin holprig bleiben dürfte.
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