Die Zahlen vom Mittwochabend waren nach jedem üblichen Maßstab außergewöhnlich gut. Oracle meldete für das vierte Quartal 19,2 Milliarden Dollar Umsatz. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag mit 2,11 Dollar klar über den Erwartungen. Auf dem Papier ist das ein Bericht, der einen Aktienkurs nach oben treiben sollte.
Das Gegenteil passierte. Die Oracle-Aktie stürzte am Donnerstag um 8,91 Prozent auf 158,64 Euro ab. Auf Wochensicht summiert sich das Minus auf über 22 Prozent. Das führt uns zu einer der wichtigsten Fragen der aktuellen Tech-Finanzierung. Ab wann wird ein historisches Rekord-Auftragsbuch von einem Vorteil zu einer echten Belastung?
Die Kosten des Wachstums
Der Kern dieses Paradoxons liegt in den zukünftigen Verpflichtungen. Oracle sitzt auf einem Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar. Das ist ein Anstieg von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein unglaublicher Beweis für zukünftige Nachfrage. Das Problem sind die Kosten für die Umsetzung.
Die Märkte fokussierten sich auf das Kleingedruckte. Die Investitionsausgaben lagen im abgelaufenen Jahr bei 55,7 Milliarden Dollar. Dann folgte der eigentliche Schock für die Stimmung. Das Management plant für das kommende Geschäftsjahr Investitionen von 90 bis 95 Milliarden Dollar. Je größer der Auftragsbestand wächst, desto mehr Kapital muss Oracle einsetzen.
Um diese Lücke zu schließen, braucht der Konzern massiv externes Geld. Oracle hat im abgelaufenen Geschäftsjahr bereits 43 Milliarden Dollar über Schulden aufgenommen. Diese Serie setzt sich fort. Für 2027 kündigte das Unternehmen an, weitere 40 Milliarden Dollar einzusammeln. Das Paket beinhaltet eine bereits bekannte Aktienausgabe von 20 Milliarden Dollar.
Klumpenrisiko im KI-Boom
Der freie Cashflow war zuletzt mit minus 23,7 Milliarden Dollar tiefrot. Oracle baut seine Cloud-Infrastruktur im Rekordtempo aus. Ein weiteres Risiko verschärft diese Finanzierungssorgen. Ein großer Teil der Aufträge stammt vom KI-Labor OpenAI.
Das Unternehmen hinter ChatGPT arbeitet bisher unprofitabel. Marktbeobachter fragen sich, wie OpenAI diese gewaltige Rechnung bezahlen wird. Oracle ist stark von dieser Partnerschaft abhängig. Wackelt das Vertrauen in den KI-Ausbauzyklus, trifft das Oracle überproportional hart.
Wachstums-Wette gegen Anlegergeduld
Das Management geht eine klare Wette ein. Die Nachfrage ist real, die Verträge sind unterschrieben. Die heute gebaute Infrastruktur wird über Jahre hinweg Renditen abwerfen. Die operative Richtung steht nicht zur Debatte. Oracle bestätigte die Umsatzprognose von 90 Milliarden Dollar für 2027. Das Ziel für den Gewinn je Aktie hob der Vorstand sogar auf 8,05 Dollar an.
Die Aktie ist zwischen diesen beiden Erzählungen gefangen. Mit 158,64 Euro notiert das Papier fast exakt auf der 50-Tage-Linie. Dieses technische Gleichgewicht spiegelt echte Unsicherheit wider. Vom 52-Wochen-Hoch bei gut 280 Euro ist der Kurs weit entfernt. Eine extrem hohe Volatilität zeigt: Der Markt sucht noch nach einem Preis für dieses Szenario.
Analysten bleiben mehrheitlich optimistisch und vergeben Kaufempfehlungen. Einige sehen in dem jüngsten Kursrutsch ein verbessertes Chance-Risiko-Verhältnis. Das Auftragsbuch von 638 Milliarden Dollar bleibt ein historischer Wert in der Tech-Branche. Es belegt eine massive Nachfrage. Aktuell dominiert jedoch die Angst vor den enormen Baukosten. Solange Oracle diese gewaltigen Investitionen nicht in positiven Cashflow verwandelt, bleibt die Aktie hochvolatil.
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