Oracle öffnet seine Geschäftsanwendungen für Künstliche Intelligenz aus dem Hause eines Cloud-Rivalen. Der Softwarekonzern kündigte an, Gemini-Modelle von Google Cloud in seine Enterprise-Produkte einzubinden – ein Schritt, der die Aktie am Donnerstag kräftig beflügelte und der Kurserholung am Freitag zusätzlichen Rückenwind verschafft.
Neue Partnerschaft mit dem Cloud-Rivalen
Oracle bringt die Modelle Gemini 3.1 Flash Lite und Gemini 3.5 Flash in sein AI Agent Studio für Fusion Applications sowie als eingebettete KI-Funktionen in Fusion und NetSuite. Google-Cloud-Vizepräsident Satish Thomas und Oracle-Vizepräsident Chris Leone betonten dabei die erweiterte Modellauswahl für Unternehmenskunden, NetSuite-Chef Evan Goldberg unterstrich die praktische Integration in bestehende Workflows. Die Kooperation ist bemerkenswert, weil Oracle und Google Cloud im Infrastrukturgeschäft direkte Konkurrenten sind – über die Oracle Cloud Infrastructure (OCI) wird der Zugang zu Gemini nun trotzdem erweitert, zusätzlich zu bereits vorhandenen Modellen von Cohere und Meta.
Nicht jeder sieht die Entwicklung unkritisch. Gartner-Analyst Balaji Abbabatulla warnte, die Haftungsfrage bei autonomen Entscheidungen von KI-Agenten sei weiterhin ungeklärt – ein Risiko, das mit wachsender Agenten-Autonomie in Unternehmenssoftware an Bedeutung gewinnt.
Kurs springt in den USA, deutsche Notierung folgt verhalten
An der Wall Street schnellte die Oracle-Aktie am Donnerstag im Tagesverlauf um bis zu 8,4 Prozent auf 127,64 Dollar nach oben, ehe sie den Handelstag etwas darunter beendete. Die Ankündigung der Gemini-Integration traf einen Markt, der Oracle zuvor über Monate abgestraft hatte.
Im deutschen Handel setzt sich die Erholung an diesem Freitag fort: Die Aktie legt um 0,83 Prozent zu und notiert bei 111,52 Euro. Damit bewegt sich das Papier rund 10,68 Prozent über dem Jahrestief, das es erst am Dienstag markiert hatte. Von einer echten Trendwende ist das allerdings weit entfernt – der Kursverlauf der vergangenen Monate bleibt von der Sorge um Oracles Verschuldung im Zuge des KI-Ausbaus geprägt.
Schuldenlast und Rating belasten das Bild
Anfang Juli stufte S&P das Kreditrating von Oracle auf BBB- herab, nur eine Stufe über Ramsch-Niveau. Parallel explodierte die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall: Ausstehende Credit Default Swaps auf Oracle-Schulden erreichten zuletzt 25,1 Milliarden Dollar, vor einem Jahr waren es noch 6,9 Milliarden Dollar. Die Risikoprämie liegt inzwischen bei 218 Basispunkten – Oracle zählt damit zu den am stärksten beobachteten Namen im Kreditderivatemarkt der Technologiebranche.
Konkret wird die Belastung im US-Bundesstaat Wisconsin: Für den 15-Milliarden-Dollar-Rechenzentrumscampus „Lighthouse“ in Port Washington muss Oracle nach der Herabstufung binnen 30 Tagen Sicherheiten von möglicherweise mehr als 7 Milliarden Dollar hinterlegen. WEC Energy Group, der zuständige Energieversorger, reichte die Auflage im Rahmen eines Genehmigungsverfahrens ein. Konzernchef Scott Lauber zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass Oracle die finanziellen Anforderungen erfüllen werde.
Analysten sehen Aufholpotenzial trotz Skepsis
Trotz der Schuldensorgen bleibt das Gros der Wall-Street-Analysten optimistisch: 37 von 43 Analysten raten aktuell zum Kauf der Aktie, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 248,15 Dollar. Guggenheim und Jefferies gehen deutlich weiter und sehen zusammen mit einem dritten Institut ein Kursziel von 400 Dollar – ein rechnerisches Aufwärtspotenzial von rund 214 Prozent gegenüber dem Donnerstagsschluss. Untermauert wird der Optimismus mit dem Auftragsbestand: Die Restleistungsverpflichtungen (RPO) wuchsen um 363 Prozent im Jahresvergleich auf 638 Milliarden Dollar, während das OCI-Geschäft im vierten Quartal um 93 Prozent auf 5,79 Milliarden Dollar zulegte.
Gil Luria von D.A. Davidson bringt es zugespitzt auf den Punkt: Der Markt bewerte Oracles OCI-getriebenen Auftragsbestand faktisch mit null, obwohl das Unternehmen bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 21 handle. Sollte OpenAI als zentraler Cloud-Kunde seine finanziellen Verpflichtungen erfüllen und Oracle den Sprung zu positivem freiem Cashflow schaffen, könnte laut Luria ein deutlicher Kursimpuls folgen. Bis dahin bleibt die Aktie ein Balanceakt zwischen KI-Wachstumsfantasie und wachsender Verschuldung.
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