Selten klaffen Zahlenwerk und Kursverlauf so weit auseinander wie bei Oracle. Der Konzern sitzt auf einem Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar. Die Aktie aber notiert bei 103,00 Euro, nur 2,22 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief. Für mich ist das einer der spannendsten Widersprüche im gesamten Tech-Sektor gerade.
Das Rätsel um den Auftragsberg
Im Zentrum der bullischen Story steht die sogenannte „Remaining Performance Obligation“, kurz RPO. Am Ende der letzten Geschäftsperiode erreichte dieser Auftragsbestand einen Rekordwert von 638 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zur Einordnung: Diese vertraglich gesicherten Einnahmen entsprechen fast einem Jahrzehnt Geschäft beim aktuellen Tempo. Große KI-Player wie OpenAI und Meta haben sich Oracles Cloud-Infrastruktur OCI faktisch für Jahre im Voraus gesichert.
Der Markt honoriert das nicht. Die Aktie liegt seit Jahresbeginn 38,03 Prozent im Minus, Investoren behandeln die 638 Milliarden eher als Risiko denn als Vermögenswert. Der Grund liegt im sogenannten „Funding Test“: Oracle muss zweistellige Milliardenbeträge investieren, um Rechenzentren zu bauen und Nvidia-Chips zu beschaffen. Erst dann werden aus Verträgen tatsächliche Umsätze.
Der Preis des Ehrgeizes
Oracles Wandel vom margenstarken Softwarehaus zum KI-Infrastruktur-Versorger kostet die Bilanz massiv. Die jährlichen Investitionsausgaben schossen im Geschäftsjahr 2026 auf rund 55,7 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Um die Lücke zu schließen, plant Oracle, in diesem Jahr zwischen 45 und 50 Milliarden Dollar über neue Anleihen und Aktienemissionen aufzunehmen.
Genau diese aggressive Finanzierungsstrategie hat die Kreditmärkte aufgeschreckt. Oracle hält zwar weiterhin Investment-Grade-Status. Die jüngste Herabstufung auf BBB- und der Anstieg der Credit Default Swaps auf 200 Basispunkte zeigen aber: Der Spielraum für Fehler ist hauchdünn.
Hinzu kommt ein ungewöhnliches Risiko. Gründer Larry Ellison hat eine persönliche Garantie über 40,4 Milliarden Dollar im Zusammenhang mit einer separaten Übernahme abgegeben. Das schürt Sorgen vor möglichen Aktienverkäufen aus seinem Bestand – ein „Gründer-Abschlag“, der den ohnehin gebeutelten Kurs zusätzlich belastet.
Überverkauft, aber nicht vergessen
Technisch betrachtet schreit die Aktie förmlich nach einer Erholung. Der RSI auf 14-Tage-Basis liegt bei 31,5 und damit klar im überverkauften Bereich – ein Niveau, das historisch oft eine zumindest vorübergehende Gegenbewegung einleitet.
Bemerkenswert ist der Abstand zwischen dem aktuellen Kurs von 103,00 Euro und dem durchschnittlichen Analysten-Kursziel von 217,90 Euro. Das impliziert ein Aufwärtspotenzial von 111,6 Prozent – eine Größenordnung, die man bei einem Unternehmen mit 303,65 Milliarden Euro Marktkapitalisierung selten sieht. Wall Street glaubt offenbar weiterhin an die langfristige Ökonomie des OCI-Auftragsbestands, auch wenn der Aktienmarkt gerade auf die kurzfristigen Finanzierungsrisiken fixiert ist.
Mein Fazit: Eine Geduldsprobe
Die Lage bei Oracle ist vielschichtig, aber für mich überwiegen kurzfristig die Chancen auf eine technische Gegenbewegung. Der tief überverkaufte RSI und die Nähe zum 52-Wochen-Tief sprechen dafür, dass hier zumindest vorübergehend ein Boden entstehen könnte. Unter Druck dürfte die Aktie aber bleiben, bis Oracle beweist, dass sich der Auftragsberg in echten Cashflow verwandeln lässt – ohne das Kreditprofil weiter zu belasten.
Die Quartalsdividende von 0,50 Dollar bietet Anlegern einen kleinen Anreiz zum Abwarten. Die eigentliche Geschichte bleibt aber der Auftragsbestand. Oracle ist im Kern eine gigantische Vorbestellung auf die KI-Revolution – vorübergehend ausgebremst durch die Kosten des eigenen Erfolgs. Solange sich das Finanzierungsumfeld nicht stabilisiert, dürfte die Kluft zwischen dem Marktpreis von 103,00 Euro und der Analysten-Vision von 217,90 Euro breit bleiben.
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