Oracle spart Personal und leiht sich gleichzeitig Milliarden – diese Kombination wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Für mich ist sie tatsächlich der Kern der Geschichte, die Anleger in den kommenden Monaten beschäftigen dürfte: Der Softwarekonzern zieht seine Wachstumsstrategie im Cloud- und KI-Geschäft durch, koste es, was es wolle. Die Frage ist nicht mehr, ob Oracle investiert, sondern ob der Konzern sich das leisten kann, ohne die Bilanz zu überdehnen.
Neue Finanzierung, alte Wachstumsziele
Am Samstag bestätigte Oracle seine Umsatzprognose von 90 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr 2027 und hob die Gewinnprognose je Aktie auf 8,05 Dollar an.
Bemerkenswerter als die Zahlen selbst ist der Weg dorthin: Der Konzern plant, im Geschäftsjahr 2027 rund 40 Milliarden Dollar frisches Kapital aufzunehmen – über eine Mischung aus Fremdkapital und die bereits angekündigte Kapitalerhöhung über 20 Milliarden Dollar im Rahmen eines „At-the-Market“-Programms.
Wer trotz sinkender Kreditwürdigkeit weiter munter Schulden aufnimmt, signalisiert entweder Selbstvertrauen oder Not. Ich tendiere aktuell zur ersten Lesart, warne aber vor der zweiten.
Der Grund für die Skepsis liegt in der Vorgeschichte. Im Juni bezifferte Oracle den negativen freien Cashflow für das abgelaufene Geschäftsjahr 2026 auf 23,7 Milliarden Dollar – eine Summe, die zeigt, wie kapitalintensiv der Ausbau der Cloud-Infrastruktur tatsächlich ist.
Wenig später, vor über einem Monat, stufte S&P Global Ratings die Kreditwürdigkeit von Oracle auf BBB- herab, nur eine Stufe über Ramschniveau, und verwies auf eine dauerhaft erhöhte adjustierte Verschuldung von mehr als dem Vierfachen des Ergebnisses.
Bemerkenswert: Seither hat die Aktie in Frankfurt um 4,3 Prozent zugelegt. Der Markt scheint die Herabstufung inzwischen eingepreist zu haben, ohne sie zu vergessen.
Personalabbau als Gegengewicht
Parallel zur Kapitaloffensive fährt Oracle die Kosten anderswo herunter. Am Samstag bestätigte der Konzern einen weltweiten Stellenabbau von rund 21.000 Mitarbeitern, etwa 13 Prozent der Belegschaft, im Geschäftsjahr 2026 – explizit begründet mit dem Einsatz von KI in den eigenen Betriebsabläufen.
Diese Sparmaßnahme lässt sich als Versuch lesen, die aggressive Investitionsstrategie an anderer Stelle zu kompensieren. Für mich spricht das für Disziplin im Kerngeschäft, während gleichzeitig ein zweistelliger Milliardenbetrag in Rechenzentren und KI-Kapazitäten fließt.
Auch am 24. Juni gab es ein Signal, das misstrauisch stimmen könnte: Vizechairman Jeffrey Henley verkaufte über einen vorab eingerichteten Rule-10b5-1-Handelsplan 400.000 Aktien zu einem Durchschnittspreis von 159,16 Dollar und reduzierte damit seine Direktbeteiligung um die Hälfte.
Da der Verkauf über einen automatisierten Plan lief, lässt sich daraus kein akutes Warnsignal ableiten – dennoch bleibt die zeitliche Nähe zu Cashflow-Sorgen und Rating-Herabstufung ein Umstand, den ich nicht wegdiskutieren möchte.
Analysten bleiben vorsichtig optimistisch
Am Donnerstag senkte UBS-Analyst Karl Keirstead sein Kursziel für Oracle von 285 auf 245 Dollar, bestätigte aber die Kaufempfehlung. Die Begründung: Sorgen um die Finanzierung der KI-Infrastruktur trüben das Bild, ohne die grundsätzlichen Wachstumstrends zu gefährden.
Am selben Tag wählte das US-amtliche Office of Personnel Management Oracle als zentralen Technologiepartner für einen zehnjährigen Vertrag über 400 Millionen Dollar zur Modernisierung der zivilen Personalverwaltung – ein weiterer Beleg dafür, dass die Nachfrage nach Oracles Fusion-HCM- und KI-Lösungen im öffentlichen Sektor intakt bleibt.
Fazit
Die Aktie notierte zuletzt bei 130,88 Euro und hat sich in den vergangenen 30 Tagen um 13,06 Prozent erholt, liegt aber weiterhin 14,02 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Diese Diskrepanz fasst die Lage gut zusammen: kurzfristige Erholung, aber noch kein nachhaltiges Vertrauen.
Unterm Strich überwiegen für mich die Chancen aus der ungebrochenen Nachfrage nach Cloud- und KI-Infrastruktur die Risiken aus der steigenden Verschuldung – vorausgesetzt, die für den 8. September angesetzten Quartalszahlen, für die Analysten einen Gewinn je Aktie von 1,67 Dollar bei 19,13 Milliarden Dollar Umsatz erwarten, bestätigen den eingeschlagenen Kurs. Bis dahin bleibt Oracle ein Wert für Anleger mit Nerven für Volatilität, nicht für Ruhesuchende.
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