Am Donnerstag legt Oracle die Zahlen zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor, und für mich ist das die wichtigste Wegmarke für die Aktie seit Monaten.
Der Kurs hat in den vergangenen sieben Handelstagen um 6,5 Prozent zugelegt, allein am Freitag um 3,1 Prozent auf 136,60 Euro. Das klingt nach Rückenwind – doch wer die Ausgangslage kennt, weiß: Diese Erholung findet auf sehr niedrigem Niveau statt.
Seit Jahresbeginn steht für Oracle ein Minus von 18 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sind es sogar 33 Prozent. Zum 52-Wochen-Hoch vom 10. September 2025 klafft weiterhin eine Lücke von 54 Prozent.
Die Wette auf die Cloud-Zahlen
Analysten erwarten für das erste Quartal einen Umsatz von rund 19,1 bis 19,5 Milliarden Dollar und einen Gewinn je Aktie zwischen 1,73 und 1,77 Dollar.
Ein Analyst rechnet konkret mit einem EPS von 1,74 Dollar (plus 18,4 Prozent gegenüber Vorjahr) bei einem Umsatz von 19,13 Milliarden Dollar. Entscheidend wird aus meiner Sicht nicht die Gesamtzahl sein, sondern die Cloud-Infrastruktursparte: Hier wird ein Wachstum von 116 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet, beim Cloud-SaaS-Geschäft rund 12,8 Prozent.
Bleibt Oracle hier hinter den Erwartungen zurück, dürfte die Erholung der letzten Wochen schnell wieder verpuffen – das Unternehmen hat beim vergangenen Quartalsbericht bereits gezeigt, wie empfindlich der Markt reagiert: Nach einem Umsatz von 19,18 Milliarden Dollar, der unter der Erwartung von 19,48 Milliarden Dollar lag, fiel die Aktie um 8,53 Prozent.
Was mich an der aktuellen Lage besonders beschäftigt, ist der Auftragsbestand. Die Restwertverpflichtungen (RPO) sind zum Ende des Geschäftsjahres 2026 auf rund 638 Milliarden Dollar gestiegen – ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist eine gewaltige Zahl, und sie nährt die bullische Erzählung um Oracle als KI-Infrastrukturanbieter.
Ein bekannter Investor, der bei TipRanks zu den obersten zwei Prozent der bewerteten Analysten zählt, sieht den Boden bei 120 Dollar erreicht und nennt ein Zwölfmonats-Kursziel von 254,68 Dollar, gestützt auf 28 Kauf- und lediglich vier Halten-Einstufungen.
Die Schuldenseite darf man nicht ausblenden
Für mich überwiegt jedoch die Sorge, dass diese Wachstumsstory teuer erkauft wird. Die Investitionen (Capex) lagen im Geschäftsjahr 2026 bei 55,7 Milliarden Dollar, ein Plus von 162 Prozent gegenüber dem Vorjahr – und für das Geschäftsjahr 2027 plant Oracle bereits 95 Milliarden Dollar ein, teils finanziert über Kundenanzahlungen von 20 bis 25 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat Oracle für 2027 zusätzliche Fremd- und Eigenkapitalaufnahmen von 40 Milliarden Dollar angekündigt.
Der freie Cashflow war im Geschäftsjahr 2026 mit minus 23,7 Milliarden Dollar tief negativ, und laut einer Analyse von S&P Global soll er 2027 branchenweit bei sechs großen Hyperscalern erneut negativ bleiben – für Oracle wird ein Wert von minus 41,6 Milliarden Dollar erwartet. Von den sechs betrachteten Konzernen soll demnach nur Microsoft 2027 einen positiven freien Cashflow erzielen.
Dazu kommt die Personalseite: Oracle hat im Geschäftsjahr 2026 bereits 21.000 Stellen abgebaut, von 162.000 auf 141.000 Mitarbeiter, und plant für September weitere Entlassungen, in einigen Teams mit zweistelligen Prozentkürzungen.
Restrukturierungskosten von bis zu 2,1 Milliarden Dollar fallen dafür an. Das liest sich wie ein Unternehmen, das seine Bilanz auf eine einzige Wette setzt: dass die KI-Nachfrage schnell genug wächst, um die Schuldenlast zu rechtfertigen.
Der Investor Jim Cramer warnte Anfang September vor einer zu optimistischen Einschätzung möglicher Moratorien bei Rechenzentren – ein Hinweis, den ich ernst nehme, weil er die Kehrseite des Wachstumsnarrativs betont.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich Oracle an einem Scheideweg, der durch die Zahlen am Donnerstag markiert wird. Die technischen Indikatoren – ein RSI von 60,8 sowie ein Abstand von zwölf Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt – deuten auf eine intakte kurzfristige Erholung hin. Doch der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von minus 5,9 Prozent zeigt, dass der übergeordnete Trend noch nicht gedreht hat.
Für mich sprechen der gigantische Auftragsbestand und die Analystenzuversicht für eine Chance – aber die massive Schuldenaufnahme und der negative Cashflow sind Risiken, die man nicht kleinreden sollte. Die Zahlen am Donnerstag werden zeigen, welche Seite dieser Geschichte gerade die Oberhand gewinnt.
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