OpenAI will laut Berichten eine noch unbestätigte Finanzierungsrunde zu einer Bewertung von 1,25 Billionen Dollar vor dem neuen Kapital abschließen. Wie passt diese Bewertung zum Finanzierungsbedarf des Infrastrukturaufbaus und zu den zuletzt berichteten Erlösen? Darüber spricht die Redaktion mit Dieter Jaworski.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Das Management hat einen Fünfjahresvertrag über rund 300 Milliarden Dollar mit Oracle vereinbart und wirbt jetzt um bis zu 30 Milliarden Dollar frisches Kapital. Wie gefährlich ist diese Mittelverwendung?
Dieter Jaworski: Ich halte die Bindung künftiger Mittel für das größte Risiko. Das Management sichert Rechenkapazität in einer Größenordnung, deren wirtschaftlichen Nutzen das Geschäft erst belegen muss. Strategisch lässt sich das erklären: Ohne verfügbare Rechner kann OpenAI seine Nachfrage nicht bedienen. Wirtschaftlich überzeugt mich die Reihenfolge noch nicht.
Den Oracle-Vertrag darf man allerdings nicht wie eine sofort fällige Rechnung behandeln. Die Zahlungen verteilen sich über die Vertragslaufzeit. Trotzdem schafft eine solche Bindung Druck, die Kapazitäten später auch ertragreich auszulasten. Frisches Eigenkapital verschafft dafür Zeit und verwässert die bisherigen Eigentümer.
Bei der angeblich „opportunistischen“ Runde bin ich deshalb vorsichtig. Sie ist noch nicht abgeschlossen; auch die endgültige Summe steht aus. Belastbare Angaben zu persönlichen Insiderkäufen oder -verkäufen liegen hier nicht vor. Aus dem Interesse neuer Geldgeber lässt sich jedenfalls keine persönliche Überzeugung des Managements ablesen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Welche wirtschaftliche Leistung verlangt die angestrebte Bewertung dem Unternehmen konkret ab?
Dieter Jaworski: Sie verlangt, dass aus enormer Nutzung ein dauerhaft ertragreiches Geschäft wird. Die berichteten 1,25 Billionen Dollar sind eine Pre-Money-Bewertung, also der Eigenkapitalwert vor Zufluss des neuen Geldes. Als endgültig ausgehandelten Unternehmenswert würde ich diese Zahl noch nicht behandeln.
Setzt man sie ins Verhältnis zu den laut FT Ende September 2026 erreichten annualisierten Erlösen von knapp 50 Milliarden Dollar, landet man bei etwas mehr als dem 25-Fachen. Annualisiert heißt: Das damalige Erlösniveau wird auf ein Jahr hochgerechnet; es handelt sich nicht um bereits verbuchte Jahreseinnahmen.
Das ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Messlatte. Der Umsatz muss kräftig wachsen, während nach den laufenden Kosten und den nötigen Investitionen zunehmend Geld übrig bleibt. Gerade dieser zweite Teil ist für mich entscheidend. Bloß mehr Geschäft auf immer größerer Kapitalbasis rechtfertigt einen solchen Preis noch lange nicht.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie nennen „etwas mehr als dem 25-Fachen“ eine anspruchsvolle Messlatte. ChatGPT überschritt im Juni die Marke von einer Milliarde monatlichen App-Nutzern. Unterschätzen Sie mit Ihrem Blick auf den heutigen Umsatz den Wert dieser Reichweite?
Dieter Jaworski: Die Annahme, enorme Reichweite mache eine solche Bewertung bereits plausibel, trägt für mich nicht. Zwischen Nutzung und Eigentümerertrag fehlt ein entscheidendes Glied: OpenAI muss die Nachfrage zu Preisen bedienen können, die auch seine aufwendige Infrastruktur tragen.
Die Marke erkenne ich ausdrücklich an. ChatGPT ist ein außergewöhnlich starkes Konsumentenprodukt. Nur belegt die Größe der Nutzerbasis weder Preissetzungsmacht noch günstige Kosten je zusätzlicher Nutzung.
Hinzu kommt ein unangenehmer Befund: Im Mai 2026 lag OpenAIs globaler Web-Traffic-Anteil laut Similarweb bei 52,7 Prozent, nach 76,4 Prozent ein Jahr zuvor. Web-Traffic ist kein Umsatzanteil. Für die Vorstellung, OpenAI könne seine enorme Reichweite nahezu ungestört wirtschaftlich ausschöpfen, ist diese Entwicklung trotzdem eine deutliche Einschränkung.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Woran würden Sie früh erkennen, dass Ihre Skepsis gegenüber dem Infrastrukturaufbau falsch liegt?
Dieter Jaworski: Am Verhältnis von Rechenaufwand zu Erlösen. Wenn OpenAI bei weiter wachsender Nutzung weniger Rechenkosten je Umsatzdollar benötigt, würde meine These früh ins Wanken geraten. Dann hätte die zusätzliche Kapazität einen nachweisbaren wirtschaftlichen Hebel.
Bisher macht mich der belegte Stand vorsichtig: Im ersten Quartal 2026 betrug die operative Marge minus 122 Prozent. Diese Kennzahl setzt das Ergebnis des laufenden Geschäfts ins Verhältnis zum Umsatz; damals überstieg der operative Verlust also den Umsatz. Das ist ein historischer Quartalswert, kein Beleg für den Zustand Ende Oktober.
Eine belastbare Verbesserung der Kosten je Umsatzdollar würde ich höher gewichten als die nächste Finanzierungszusage. Größere Kapazitäten allein überzeugen mich nicht. Ihre bessere wirtschaftliche Nutzung schon.
Kapitalmarktexperten Redaktion: ChatGPT hat eine weltweit bekannte Marke aufgebaut. Ist Ihre Skepsis nicht zu streng gegenüber einem Management, das einen solchen Erfolg überhaupt erst ermöglicht hat?
Dieter Jaworski: Für den Aufbau von ChatGPT verdient das Management Anerkennung. Reichweite bezahlt die Stromrechnung nicht. Mein Vertrauen wächst, wenn die Führung beim Geldausgeben dieselbe Stärke zeigt wie beim Gewinnen neuer Nutzer.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie haben die Bewertung von etwas mehr als dem 25-Fachen der annualisierten Erlöse genannt. Wenn die neuen Geldgeber diesen Preis akzeptieren, überzeugt Sie deren Urteil über OpenAI?
Dieter Jaworski: Nein. Meine Einschätzung bleibt skeptisch: Die angestrebte Bewertung verlangt mehr wirtschaftlichen Beleg, als die vorliegenden Zahlen liefern. Ich gewichte die Bindung künftiger Mittel schwerer als die Bereitschaft neuer Geldgeber, weiteres Kapital bereitzustellen. OpenAI hat ein außergewöhnliches Produkt aufgebaut; bei der Kapitalverwendung schuldet das Management noch den entscheidenden Nachweis.
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