Die Straße von Hormus ist de facto unpassierbar. Weil der Weltmarktpreis für Öl um rund 30 Prozent nach oben geschossen ist, greift die OMV nun zu drastischen Mitteln. Wenige Tage vor der Bilanzvorlage zapft der Wiener Energiekonzern die staatliche Pflichtnotstandsreserve an.
Öl für Schwechat
In einem ersten Schritt sichert sich das Unternehmen 56.000 Tonnen Rohöl. Das Wirtschaftsministerium in Wien gab den Verkauf zu marktüblichen Preisen bekannt. Die Maßnahme ist Teil einer international koordinierten Aktion der Energieagentur IEA.
Über die Pipeline von Triest nach Schwechat fließt das Öl aus dem Lager Lannach direkt in die OMV-Raffinerie. Nach der Verarbeitung dient das Endprodukt ausschließlich der Inlandsversorgung.
Die abgerufene Menge entspricht zwei Prozent der österreichischen Notreserve. Diese soll das Land im Krisenfall für 90 Tage absichern. Die EU-Kommission rechnet ab Mai mit einem knappen Angebot bei Diesel und Kerosin, falls die Blockade anhält.
Operativer Druck vor der Bilanz
Die geopolitische Eskalation trifft die OMV operativ hart. Lieferkettenunterbrechungen im Nahost-Konflikt bescheren dem Konzern einmalige Absicherungsverluste in dreistelliger Millionenhöhe. Parallel dazu brach die Gewinnmarge pro Barrel von 10,76 Euro auf 6,65 Euro ein.
Dieser Margenverfall passierte trotz einer deutlich verbesserten Raffinerieauslastung.
Am 30. April veröffentlicht das Management die Ergebnisse für das erste Quartal. Analysten prognostizieren einen Gewinn je Aktie von 1,32 Euro. Der Konzernumsatz soll auf gut 7,76 Milliarden Euro steigen.
Abstriche bei der Dividende
Abseits der Krisenbewältigung verarbeiten Anleger einen Dämpfer bei der Ausschüttungspolitik. OMV und ADNOC haben den Börsengang ihres Joint Ventures Borouge auf 2027 verschoben. Die OMV erhält daraus für das laufende Jahr nur noch eine halbierte Ausschüttung von 250 Millionen US-Dollar.
Das Management beziffert die negative Auswirkung auf die eigene Dividende auf bis zu 0,70 Euro je Anteilsschein. Für das abgelaufene Geschäftsjahr hat der Vorstand der Hauptversammlung eine Ausschüttung von 4,40 Euro vorgeschlagen.
An der Börse macht sich angesichts der operativen Hürden eine gewisse Nervosität bemerkbar. Zwar steht seit Jahresbeginn noch ein Kursplus von gut 18 Prozent auf der Anzeigetafel. Ausgehend vom Jahreshoch bei 63,20 Euro Anfang April rutschte die Aktie zuletzt allerdings auf 57,20 Euro ab.
Die künftige Ausschüttungsstrategie stützt sich zur Hälfte auf das Borouge-Joint-Venture sowie auf den operativen Cashflow des restlichen Geschäfts. Wenn der Vorstand am kommenden Donnerstag die Bücher öffnet, liegt der Fokus auf den exakten Belastungen durch die Hormus-Störungen. Die schwachen Raffineriemargen liefern einen ersten Vorgeschmack auf ein anspruchsvolles Quartal.
