Das Wachstumstempo bei OHB hat sich im zweiten Quartal spürbar verlangsamt — und trotzdem bleibt die Investmentgeschichte praktisch unverändert. Der Grund: Die wirklich großen Verträge, allen voran das EU-Satellitenprojekt IRIS², stehen erst noch bevor. Analysten sehen den Bremer Raumfahrt- und Rüstungskonzern deshalb an der Schwelle zu einem Auftragszyklus, der die kommenden Jahre prägen könnte.
Wachstum bremst, Marge zieht an
Das operative Ergebnis wuchs im zweiten Quartal um 9 Prozent zum Vorjahr — nach 15 Prozent im ersten Quartal. Für das Gesamtjahr hält OHB an seiner Prognose fest, was rechnerisch eine Beschleunigung auf 13 Prozent im zweiten Halbjahr voraussetzt. Damit müsste die zweite Jahreshälfte gut 55 Prozent des Jahresergebnisses beisteuern, ähnlich wie schon 2025.
Bei der Profitabilität lief es deutlich besser: Das bereinigte EBITDA stieg um 27 Prozent auf 33 Millionen Euro, die Marge kletterte auf 9,5 Prozent. Im ausgewiesenen Ergebnis von 10,6 Millionen Euro stecken allerdings 22,4 Millionen Euro Einmalkosten — größtenteils die 21,4 Millionen Euro Transaktionskosten der Kapitalerhöhung aus dem Juni. Diese fielen höher aus als erwartet, was Analysten zu niedrigeren Gewinnschätzungen je Aktie veranlasste.
Für das erste Halbjahr insgesamt weist OHB ein operatives Ergebnis von 628 Millionen Euro aus, deutlich über dem Vorjahreswert. Das bereinigte EBITDA legte um mehr als 30 Prozent auf 60 Millionen Euro zu, die Marge liegt bei 9,6 Prozent. Die Jahresprognose von 1,4 Milliarden Euro Gesamtleistung und einer Marge zwischen 10,5 und 11 Prozent bleibt bestätigt.
Rückschlag bei der eigenen Rakete
Der einzige echte Dämpfer kam von der Tochter Rocket Factory Augsburg. Nach dem ersten Druckbeaufschlagungstest Ende Juli hatte das Team ein Problem am Tank festgestellt und die Rakete wieder vom Startplatz geholt. Der Erstflug soll trotzdem noch in diesem Jahr stattfinden. Da RFA nur at-equity bilanziert wird, taucht das Vorhaben in der Konzernguidance gar nicht auf — in der Bewertung wird es lediglich als Finanzanlage im Wert von 145 Millionen Euro berücksichtigt.
IRIS² als Schlüsselmoment
Der Auftragseingang im zweiten Quartal lag bei rund 299 Millionen Euro, ein Book-to-Bill-Verhältnis von 0,9. Analysten werten das als Tiefpunkt vor einer Belebung im zweiten Halbjahr. Erstes Indiz dafür war der Zuschlag für die zweite PRISMA-Mission im Wert von 82 Millionen Euro — ein Folgeauftrag zum ersten Hyperspektral-Satelliten, der seit 2019 im Orbit ist.
Als strategisch bedeutendster Termin gilt die EU-Satellitenkonstellation IRIS². OHB verhandelt als Kernpartner den Vertrag für das 18-Satelliten-Segment im mittleren Erdorbit, eine Unterzeichnung wird noch in diesem Halbjahr erwartet. Parallel laufen Verhandlungen zu einem Sentinel-Nachfolgevertrag der ESA sowie zur Mission Clearspace-1, bei der OHB den ausgedienten Satelliten Proba-1 einfangen und aus dem Orbit entfernen soll. Die Umsetzungsphase des Navigationsdemonstrators OpSTAR soll ebenfalls noch dieses Jahr starten.
Ab 2027 dürfte sich der Auftragszyklus weiter verbreitern. Grundlage dafür sind das 22-Milliarden-Euro-Budget der ESA, Deutschlands geplante Investitionen von 35 Milliarden Euro in militärische Raumfahrt bis 2030 sowie ein vorgeschlagener EU-Rahmen von 131 Milliarden Euro für Raumfahrt und Verteidigung im Zeitraum 2028 bis 2034. Größtes Einzelprojekt auf der Verteidigungsseite ist SATCOMBw4 mit einem Volumen von rund 10 Milliarden Euro, an dem OHB nach Schätzungen einen Werkanteil von 30 bis 50 Prozent halten könnte.
Die Kapitalerhöhung vom Juni hat die Bilanz spürbar gestärkt: Der Nettoverschuldungsgrad verbesserte sich auf minus 1,1, die Eigenkapitalquote liegt über 40 Prozent. Die Fuchs-Familie bleibt mit mehr als 60 Prozent Mehrheitsaktionär, KKR hält rund 20 Prozent.
Mit Blick auf die kommenden Monate bleibt die Unterzeichnung des IRIS²-Vertrags der wichtigste Termin für die Aktie. NuWays AG bestätigte das Kaufrating mit einem Kursziel von 340 Euro auf Basis eines DCF-Modells. Sollten die anstehenden ESA- und EU-Verträge wie erwartet im zweiten Halbjahr unterschrieben werden, dürfte sich der schwache Auftragseingang aus dem zweiten Quartal als vorübergehend erweisen.
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