OHB-Aktionäre erleben gerade eine Achterbahnfahrt, die selbst für dieses Papier ungewöhnlich ist. Nach Berichten über einen möglichen Milliardenauftrag für Iris²-Satelliten schoss die Aktie am Montag zunächst nach oben, scheiterte aber an der wichtigen 50-Tage-Linie bei 287,69 Euro.
Am heutigen Dienstag folgt die Ernüchterung: ein Kursrückgang von 6,8 Prozent. Für mich ist das ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Anleger gute Nachrichten erst überschießend feiern und dann genauso überschießend verkaufen.
Der Auftrag ist real, aber noch nicht in trockenen Tüchern
Das Handelsblatt berichtete am Montag, OHB solle den Zuschlag für den Bau von 18 MEO-Satelliten für die europäische Konstellation Iris² erhalten, mit einem geschätzten Volumen von knapp einer Milliarde Euro. Die EU-Kommission bestätigte die Beteiligung des Bremer Konzerns, doch die Verhandlungen laufen laut Bericht noch.
Genau hier liegt für mich der Knackpunkt: Ein noch nicht final unterschriebener Vertrag ist kein Grund für Partystimmung, aber eben auch kein Grund für Panikverkäufe. Wer heute verkauft, wettet im Grunde darauf, dass die Verhandlungen platzen – dafür gibt es aktuell keine Anzeichen.
Zur Einordnung: Beim größten Iris²-Baustein, mit bis zu 264 Satelliten und einem Volumen von mindestens 1,8 Milliarden Euro, setzte sich das belgische Start-up Aerospacelab gegen Airbus durch. OHB bekommt also nicht den größten, aber einen substanziellen Teil des Kuchens.
Die Fundamentaldaten sprechen eine andere Sprache als der Chart
Wer nur auf den Tageschart schaut, könnte den Eindruck gewinnen, bei OHB laufe etwas schief. Das Gegenteil ist der Fall. Der Konzern hat gerade erst eine Kapitalerhöhung mit einem Bruttoemissionserlös von 484 Millionen Euro abgeschlossen, um Fertigungskapazitäten auszubauen und Übernahmen zu finanzieren.
Die Q2-Zahlen von vergangener Woche zeigten einen Umsatzanstieg um 7 Prozent auf 329 Millionen Euro und ein um 25 Prozent verbessertes bereinigtes EBITDA von 33 Millionen Euro.
Dass unter dem Strich ein Fehlbetrag von 5 Millionen Euro stand, lag an 21,4 Millionen Euro Transaktionskosten der Kapitalerhöhung – ein Einmaleffekt, kein strukturelles Problem. Die Jahresprognose mit einer Gesamtleistung von 1,4 Milliarden Euro und einer bereinigten EBITDA-Marge zwischen 10,5 und 11,0 Prozent wurde bestätigt.
Dazu passt, dass Goldman Sachs bereits am 5. August auf den Rekordauftragsbestand von 3,4 Milliarden Euro sowie eine Projektpipeline von rund 20 Milliarden Euro verwies – Zahlen, die für mich die eigentliche Substanz hinter dem Kursfeuerwerk der vergangenen Monate liefern.
Die Aktie steht seit Jahresbeginn mit 117 Prozent im Plus, auf Sicht von zwölf Monaten sogar mit 264 Prozent. Da relativiert sich ein Tagesverlust von 6,8 Prozent schnell zur normalen Verschnaufpause nach einer steilen Rally.
Nicht alles läuft rund
Ein Wermutstropfen bleibt: Bei der Beteiligung Rocket Factory Augsburg verzögert sich der für 2026 geplante Erstflug, nachdem technische Probleme beim Zusammenbau der Rakete auftraten. Das schmälert die Story vom reibungslosen Höhenflug etwas, ändert aber nichts am Kerngeschäft mit Satelliten und institutionellen Aufträgen, das den Löwenanteil des Geschäfts ausmacht.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die Argumente für eine Beruhigung statt für Alarmismus. Der Kursrückgang wirkt wie eine technische Reaktion auf eine vorherige Übertreibung, nicht wie das Einpreisen schlechter Nachrichten. Der potenzielle Iris²-Auftrag, der Rekordauftragsbestand und die bestätigte Jahresprognose sprechen dafür, dass die fundamentale Geschichte intakt bleibt.
Wer bei OHB investiert ist, sollte sich von der Tagesvolatilität – bei einer annualisierten Schwankungsbreite von 57 Prozent ohnehin keine Überraschung – nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die entscheidende Frage bleibt, ob und wann die Iris²-Verhandlungen tatsächlich unterschriftsreif werden. Bis dahin bleibt der heutige Rücksetzer für mich eher Lärm als Signal.
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