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Offshore-Blockade, Rekordquartal, Existenzkampf — fünf Grünstrom-Aktien im Realitätscheck

Siemens Energy meldet Rekordquartal, Verbio überrascht mit Ergebniswende, während ABO Energy ums Überleben kämpft. Regulatorische Unsicherheit belastet den Sektor.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Siemens Energy mit Rekordaufträgen
  • Verbio gelingt überraschende Ergebniswende
  • ABO Energy kämpft um Existenz
  • Offshore-Blockade belastet Branche

Bis zu 50 Milliarden Euro an Offshore-Windprojekten stecken fest, weil Energieriesen wie TotalEnergies und BP gewonnene Auktionsflächen nicht entwickeln wollen. Mitten in diese politische Konfrontation zwischen Branchenverband und Bundeswirtschaftsministerium platzen Quartalszahlen, die den Sektor in Gewinner und Verlierer spalten wie selten zuvor. Siemens Energy meldet Rekordergebnisse, Verbio überrascht mit einer Ergebniswende — und ABO Energy kämpft ums Überleben.

Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) fordert einen gesetzlichen Mechanismus zur freiwilligen Rückgabe bereits vergebener Offshore-Flächen. Rund 16 Gigawatt Kapazität stehen im Raum — mehr als die derzeit ans deutsche Netz angeschlossene Offshore-Leistung. Das Bundeswirtschaftsministerium blockt: Das Windenergie-auf-See-Gesetz sehe keine Rückgabe vor. Vertragsstrafen und Entzug der Zuschläge bei Fristversäumnissen seien die vorgesehenen Instrumente.

Diese regulatorische Unsicherheit trifft auf ein Feld, das operativ kaum weiter auseinanderdriften könnte.

Siemens Energy: Rekordaufträge und beschleunigter Aktienrückkauf

Das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2026 markiert einen neuen Höhepunkt für Siemens Energy. Aufträge in Höhe von 17,7 Milliarden Euro bedeuten einen Allzeitrekord. Das Book-to-Bill-Verhältnis lag bei 1,72, der Auftragsbestand kletterte auf 154 Milliarden Euro.

Der Umsatz stieg um 8,9 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro, der Gewinn vor Sondereffekten auf 1,16 Milliarden Euro. Unter dem Strich blieben 835 Millionen Euro — gegenüber 501 Millionen im Vorjahresquartal ein gewaltiger Sprung.

CEO Christian Bruch verwies auf die Grid-Technologies-Sparte als zentralen Wachstumstreiber. Allein im ersten Halbjahr verbuchte das Segment Rechenzentrumsaufträge im Volumen von knapp zwei Milliarden Euro. Die Auftragseingänge der Sparte legten um 42 Prozent zu, angetrieben von einem großen HGÜ-Projekt in der Ostsee und starker Transformatoren-Nachfrage aus den USA.

Die angehobene Jahresprognose spiegelt das Momentum:

  • Umsatzwachstum: 14 bis 16 Prozent (vergleichbar)
  • Gewinnmarge vor Sondereffekten: 10 bis 12 Prozent
  • Nettogewinn: rund 4 Milliarden Euro
  • Free Cashflow vor Steuern: rund 8 Milliarden Euro

Die erste Tranche des sechs Milliarden Euro schweren Aktienrückkaufprogramms — zwei Milliarden Euro — ist nahezu abgeschlossen. Rund 11,6 Millionen Aktien wurden seit März 2026 zurückgekauft. JPMorgan hob das Kursziel auf 225 Euro an, Deutsche Bank und Berenberg jeweils auf 200 Euro.

Beim Offshore-Wind räumte Bruch ein, dass der Auftragseingang unter den Erwartungen lag. 2026 sei bewusst als schwächeres Offshore-Jahr eingeplant, mehr Aufträge würden 2027 erwartet. Die Aktie notiert bei 171,50 Euro — ein Rückgang von knapp 9 Prozent vom Jahreshoch, aber seit Jahresbeginn immer noch fast 40 Prozent im Plus.

Vulcan Energy: Alles hängt am Financial Close

Vulcan Energy steuert auf den kritischsten Moment seiner Unternehmensgeschichte zu. Der Financial Close für das Lionheart-Projekt im Oberrheingraben wird im zweiten Quartal 2026 erwartet. Er soll rund 1,2 Milliarden Euro an vorrangigen Kreditlinien freischalten, ergänzt durch 204 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen.

Die Uhr tickt. Im ersten Quartal 2026 verbrannte Vulcan 76 Millionen Euro. Die Barreserven schrumpften von 523 Millionen Euro auf 364 Millionen Euro. Ohne die Finanzierung wird es eng.

Positiv: Rheinland-Pfalz gewährte eine fünfjährige Befreiung von Lithium-Förderabgaben. Stellantis hat sich zur Abnahme von 128.000 Tonnen Lithium über zehn Jahre verpflichtet, wobei rund 72 Prozent der Mengen preislich abgesichert sind. Der Lithiumkarbonat-Preis hat seit Jahresbeginn etwa 50 Prozent zugelegt und liegt bei rund 25.600 Dollar je Tonne — Rückenwind für die Projektökonomie.

Am 28. Mai findet die Hauptversammlung in Perth statt. Die Aktie pendelt bei 2,17 Euro — fast 45 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch und weiterhin vorbelastet durch die hohe Volatilität eines Pre-Revenue-Unternehmens.

ABO Energy: Restrukturierung als Existenzfrage

Kein anderer Wert im Feld steht so nah am Abgrund. ABO Energy hat seit Jahresbeginn rund 49 Prozent verloren. Die Marktkapitalisierung liegt bei nur noch etwa 42 Millionen Euro.

Im Mai lieferte das Unternehmen eine doppelte Hiobsbotschaft. Der vorläufige Restrukturierungsbericht attestiert der ABO Energy GmbH & Co. KGaA grundsätzlich Restrukturierungsfähigkeit — allerdings ausschließlich unter der Bedingung, dass eine tragfähige Restrukturierungsfinanzierung mit Finanzierungspartnern zustande kommt. Ein positiver Jahresabschluss 2026 ist damit vom Tisch.

Schwerer wiegt: Das Unternehmen meldete einen Verlust in Höhe der Hälfte des Grundkapitals. Die Pflichtmitteilung nach §92 AktG löst die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung aus. Erst ab 2027 rechnet das Management wieder mit schwarzen Zahlen auf EBITDA-Ebene.

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ABO Energy entwickelt, baut und verkauft Wind-, Solar-, Batterie- und Hybridprojekte in mehreren europäischen Ländern. Die regulatorische Unsicherheit rund um die Offshore-Flächenrückgaben verschärft das ohnehin angespannte Umfeld für Projektentwickler mit dünner Kapitaldecke zusätzlich.

Verbio: Biomethane-Boom treibt die Ergebniswende

Die Biokraftstoff-Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten über 276 Prozent zugelegt. Die jüngsten Neunmonatszahlen untermauern den Turnaround. Der Umsatz stieg auf 1,34 Milliarden Euro, das EBITDA erholte sich auf 105,7 Millionen Euro — von mageren 22,4 Millionen im Vorjahreszeitraum.

Das Nettoergebnis drehte von minus 40,5 Millionen auf plus 22,3 Millionen Euro. Der Free Cashflow schwang von minus 107,8 Millionen auf plus 33 Millionen Euro. Treiber war die Biomethan-Produktion, die dank der Hochlaufphase des Nevada-Werks um 20 Prozent auf 1.040 GWh kletterte.

Regulatorischer Rückenwind kommt von der RED-III-Umsetzung in Deutschland und höheren US-amerikanischen Renewable Volume Obligations. Die steigenden Quotenniveaus — Richtung 17,5 und 19,5 Prozent — sowie der Wegfall der Doppelanrechnung dürften die realen CO₂-Einsparverpflichtungen auf 35 bis 40 Millionen Tonnen pro Jahr anheben. Management beziffert die EBITDA-Sensitivität auf die GHG-Quotenpreise: Ein Anstieg um 100 Euro je Quote könnte das jährliche EBITDA um 40 bis 80 Millionen Euro verschieben.

Für das Gesamtjahr erwartet Verbio ein EBITDA am oberen Ende der Spanne von 100 bis 140 Millionen Euro. Eine Warnung gab es dennoch: Das vierte Quartal dürfte das starke dritte nicht wiederholen. Teile der Q3-Gewinne profitierten von vorgezogenen Effekten der GHG-Quoten-Compliance 2025. Die Aktie notiert bei 36,26 Euro — deutlich unter ihrem Jahreshoch, mit einem RSI von 28, der auf eine überverkaufte Lage hindeutet. Deutsche Bank hält am Kursziel von 42 Euro und der Kaufempfehlung fest.

Energiekontor: PPA-Strategie zahlt sich aus

Energiekontor läuft seit Wochen unter dem Radar vieler Anleger — zu Unrecht. Die Aktie hat seit Jahresbeginn fast 30 Prozent zugelegt. Im Monatsvergleich steht ein Plus von über 23 Prozent. Am heutigen Handelstag gab der Kurs allerdings um 2,88 Prozent auf 48,95 Euro nach.

Strategisch setzt der Bremer Projektentwickler auf die Umstellung älterer Windparks, die aus der EEG-Förderung fallen, auf marktbasierte Power Purchase Agreements. Für mehrere deutsche Standorte wurden attraktive PPA-Preise gesichert — ein Signal, dass die Post-EEG-Ära nicht zwangsläufig Ertragseinbußen bedeuten muss.

Die Geschäftszahlen für 2025 unterstreichen das Momentum:

  • Umsatz: 173,5 Millionen Euro (+37 Prozent)
  • Nettogewinn: 41,0 Millionen Euro (+82 Prozent)
  • Ergebnis je Aktie: 2,94 Euro (Vorjahr: 1,62 Euro)

Am 28. Mai steht der Ex-Dividendentag an — die Ausschüttung beträgt 1,00 Euro je Aktie, zahlbar am 1. Juni. First Berlin bestätigte das Buy-Rating mit einem Kursziel von 66 Euro. Der durchschnittliche Analystenkonsens liegt sogar bei 76,50 Euro.

Drei Lager, ein Sektor — Regulierung als Bindeglied

Die fünf Werte zeigen exemplarisch, wie weit die Schere im Grünstrom-Segment aufgeht.

Siemens Energy agiert in einer eigenen Liga. Der milliardenschwere Auftragsbestand sichert Visibilität: Rund 93 Prozent der Umsätze für das zweite Halbjahr 2026 und knapp 80 Prozent für 2027 sind bereits abgedeckt. Verbio profitiert von einem regulatorischen Hebel, der das Ergebnis bei steigenden Quotenpreisen überproportional steigern kann. Energiekontor liefert solide, bleibt aber als SDAX-Titel mit begrenzter Analystenabdeckung ein Nischenname.

Auf der anderen Seite des Spektrums: Vulcan Energy steht vor einer binären Entscheidung — gelingt der Financial Close, öffnet sich die Tür zu Milliarden; scheitert er, wird die Cashreichweite zum Problem. ABO Energy muss den schmalen Grat zwischen Restrukturierungsgutachten und tatsächlicher Finanzierungszusage meistern.

Die BWO-Forderung nach einem Rückgabemechanismus für Offshore-Flächen betrifft primär Großentwickler und Energiekonzerne. Sie sendet aber ein Signal an den gesamten Sektor: Regulatorische Rahmenbedingungen in Deutschland bleiben ein bewegliches Ziel.

Entscheidende Wochen für den gesamten Sektor

Die kommenden vier bis sechs Wochen bringen Klarheit an mehreren Fronten gleichzeitig. Vulcan Energys Financial Close ist der offensichtlichste binäre Katalysator. Bei ABO Energy entscheiden die Fertigstellung des Restrukturierungsberichts, der Abschluss der Finanzierungsverhandlungen und die außerordentliche Hauptversammlung über die Zukunft des Unternehmens.

Für Energiekontor rückt der Ex-Dividendentag am 28. Mai in den Fokus. Bei Verbio wird sich zeigen, ob die Ergebniswende auch im vierten Quartal Bestand hat — oder ob vorgezogene Effekte das Bild verzerrt haben. Und bei Siemens Energy bleibt die Frage, ob sich die Offshore-Lücke 2027 tatsächlich schließt, wie vom Management prognostiziert.

BWO-Chef Stefan Thimm beziffert den potenziellen wirtschaftlichen Schaden durch eine anhaltende Offshore-Blockade auf Investitionsvolumina im zweistelligen Milliardenbereich. Wie schnell die Politik reagiert und blockierte Flächen neu ausgeschrieben werden, wird die mittelfristige Pipeline des gesamten deutschen Erneuerbare-Energien-Sektors prägen.

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Diskussion zu Siemens Energy

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.