Der Nahostkonflikt hat die globale Finanzordnung innerhalb weniger Wochen auf den Kopf gestellt. Seit dem US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar sind die Ölpreise um fast 50 Prozent gestiegen – und mit ihnen die Inflationserwartungen weltweit. Die Folge: Eine Zentralbank nach der anderen schwenkt auf einen hawkishen Kurs um. Nur die US-Notenbank Fed hält still.
Der Dollar verliert seinen sicheren Hafen
Paradoxerweise schwächelt ausgerechnet der Dollar. Der Dollar-Index fiel auf rund 99,46 Punkte und steuert auf seinen größten Wochenverlust seit Januar zu – obwohl der Krieg im Nahen Osten eigentlich Nachfrage nach sicheren Anlagehäfen erzeugen sollte. Der Grund für die Schwäche ist ein geldpolitischer Sondereffekt: Während andere Notenbanken die Zinsen anheben wollen, wartet die Fed ab.
Euro, Yen, Pfund Sterling und australischer Dollar legten allesamt zu. Der Euro notiert rund 1,2 Prozent fester gegenüber der Vorwoche bei 1,1558 Dollar, das Pfund gewann 1,4 Prozent auf 1,3408 Dollar. Investoren haben ihre Erwartungen für die Europäische Zentralbank radikal umgeschrieben: Statt eines langen Zinshochs auf zwei Prozent preisen sie nun eine Anhebung bereits im Juni ein.
„Die Fed signalisiert eine längere Pause, wenn die Inflation hartnäckig bleibt. Die EZB öffnet die Tür für Versicherungszinserhöhungen“, erklärte Wei Yao, Chefökonom bei Société Générale. Die Bank of England heizte die Erwartungen noch stärker an: Sie hielt zwar die Zinsen stabil, signalisierte aber Handlungsbereitschaft. Märkte preisen nun 80 Basispunkte an Zinserhöhungen bis Jahresende ein – was kurzlaufende britische Staatsanleihen in einen der schwersten Ausverkäufe der Neuzeit trieb. Auch die Bank of Japan ließ eine Anhebung für April offen und überraschte damit Investoren, die auf einen schwächeren Yen gewettet hatten.
Die längerfristige Dollar-Dynamik bleibt dennoch offen. Carol Kong von der Commonwealth Bank of Australia warnt: „Je länger der Krieg andauert, desto stärker wird der Dollar werden – denn er profitiert von Sicherheitsnachfrage und davon, dass die USA ein Energieexporteur sind.“
Anleihen und Aktien unter Druck
An den Börsen hinterließ die Neubewertung klare Spuren. Die Wall Street beendete den Donnerstag im Minus – der S&P 500 verlor 0,27 Prozent auf 6.606 Punkte, der Nasdaq gab 0,28 Prozent nach. Beide Indizes handeln unterhalb ihrer 200-Tage-Linie, ein technisches Signal für nachlassenden Schwung. Seit Jahresbeginn hat der S&P 500 mehr als drei Prozent verloren.
Zinsfutures deuten darauf hin, dass Händler eine Leitzinssenkung in den USA vor Mitte 2027 kaum noch für wahrscheinlich halten. „Der Markt verdaut gerade die Botschaft von Powell und anderen Notenbanken: Das hier ist ein echtes Inflationsrisiko“, sagte Mike Dickson von Horizon Investments.
Unter den Einzelwerten fiel Micron Technology um 3,8 Prozent, obwohl der Speicherchiphersteller vom KI-Boom profitiert. Tesla verlor 3,2 Prozent, belastet von einer eskalierten Regulierungsuntersuchung des Fahrassistenzsystems Full Self-Driving. Nvidia gab ein Prozent nach. Rohstoffaktien litten besonders: Newmont brach um 6,9 Prozent ein.
Chinas Deflation kippt in „schlechte Inflation“
Während westliche Volkswirtschaften mit steigenden Preisen kämpfen, droht China eine spiegelverkehrte, aber ebenso gefährliche Entwicklung. Jahrelang hat Peking gegen Deflation angekämpft. Nun könnte der Ölschock die Erzeugerpreise ins Positive drehen – doch das wäre kein Grund zur Freude.
Ökonomen von Gavekal Dragonomics und Soochow Securities schätzen, dass ein Ölpreisanstieg von zehn Prozent die Erzeugerpreisinflation um 0,4 Prozentpunkte hebt. Bei einem Plus von 45 Prozent beim Brent-Rohöl seit Kriegsbeginn könnten die Fabrikausgangpreise schon im März erstmals seit über drei Jahren positiv werden.
„Es gibt gute Inflation und schlechte Inflation. Reine Kostendruckinflation ist nicht das, was wir sehen wollen, denn sie quetscht Unternehmensgewinne aus“, sagte Shuang Ding, Chefökonom für China bei Standard Chartered. Rund ein Viertel der chinesischen Fertigungsunternehmen schreibt bereits Verluste, geprägt von Überkapazitäten und US-Zöllen. Viele werden höhere Inputkosten schlucken müssen, statt sie weiterzugeben – ein gefährlicher Kreislauf aus sinkenden Margen, Jobabbau und weiter gedämpftem Konsum.
51 Prozent der Beschäftigten in China erhielten im vergangenen Jahr keine Gehaltserhöhung – der höchste Anteil in ganz Asien, zeigt eine Hays-Umfrage. 16 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. Chinas Handelsbilanzüberschuss von rekordhohen 1,2 Billionen Dollar im Jahr 2025 steht auf dem Spiel, wenn die globale Nachfrage einbricht.
Welthandel ohne Anker
Die geopolitischen Verwerfungen treffen auf ein internationales Handelssystem, das ohnehin schon unter Druck steht. Nächste Woche treffen sich WTO-Handelsminister im kamerunischen Jaunde – in einem Moment tiefer Unsicherheit über die Zukunft des multilateralen Regelwerks. Trumps Zollpolitik hat die WTO geschwächt, ihr Streitschlichtungsmechanismus ist seit sechs Jahren gelähmt.
Scheitern die Reformen, könnten EU und CPTPP-Staaten – zusammen verantwortlich für über 35 Prozent des Welthandels – enger zusammenrücken und eigene Handelsregeln in Bereichen wie digitalem Handel und kritischen Rohstoffen vereinbaren. „Als Plan B müssen wir uns für plurilaterale Abkommen öffnen“, sagte der schwedische Handelsminister Benjamin Dousa.
Parallel dazu haben Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und Kanada eine gemeinsame Erklärung zur Sicherung der Durchfahrt durch die Straße von Hormus unterzeichnet. Sie begrüßen auch die Entscheidung der Internationalen Energieagentur, strategische Erdölreserven freizugeben.
Die Märkte haben sich am Freitag etwas beruhigt – Brent-Futures liegen dennoch fest über 100 Dollar je Barrel. Wie nachhaltig die Entspannung ist, hängt davon ab, wie lange der Konflikt andauert. Und darauf hat derzeit niemand eine belastbare Antwort.
