Der Nahe Osten brennt – und mit ihm die Inflationserwartungen rund um den Globus. Drei Wochen nach Ausbruch des US-israelischen Kriegs gegen Iran haben die Finanzmärkte einen neuen Feind: Diesel kostet in den USA erstmals seit 2022 mehr als fünf Dollar pro Gallone, Rohöl notiert über 100 Dollar pro Barrel, und die Zentralbanken stehen vor einer Frage, die keine einfache Antwort hat.
RBA macht den Anfang – knapper als erwartet
Die Reserve Bank of Australia (RBA) schoss am Dienstag als erste große Notenbank nach Kriegsbeginn den Startschuss ab. Sie hob ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,1 Prozent – ein Zehn-Monats-Hoch. Die Entscheidung war jedoch alles andere als eindeutig: Fünf Mitglieder stimmten für eine Anhebung, vier dagegen. So knapp war das Votum noch nie seit Einführung der öffentlichen Stimmenauszählung.
RBA-Gouverneurin Michele Bullock betonte in der anschließenden Pressekonferenz, der Dissens spiegele Meinungsverschiedenheiten über den richtigen Zeitpunkt wider, nicht über die Richtung. „Alle Mitglieder waren sich einig, dass weiteres Straffen notwendig ist“, sagte sie. Dennoch: Hätten vier Stimmen anders gelegen, wäre Australiens Geldpolitik heute eine andere.
Der Hintergrund macht die Entscheidung nachvollziehbar. Australien hatte in der Hochinflationsphase eine mildere Gangart gewählt als andere Zentralbanken, den Arbeitsmarkt priorisiert und die Zinsen früher gesenkt. Das rächte sich: Die Kerninflantion kletterte auf ein 16-Monats-Hoch von 3,4 Prozent, die Gesamtinflation lag im Januar bei 3,8 Prozent – deutlich über der Zielspanne von zwei bis drei Prozent. Noch vor dem Ölschock hatte die RBA für Mitte des Jahres eine Inflation von 4,2 Prozent prognostiziert.
„Die heimischen Daten allein rechtfertigten bereits eine Zinserhöhung“, sagte Belinda Allen, Chefökonomin der Commonwealth Bank of Australia. „Aber neue Komplikationen durch den Irankrieg haben die Inflationsherausforderung weiter verschärft.“
Hormuz-Blockade als globaler Brandbeschleuniger
Die eigentliche Ursache der aktuellen Marktverwerfungen liegt nicht in Sydney, sondern in der Straße von Hormus. Seit dem US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar ist der Seeweg, durch den rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports fließen, weitgehend blockiert. Irans Gegenwehr trifft Öleinrichtungen am Golf, und ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht.
Die Folgen sind unmittelbar spürbar. Brent-Rohöl verteuerte sich auf über 103 Dollar pro Barrel. In den USA durchbrachen die durchschnittlichen Dieselpreise die Marke von fünf Dollar pro Gallone – das gab es zuletzt im Dezember 2022, als die Nachwehen des Ukraine-Kriegs die Märkte belasteten. „Bis wir eine deutliche Wiederaufnahme der Ölflüsse durch die Straße von Hormus sehen, dürfte der Aufwärtsdruck auf die Kraftstoffpreise anhalten“, schrieb Patrick De Haan von GasBuddy.
Präsident Trump versuchte gegenzusteuern und forderte westliche Verbündete auf, Kriegsschiffe zum Schutz von Öltankern in die Region zu schicken. Doch mehrere Länder lehnten ab. US-Außenminister Marco Rubio telefonierte mit seinem südkoreanischen Kollegen und betonte die „Schlüsselrolle der Straße von Hormus für die globale Wirtschaft“. Seoul sicherte enge Konsultationen zu, ließ eine konkrete Entsendung aber offen.
Dollar legt zu – Yen unter Druck
An den Devisenmärkten ist die Richtung klar. Der US-Dollar hat seit Kriegsbeginn rund 2,5 Prozent zugelegt. Der Dollar-Index notierte am Dienstag bei 100,05. Euro und Pfund gaben nach, der Euro fiel auf 1,1479 Dollar.
„Positionierungen waren short, Zinssenkungserwartungen wurden zurückgedrängt, und der Irankonflikt hat Risikoprämien im Energiebereich angehoben – der Dollar ist der klare Absicherungsanker“, erklärte Kieran Williams von InTouch Capital Markets.
Besonders unter Druck gerät der japanische Yen, der auf 159,40 pro Dollar absackte und damit gefährlich nah an die psychologische Marke von 160 rückt. Japan importiert den Großteil seines Energiebedarfs und ist damit besonders exponiert. „Irgendwann müssen die Behörden entscheiden, ob sie den Yen oder den Anleihemarkt schützen wollen. Beides geht nicht“, sagte Prashant Newnaha von TD Securities. Verbale Warnungen japanischer Behörden verhallten bislang wirkungslos – eine Intervention gilt als wenig wahrscheinlich, solange Öl so teuer ist.
Notenbanken in der Warteschleife
Fed, EZB, Bank of England und Bank of Japan – alle tagen diese Woche, alle werden voraussichtlich stillhalten. Die Australier haben gezeigt, wie schwierig die Abwägung ist: Ein Ölpreisschock befeuert kurzfristig die Inflation, kann aber mittelfristig die Konjunktur abwürgen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich riet Zentralbanken bereits, Angebotsschocks nicht reflexartig zu bekämpfen, sondern sie als vorübergehend zu „übersehen“.
Doch das Konsumentenvertrauen erodiert bereits. Eine ANZ-Umfrage zeigte, dass die australische Verbraucherstimmung auf den niedrigsten Stand seit den ersten Pandemie-Lockdowns im Jahr 2020 gefallen ist. Das verdeutlicht das Dilemma: Handeln Notenbanken zu früh, riskieren sie eine Rezession. Warten sie zu lang, verfestigen sich Inflationserwartungen.
Ob die RBA im Mai nachlegt, hängt vor allem davon ab, wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt. Marktpreisungen zeigen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von rund 30 bis 40 Prozent für einen weiteren Schritt. Die eigentliche Zentralbankentscheidung dieser Woche liegt womöglich nicht in den Sitzungsräumen von Washington, Frankfurt oder London – sondern an der Straße von Hormus.
