Der Nahe Osten hält die globalen Finanzmärkte in Atem. Die weitgehende Schließung der Straße von Hormuz, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls fließt, treibt den Rohölpreis über 100 Dollar pro Barrel – und zwingt Zentralbanken rund um den Globus zu einem schmerzhaften Kurswechsel. Was noch vor wenigen Wochen als klarer Zinssenkungszyklus galt, ist heute ein Fragezeichen.
Zentralbanken unter Druck
Die Woche wird zum Stresstest für die großen Währungshüter. Die US-Notenbank Fed entscheidet am Mittwoch über ihren Leitzins, EZB, Bank of England und Bank of Japan folgen am Donnerstag. Alle vier dürften die Zinsen unverändert lassen – doch die eigentliche Spannung liegt in den Signalen, die sie dabei senden.
Händler preisen inzwischen fast zwei EZB-Zinserhöhungen für 2026 ein. Noch vor Ausbruch des Konflikts lag die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung bei rund 50 Prozent. Für die Fed rechnet der Markt nur noch mit etwa 25 Basispunkten an Lockerungen im Gesamtjahr. Commerzbank-Analystin Antje Praefcke erwartet, dass die Notenbanken diesmal schneller reagieren als nach dem Pandemie-Schock: „Sie werden die Entwicklung der Inflationserwartungen sehr genau beobachten – und möglicherweise früher handeln.“
Besonders drastisch hat JP Morgan seine Erwartungen für Großbritannien angepasst. Die Bank verschiebt die erste Zinssenkung der Bank of England nun auf das erste Quartal 2027 – zuvor hatte sie noch 50 Basispunkte an Lockerungen bis Juni erwartet. Die Inflation im Vereinigten Königreich dürfte in der zweiten Jahreshälfte 2026 bei 2,9 Prozent liegen, die Wirtschaft nur noch mit annualisiert 0,8 Prozent wachsen. Bank of America ist etwas optimistischer, erwartet aber ebenfalls Zinssenkungen erst im Juni und September – und räumt ein, das sei eine Prognose mit wenig Überzeugung.
Das Öl-Dilemma
Der Energieschock entfaltet seine Wirkung mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, aber überall. UBS-Stratege Bhanu Baweja rechnet mit einem Ölpreis von 120 Dollar, falls die Straße von Hormuz bis Ende März geschlossen bleibt – und mit 150 Dollar bis Ende April. Ein iranischer Regierungsvertreter dämpfte Hoffnungen auf Entspannung: Der neue Oberste Führer habe Deeskalationsangebote abgelehnt.
Die Auswirkungen auf die Devisenmärkte sind bereits spürbar. Der US-Dollarindex gab am Dienstag leicht nach und notierte bei 99,75 – nach einem Zehnjahreshoch von 100,54 am Freitag. Der Euro erholte sich auf 1,1515 Dollar, nachdem er am Montag auf den niedrigsten Stand seit August 2025 gefallen war. Der Yen hält sich knapp unter der kritischen Marke von 160 je Dollar, die Japan in der Vergangenheit zu Devisenmarktinterventionen veranlasste. Das japanische Finanzministerium betonte am Dienstag erneut seine Bereitschaft zu „entschiedenen Schritten“.
Australien zog als erste große Volkswirtschaft die Konsequenzen: Die Reserve Bank of Australia erhöhte den Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,1 Prozent – der zweite Schritt in diesem Jahr. Vier der neun Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses stimmten gegen die Erhöhung, doch Gouverneurin Michele Bullock betonte, alle Mitglieder hätten grundsätzlich einen Bedarf für eine Anhebung gesehen.
Wenn Krisen alte Schwächen offenlegen
Während die Welt auf den Energieschock reagiert, treten an anderen Stellen strukturelle Probleme zutage – teils alt bekannte.
Der Chef des norwegischen Staatsfonds, Nicolai Tangen, nutzte eine Konferenz in Paris für eine ungewöhnlich direkte Warnung: Europas Kapitalmärkte befinden sich seiner Einschätzung nach in einer Krise. Der Fonds, mit rund zwei Billionen Dollar der weltgrößte seiner Art, hat bereits fast 40 Prozent seines Aktienportfolios in US-Werte umgeschichtet – darunter 1,3 Prozent an Nvidia und Microsoft sowie 1,2 Prozent an Apple. Der Grund: fehlende Tiefe und Liquidität in den europäischen Märkten, vor allem im Technologiesektor. „Wir können keine so zersplitterten Kapitalmärkte haben“, sagte Tangen. „Wir werden nicht die nötige Liquidität bekommen.“ Er forderte eine Harmonisierung des Finanz- und Gesellschaftsrechts sowie einheitliche Regeln für den grenzüberschreitenden Handel.
In den USA verschärft der schon 31 Tage andauernde Teilstillstand der Bundesregierung die Lage an einem unerwarteten Ort: Flughäfen. 50.000 Sicherheitsbeamte der Transportation Security Administration arbeiten seit einem Monat ohne Bezahlung. Zehn Prozent erschienen zuletzt nicht zum Dienst. In Houston blieben an Wochenende und Montag über 50 Prozent der Mitarbeiter fern, in New Orleans und Atlanta über 30 Prozent – Warteschlangen von mehr als zwei Stunden waren die Folge. Die Trump-Regierung schließt die Schließung kleinerer Flughäfen nicht aus, wenn sich die Situation weiter verschlechtert.
Immobilien: Ein kurzes Aufatmen
Inmitten der Turbulenzen gibt es eine überraschende Gegenbewegung. Der Index für schwebende Hausverkäufe in den USA stieg im Februar um 1,8 Prozent auf 72,1 Punkte – Ökonomen hatten ein Minus von 0,5 Prozent erwartet. Sinkende Hypothekenzinsen zu Jahresbeginn hatten den Kaufverträgen Auftrieb gegeben, nachdem die Trump-Regierung staatlich geförderte Hypothekenbanken angewiesen hatte, mehr hypothekenbesicherte Wertpapiere zu kaufen.
Wie lange dieser Effekt anhält, ist fraglich. Steigende Ölpreise treiben die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen – und damit die Hypothekenzinsen – wieder nach oben. NAR-Chefvolkswirt Lawrence Yun warnte: „Die verbesserte Erschwinglichkeit könnte sich umkehren, wenn höhere Ölpreise die Hypothekenzinsen in die Höhe treiben.“ Strukturelle Engpässe verschärfen das Problem zusätzlich: Baumaterialien sind durch Importzölle teuer geworden, Arbeitskräfte fehlen aufgrund der Einwanderungspolitik.
Ausblick: Wenig Spielraum für Entwarnung
Die Zentralbanken sitzen in der Klemme. Erhöhte Inflationserwartungen durch den Energieschock, schwächere Wachstumsaussichten und fragile Arbeitsmärkte – die Mischung lässt wenig Spielraum. HSBC-Experte Paul Mackel sieht den Euro bei 1,10 bis 1,12 Dollar, sollten die Energielieferungen aus dem Golf längerfristig eingeschränkt bleiben.
Die Fed-Entscheidung am Mittwoch wird kaum eine Überraschung liefern. Aber die Sprache der Kommuniqués wird genau analysiert werden – denn der Ton könnte darüber entscheiden, wie lange dieser Ausnahmezustand an den Märkten noch anhält.
