Der Konflikt um die Straße von Hormus hat sich zum bestimmenden Faktor der globalen Wirtschaft entwickelt. Öl über 100 Dollar pro Barrel, Inflation auf dem Vormarsch, Notenbanken in der Zwickmühle — und ein Krieg, dessen Ende niemand vorhersagen kann.
Hormus: Militär oder Diplomatie?
Irans Außenminister Araghchi brachte es am Montag auf den Punkt: „Ereignisse in Hormus machen deutlich, dass es keine militärische Lösung für eine politische Krise gibt.“ Gleichzeitig signalisierte er, dass durch Pakistan vermittelte Gespräche mit Washington Fortschritte machen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer — aber eben nur ein kleiner.
Denn die Lage bleibt angespannt. Iran soll Kreuzfahrtraketen, Drohnen und Schnellboote eingesetzt haben, nachdem die USA die Marine entsandte, um Handelsschiffe durch die Meerenge zu geleiten. Berichten zufolge wurden mehrere Schiffe sowie ein Ölhafen in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen. US-Präsident Trump drohte derweil offen, der Iran werde „von der Erdoberfläche weggepustet“, sollte er amerikanische Schiffe angreifen.
Die Straße von Hormus ist faktisch gesperrt — seit Kriegsbeginn Ende Februar. Rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung fließt normalerweise durch diese Passage. Dieser Ausfall schlägt sich unmittelbar in den Preisen nieder: Brent-Öl stieg allein am Montag um fünf Prozent, WTI um drei Prozent. Seit Kriegsbeginn ist Brent fast 60 Prozent teurer geworden.
Die Inflationsspirale dreht sich
Die Ölpreisexplosion ist kein isoliertes Phänomen — sie setzt eine Kaskade wirtschaftlicher Folgen in Gang, die von Notenbanken weltweit gefürchtet wird.
New Yorker Fed-Präsident John Williams sprach am Montag von einem „ungewöhnlichen Umfeld“ für die Geldpolitik. Seine Botschaft: Die Fed wartet ab. Der Leitzins bleibt vorerst in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent. Williams erwartet, dass die Inflation in diesem Jahr bei rund drei Prozent verharrt — deutlich über dem Fed-Ziel von zwei Prozent — bevor sie erst 2027 dorthin zurückkehrt. Dabei räumte er ein, dass die Energiepreisentwicklung noch schlimmer ausfallen könnte als erwartet.
Südafrikas Notenbankchef Lesetja Kganyago formulierte es drastisch: „Wir erleben den größten Sprung bei der Kraftstoffpreisinflation in der Geschichte unserer Inflationssteuerung.“ Die südafrikanische Zentralbank hält den Leitzins bei 6,75 Prozent — und beobachtet die Lage. Besonders beunruhigend sind für Kganyago die Folgen für Nahrungsmittelpreise, da Düngemittel und Diesel zentrale Bausteine der Lebensmittelversorgungsketten sind. Die Inflation kletterte im März auf 3,1 Prozent und dürfte weiter steigen.
Drei regionale Fed-Präsidenten — aus Cleveland, Dallas und Minneapolis — widersprechen unterdessen der Formulierung im jüngsten Fed-Statement, die eine baldige Zinssenkung andeutet. Sowohl Erhöhungen als auch Senkungen seien möglich, argumentieren sie. Die Geldpolitik befindet sich in einer echten Zwickmühle: Zu frühes Senken befeuert die Inflation, zu langes Abwarten schadet der Konjunktur.
Wenn der Ölschock den Alltag trifft
Abstrakte Makrozahlen werden im Alltag ganz konkret spürbar — und das zeigen die Berichte aus dem amerikanischen Konsummarkt deutlich.
Dan Calkins, Chef von Benjamin Moore (Berkshire Hathaway), berichtete beim Aktionärstreffen des Konzerns von Kunden, die von Premiumprodukten auf günstigere Mittelklasse-Farben umsteigen. „Sie geben mehr Geld für Benzin und Lebensmittel aus“, sagte er. Eigenheimkäufe stagnieren: Die Verkäufe bestehender Häuser fielen im März um 3,6 Prozent auf das niedrigste Niveau seit neun Monaten. Calkins hatte gehofft, dass die Hypothekenzinsen in diesem Jahr unter fünf Prozent fallen könnten — stattdessen liegen sie bei 6,30 Prozent, höher als zu Jahresbeginn.
Ähnliche Töne bei Dairy Queen, ebenfalls unter dem Berkshire-Dach. CEO Troy Bader beobachtet eine zunehmende Spaltung der Kundschaft: Wohlhabendere Gäste kaufen weiterhin Blizzard-Eisbecher und Burger, während einkommensschwächere Verbraucher stärker auf Rabattangebote angewiesen sind. „Persistente Inflation, hohe Zinsen, und jetzt ein rasanter Anstieg der Kraftstoffpreise — viele werden müde“, sagte Bader. Der Nahost-Konflikt hat zudem die Expansionspläne der Kette in der Region eingefroren. Franchisees in Bahrain, Kuwait und den Emiraten wollen erst abwarten.
Aktienmärkte gespalten — KI als Gegengewicht
An den Börsen spiegelt sich die Unsicherheit direkt wider. Der S&P 500 verlor am Montag 0,4 Prozent, der Dow Jones über ein Prozent. Alle elf Sektoren lagen im Minus — außer Energie, der einzige Profiteur der Ölhausse mit einem Plus von 0,9 Prozent. US-Anleiherenditen stiegen um etwa sechs Basispunkte, die 30-Jahres-Rendite überstieg erstmals seit Juli wieder die Marke von fünf Prozent.
Ein Gegengewicht bildet der KI-Boom. Morgan Stanley erwartet, dass die fünf größten US-Technologiekonzerne in diesem Jahr über 800 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren werden, Goldman Sachs prognostiziert kumulative Ausgaben von 7,6 Billionen Dollar bis 2031. Diese Investitionen entfalten auch realwirtschaftliche Effekte: Blackstone-Präsident Jon Gray berichtete beim Milken Institute Global Conference, dass QTS, ein von Blackstone unterstützter Rechenzentrumsbetreiber, bis Jahresende 40.000 Menschen auf Baustellen beschäftigen werde — viermal mehr als noch vor einem Jahr. „Das ist ein riesiger Boom bei Handwerks- und Bauberufen“, sagte Gray.
Was bleibt offen
Die Pakistan-vermittelten Gespräche zwischen Washington und Teheran laufen — aber konkrete Ergebnisse fehlen bislang. Wie lange Hormus gesperrt bleibt, ist ungewiss. Und mit jedem weiteren Monat steigt der Druck auf Notenbanken, Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen. Der Ölschock ist längst kein Rohstoffthema mehr — er ist zur zentralen Variable der Weltwirtschaft geworden.
