Startseite » Earnings » Ölschock trifft Weltmärkte

Ölschock trifft Weltmärkte

Rekordmonat an der Wall Street trotz Ölpreis über 110 Dollar. Zentralbanken signalisieren weitere Zinserhöhungen, Yen bleibt unter Druck.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • S&P 500 mit stärkstem April seit Jahren
  • Brent-Rohöl über 110 Dollar je Barrel
  • EZB und Fed signalisieren Zinserhöhungen
  • Yen-Abwertung löst Interventionsdrohung aus

Der April 2026 endet mit einem Rekord — und einem Widerspruch. Die Wall Street feierte ihren stärksten Monatsgewinn seit Jahren, der S&P 500 legte so viel zu wie zuletzt im November 2020. Gleichzeitig notiert Brent-Rohöl über 110 Dollar je Barrel, der Strait of Hormuz bleibt blockiert, und Notenbanken rund um den Globus warnen vor anhaltender Inflation. Wie lange können starke Unternehmensgewinne diesen wachsenden Gegenwind noch überdecken?

Earnings gegen Ölpreisschock

Es ist das bestimmende Spannungsfeld dieser Tage: Auf der einen Seite liefern Technologiegiganten beeindruckende Zahlen. Apple meldete für das zweite Geschäftsquartal einen Umsatz von 111,18 Milliarden Dollar und einen Gewinn je Aktie von 2,01 Dollar — beides über den Erwartungen. Noch bemerkenswerter ist der Ausblick: Für das dritte Quartal prognostiziert der Konzern ein Umsatzwachstum von 14 bis 17 Prozent, angetrieben durch starke Nachfrage nach dem iPhone 17 und dem MacBook Neo. Wall Street hatte lediglich rund 9,5 Prozent erwartet. Dazu kommt ein Aktienrückkaufprogramm von 100 Milliarden Dollar.

Auf der anderen Seite explodieren die Energiekosten. Brent-Rohöl kletterte in dieser Woche zeitweise auf über 120 Dollar je Barrel — den höchsten Stand seit 2022. Der Hintergrund: Der Nahostkonflikt dauert nun bereits drei Monate an, die Straße von Hormus bleibt für den Schiffsverkehr weitgehend gesperrt. Goldman-Sachs-Analysten warnen, die Rally an der Wall Street sei „einer der engsten auf Rekordniveau“ und werde fast ausschließlich von Halbleitern, IT und Kommunikation getragen. Die breite Wirtschaft spürt den Energieschock längst.

Das zeigt sich auch in den Konjunkturdaten: Das US-BIP wuchs im ersten Quartal zwar in respektablem Tempo, doch der Konsumausgaben — das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft — verlangsamten sich spürbar. Die persönliche Sparquote sank, ein Zeichen dafür, dass Haushalte zunehmend auf Ersparnisse zurückgreifen müssen. „Die zugrunde liegende konjunkturelle Dynamik war bereits anämisch, bevor der Energieschock richtig zu spüren war“, kommentiert Samuel Tombs, Chefvolkswirt für die USA bei Pantheon Macroeconomics.

Zentralbanken unter Druck

Die Konsequenz für die Geldpolitik ist unmissverständlich: Zinssenkungen rücken weltweit in weite Ferne. Die Europäische Zentralbank ließ die Leitzinsen zwar unverändert, doch Bundesbankpräsident Joachim Nagel machte klar, dass eine Erhöhung bereits im Juni auf dem Tisch liegt. „Die Situation entwickelt sich weniger günstig als im früheren Basisszenario“, sagte Nagel. Sein estnischer Kollege Madis Muller schloss sich an: Steigende Energiepreise würden bereits auf andere Produkte und Dienstleistungen durchschlagen. Die tatsächliche Inflation in der Eurozone liegt bei 3 Prozent — deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent.

Investoren preisen inzwischen drei EZB-Zinserhöhungen ein, wobei die erste bis Juli als nahezu sicher gilt. Die US-Notenbank Fed hielt die Zinsen ebenfalls stabil; drei ihrer Mitglieder stimmten sogar gegen eine Formulierung im Beschlusstext, die auf eine künftige Lockerung hindeutete. Unter dem designierten Fed-Chef Kevin Warsh dürften Zinssenkungen noch schwieriger durchzusetzen sein.

Japan: Yen unter Beschuss

Besonders dramatisch spielen sich die Entwicklungen am japanischen Devisenmarkt ab. Der Yen steht wegen des hohen Ölpreises — Japan ist stark auf Energieimporte angewiesen — und der anhaltend niedrigen Zinsen der Bank of Japan unter massivem Abwertungsdruck. Innerhalb kurzer Zeit intervenierte Tokio bereits zweimal am Devisenmarkt, um die Währung zu stützen.

Japans oberster Währungsdiplomat Atsushi Mimura drohte offen mit weiteren Eingriffen. „Ich werde nicht kommentieren, was wir als nächstes tun werden. Aber ich sage Ihnen: Japans Golden-Week-Ferien haben gerade begonnen“, sagte Mimura — ein deutliches Warnsignal an Spekulanten, die dünne Liquidität der Feiertage für gezielte Angriffe auf den Yen zu nutzen. Finanzministerin Satsuki Katayama forderte Journalisten auf, ihre Smartphones über die Feiertage griffbereit zu halten. Klarer kann eine Interventionsdrohung kaum sein.

Trotzdem notiert der Dollar zum Yen wieder oberhalb von 157 — die Marke von 160, die Tokio als rote Linie gilt, bleibt in Reichweite. Spekulanten halten die größte Short-Position im Yen seit Juli 2024, rund 7,5 Milliarden Dollar schwer. Deutsche-Bank-Stratege Tim Baker hält es für unwahrscheinlich, dass das Paar dauerhaft fällt: Das derzeitige Niveau sei im Verhältnis zu Zinsen, Aktien und Ölpreisen eigentlich zu niedrig.

Industriesektor reagiert mit Vorratskäufen

Ein weiteres Symptom des Ölpreisschocks zeigt sich in den globalen Einkaufsmanagerindizes. Japans Fertigungssektor meldete für April den stärksten PMI-Wert seit über vier Jahren: 55,1 Punkte, nach 51,6 im März. Unternehmen stockten Lagerbestände auf und zogen Bestellungen vor — aus Angst vor weiteren Lieferkettenunterbrechungen und Preissteigerungen durch den Nahostkrieg. Die Lieferzeiten verlängerten sich so stark wie zuletzt nach dem Tōhoku-Erdbeben 2011.

Ähnliches Bild in Irland: Der dortige Fertigungs-PMI stieg auf 54,9 Punkte — ein Dreijahreshoch. Rund 23 Prozent der befragten Unternehmen meldeten längere Lieferzeiten, die Einkaufspreise stiegen so stark wie seit September 2022 nicht mehr. Das Vorziehen von Bestellungen stützt kurzfristig die Konjunktur, birgt aber das Risiko einer abrupten Nachfragekorrektur, sobald die Lager voll sind.

Sell in May?

Mit dem Beginn des Mais tritt die Wall Street historisch in ihre schwächere Jahreshälfte ein. Seit 1945 erzielte der S&P 500 von Mai bis Oktober im Durchschnitt nur rund 2 Prozent — verglichen mit rund 7 Prozent im Winterhalbjahr. Nach dem stärksten April-Anstieg seit Jahren ist die Messlatte für die kommenden Monate entsprechend hoch.

Die Agenda der nächsten Woche verdichtet das Bild: Der US-Arbeitsmarktbericht für April dürfte zeigen, dass nur rund 73.000 neue Stellen geschaffen wurden — nach 178.000 im März. In Australien steht möglicherweise die dritte Zinserhöhung in Folge an. Und in Großbritannien könnten die Kommunalwahlen den politischen Druck auf Premier Starmer weiter erhöhen, was britische Staatsanleihen zusätzlich belasten würde.

Starke Gewinne haben den Markt bisher über Wasser gehalten. Wie lang dieser Balanceakt noch gelingt, dürfte der Mai zeigen.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.