Ein Militärschlag hier, eine Reaktion dort – der Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat sich in den vergangenen Tagen zu einer ernsten Bedrohung für die Weltwirtschaft ausgeweitet. Während US-Kampfjets Ziele der Revolutionsgarden im Iran angreifen, klettert der Ölpreis über 93 Dollar pro Barrel. Die Folgen reichen längst über den Nahen Osten hinaus: Sie treiben die Inflation in Europa an, verzerren globale Lieferketten und stellen Notenbanker vor schwierige Entscheidungen.
Eskalation am Golf treibt Ölpreis
Am 1. September begann das US Central Command mit Angriffen auf Stellungen der Islamischen Revolutionsgarden im Iran – eine direkte Reaktion auf wiederholte Attacken auf Handelsschiffe in der Straße von Hormus. CENTCOM-Sprecher Captain Tim Hawkins machte die Marschroute klar: Man habe die internationalen Schifffahrtsrouten erst kürzlich von Seeminen befreit und werde eine erneute Verminung nicht zulassen.
Es ist bereits der zweite Eskalationsschritt binnen fünf Tagen. Bereits am 30. August griffen US-Streitkräfte iranische Raketenwerfer auf der Insel Larak an – die ersten amerikanischen Schläge gegen den Iran seit Ende Juli. Teheran reagierte postwendend mit Raketen- und Drohnenangriffen auf zwei jordanische Luftwaffenstützpunkte. Jordanien konnte acht Geschosse abfangen, größere Schäden blieben aus. Präsident Trump ließ im Anschluss keine Zweifel an der US-Position: „We’re going to hit them hard. There will be a response.“
Einem Bericht von Axios zufolge liegt sogar ein Plan für regelmäßige, begrenzte Militärschläge in der Schublade – mit dem Ziel, iranische Radar-, Luftabwehr- und Anti-Schiff-Fähigkeiten entlang der Straße von Hormus systematisch zu schwächen. Ob die jüngsten Angriffe bereits Teil dieser Strategie sind oder eine isolierte Reaktion darstellen, bleibt vorerst offen. Klar ist: Der für den globalen Ölhandel zentrale Chokepoint bleibt eine offene Wunde.
Inflation kehrt zurück
Die Konsequenzen dieser Eskalation zeigen sich bereits in den Preisdaten. Die Inflation in der Eurozone sprang im August auf 3,3 Prozent, nach 2,9 Prozent im Juli – exakt im Rahmen der Erwartungen, aber ein deutlicher Sprung. Haupttreiber waren steigende Rohöl- und Erdgaspreise sowie breitere Raffineriemargen, direkte Folgen der Störungen im Energiemarkt durch den Nahost-Konflikt.
Immerhin gibt es einen Lichtblick: Die Kerninflation fiel leicht auf 2,4 Prozent, die Dienstleistungsinflation sank von 3,3 auf 3,0 Prozent. Zweitrundeneffekte der Energiepreise auf die breitere Wirtschaft bleiben demnach bislang aus. Das dürfte die Europäische Zentralbank aber kaum von ihrem Kurs abbringen. Die Daten untermauern die Erwartung einer weiteren Zinserhöhung bei der EZB-Sitzung am 10. September – Märkte rechnen mit einem Schritt um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel warnte bereits vergangene Woche, die Zinsen müssten angesichts anhaltender Inflationsrisiken womöglich weiter steigen.
Fabriken zwischen Wachstum und Warenknappheit
Auch die Industrie spürt die Auswirkungen des Konflikts – wenn auch mit sehr unterschiedlichen Vorzeichen. In Deutschland beschleunigte sich die Erholung der Fertigungsindustrie im August überraschend deutlich: Der S&P Global Einkaufsmanagerindex kletterte auf 54,3 Punkte, den höchsten Stand seit 51 Monaten. Verteidigungsausgaben, Rechenzentrenbau und Vorratskäufe trieben die Auftragseingänge auf das höchste Niveau seit Februar 2022. Gleichzeitig verschärften sich die Lieferengpässe – niedrige Pegelstände am Rhein und starke Nachfrage nach elektronischen Bauteilen verlängerten die Lieferzeiten deutlich.
Frankreich kehrte nach vier Monaten Schrumpfung zurück in Wachstumsgebiet, mit einem PMI von 51,1. Allerdings trübt sich der Ausblick: Der Index für die künftige Produktion fiel erstmals seit zehn Monaten unter die Wachstumsschwelle. Italien dagegen rutschte im August erstmals seit Januar in die Kontraktion – der Index fiel auf 49,6 Punkte, Auftragseingänge brachen so stark ein wie seit fast anderthalb Jahren nicht mehr. In allen drei Ländern berichteten Unternehmen von Lieferkettenproblemen, die explizit auf den Krieg im Nahen Osten zurückgeführt wurden.
Jenseits Europas zeigt sich ein ähnliches Bild mit umgekehrten Kräfteverhältnissen. Japans Industrie expandierte im August so kräftig wie seit April nicht mehr – der PMI stieg auf 54,9 Punkte, angetrieben von starker Nachfrage nach Halbleitern und KI-Produkten. Gleichzeitig verlängerten sich die Lieferzeiten wegen der Nahost-Störungen so stark wie seit vier Jahren nicht mehr, und die Eingangspreise blieben durch höhere Ölpreise und den schwachen Yen erhöht. In Indien dagegen fiel der Einkaufsmanagerindex auf ein Fünfjahrestief von 52,8 Punkten. Produktion und Auftragseingänge wuchsen so langsam wie seit fünf Jahren nicht mehr, die Beschäftigung sank erstmals seit zweieinhalb Jahren.
Zentralbanken unter Druck
Der schwache Yen bringt nicht nur japanische Fabriken unter Druck, sondern auch die Geldpolitik selbst. US-Finanzminister Scott Bessent traf sich am Rande des G20-Treffens in Asheville mit BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda und forderte eine solide Geldpolitik, um übermäßige Wechselkursschwankungen zu vermeiden. Bessent äußerte laut US-Finanzministerium ausdrücklich Unterstützung für entschlossene geldpolitische Schritte Japans gegen die „erhebliche Unterbewertung“ des Yen – ein deutlicher Fingerzeig in Richtung Zinserhöhung bei der BOJ-Sitzung am 17. und 18. September.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Ein schwacher Yen befeuert die japanische Inflation zusätzlich zu den ölpreisbedingten Kostensteigerungen. Ueda steht damit unter doppeltem Druck – von außen durch Washington, von innen durch die eigenen Inflationsdaten.
Ausblick
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich der Konflikt in der Straße von Hormus weiter zuspitzt oder abkühlt. Für die Weltwirtschaft steht viel auf dem Spiel: Jede weitere Eskalation dürfte die Ölpreise – und damit die Inflation – zusätzlich anheizen, während die Industrie zwischen robuster Nachfrage nach Technologie und wachsenden Lieferkettenproblemen gefangen bleibt. Die EZB und die BOJ werden in den nächsten Sitzungen zeigen müssen, wie viel geldpolitischen Spielraum ihnen die geopolitische Lage überhaupt noch lässt.
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