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Ölpreis-Turbulenzen und Zinsangst treffen Siemens Energy, Verbio und Co.

Siemens Energy korrigiert trotz Rekordaufträgen, Verbio leidet unter Ölpreisschwankungen. ABO Wind und Vulcan Energy kämpfen mit existenziellen Herausforderungen.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Siemens Energy mit 28% Kursverlust
  • Verbio von Ölpreis abhängig
  • ABO Wind vor existenzieller Krise
  • RWE schließt Aktienrückkauf ab

Fünf Aktien, fünf grundverschiedene Problemzonen — und ein gemeinsamer Nenner: Die Nervosität an den Märkten entlädt sich diese Woche mit besonderer Wucht im Erneuerbare-Energien-Sektor. Während Siemens Energy trotz prall gefüllter Auftragsbücher in die Korrektur rutscht, wird Verbio zum Spielball des Ölpreises. ABO Wind kämpft gegen die Uhr, Vulcan Energy gegen das Misstrauen der Anleger — und RWE schließt ein milliardenschweres Rückkaufprogramm ab. Die EZB-Sitzung am Donnerstag dürfte den kapitalintensiven Sektor zusätzlich unter Druck setzen.

Siemens Energy: Korrektur trotz Rekord-Auftragspolster

Die Fallhöhe war groß. Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,54 Euro Ende April hat Siemens Energy inzwischen fast 28 % verloren. Heute notiert die Aktie bei 140,80 Euro — ein Minus von gut 6 % allein an diesem Mittwoch. Der RSI steht bei 28, tief im überverkauften Bereich.

Operativ liefert der Konzern weiterhin starke Zahlen. Der Auftragsbestand ist auf 154 Milliarden Euro angeschwollen, der Umsatz im zweiten Quartal lag bei 10,3 Milliarden Euro. Für das Geschäftsjahr 2026 peilt das Management ein vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 % an, eine operative Marge vor Sondereffekten von 10 bis 12 % und einen freien Cashflow vor Steuern von rund 8 Milliarden Euro.

Die Konzernführung reagiert aktiv auf den Kursrückgang. Anfang Juni startete ein Aktienrückkauf — zwischen dem 4. und 7. Juni wurden über 237.000 Aktien über Xetra und multilaterale Handelsplattformen erworben. Parallel übernahm Siemens Energy die nordirische Camlin Group, einen Spezialisten für Echtzeit-Monitoring von Stromnetzen mit rund 650 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von über 90 Millionen Pfund. Seit Montag läuft zudem eine Investoren-Roadshow durch München, Kopenhagen und Stockholm.

Die Analysten bleiben klar bullisch. JPMorgan sieht den fairen Wert bei 225 Euro, Goldman Sachs bei 212 Euro — und hat die Aktie auf die European Conviction List gesetzt. RBC bewertet sie mit „Outperform“ und einem Ziel von 200 Euro. Von 21 Analysten empfehlen 19 den Kauf. Die aktuelle Korrektur wird am Markt überwiegend als technische Konsolidierung nach dem starken Lauf eingeordnet.

Vulcan Energy: Finanzierung steht, Vertrauen wankt

Die Nachricht hätte ein Befreiungsschlag sein sollen. Am 28. Mai verkündete Vulcan Energy den formalen Financial Close seines 2,2 Milliarden Euro schweren Lionheart-Finanzierungspakets. Statt einer Rallye folgte ein Ausverkauf. Innerhalb einer Woche verlor die Aktie über 12 %.

Der Auslöser: In derselben Woche wandelte das Unternehmen 757.423 Performance Rights von Geschäftsführer Cris Moreno und Executive Chair Dr. Francis Wedin in neue Aktien um. Ein Vorstandsmitglied verkaufte den Großteil der frisch erhaltenen Papiere zur Deckung von Steuerverbindlichkeiten. Das Signal an den Markt war verheerend.

An der Frankfurter Börse notiert Vulcan heute bei 1,95 Euro — ein Minus von knapp 4 % und gut 51 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn beträgt der Verlust über 25 %.

Am Projekt selbst gibt es Fortschritte. Das Finanzierungspaket umfasst 1,185 Milliarden Euro Fremdkapital, 529 Millionen Euro Eigenkapital und 204 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen. Die Produktionsbohrung LSC-1 liefert Flussraten von 105 bis 125 Litern pro Sekunde, LSC-2 hat die Zieltiefe von 3.000 Metern erreicht. Im Frankfurter Industriepark Höchst wird bereits eine kommerzielle Elektrolyseanlage installiert. Der Produktionsstart ist für die zweite Jahreshälfte 2028 geplant.

Rückenwind kommt aus Brüssel: Die EU hat Lionheart als „strategisches Projekt“ unter dem Critical Raw Materials Act eingestuft. Zudem erwägt die Europäische Kommission, ausländische Beteiligungen in kritischen Sektoren auf 49 % zu deckeln — ein Vorteil für europäische Lithiumproduzenten. Alle drei Analysten, die den Wert abdecken, empfehlen den Kauf mit einem durchschnittlichen Kursziel von rund 7,90 australischen Dollar — mehr als das Dreifache des aktuellen Niveaus.

ABO Wind: Wettlauf gegen die Juli-Deadline

Keine Aktie in diesem Sektor-Feld brennt so lichterloh wie ABO Wind. Bei einem Kurs von 5,19 Euro und einer Marktkapitalisierung von rund 54 Millionen Euro hat der Titel allein heute 7,65 % verloren. Der RSI bei 22,6 signalisiert eine extreme Überverkauft-Situation. Der Abstand zum einstigen Höchstkurs von 96 Euro verdeutlicht das Ausmaß der Krise.

Im Kern geht es ums Überleben. Das Stillhalteabkommen mit den Gläubigern wurde zwar verlängert, läuft aber Ende Juli aus. Das Unternehmen meldete für 2025 einen Nettoverlust von 170 Millionen Euro bei Erlösen von 230 Millionen Euro — getrieben durch niedrigere Einspeisevergütungen, internationale Projektverzögerungen und Wertberichtigungen. Ein positives Konzernergebnis im laufenden Geschäftsjahr wird nicht mehr erwartet. Erst 2027 soll auf EBITDA-Ebene die Rückkehr in die schwarzen Zahlen gelingen.

Ganz stillgelegt ist das operative Geschäft nicht. ABO Wind sicherte sich über 150 Megawatt Kapazität in der Windkraftausschreibung der Bundesnetzagentur im Mai — möglich nur, weil die Gläubiger im März einer Aussetzung der Negativverpflichtung bis Jahresende zustimmten. Ein 16,8-MW-Windpark in Rheinland-Pfalz wird an einen etablierten Energieversorger veräußert.

Nächster Stresstest: Am 22. Juni werden die testierten Konzernabschlüsse für 2025 veröffentlicht. Die Hauptversammlung in Wiesbaden folgt am 13. August. Der einzige Analyst, der den Wert abdeckt, hält an einem Kursziel von 8,00 Euro fest.

Verbio: Starke Fundamentaldaten, schwacher Ölpreis

Verbio erlebte eine brutale Woche. An einem Handelstag brachen die Papiere um fast 11 % ein. Der Wochenverlust summierte sich auf rund 16 %. Heute zeigt sich der Kurs bei 33,10 Euro zumindest stabilisiert.

Die Ursache liegt nicht im Unternehmen. Der Ölpreis hat diese Woche die Richtung gewechselt — zuerst stiegen die Notierungen durch die Eskalation im Iran-Konflikt, was die Wettbewerbsfähigkeit von Biokraftstoffen unmittelbar drückte. Als der Ölpreis anschließend wieder fiel, geriet der gesamte Alternative-Energien-Sektor unter Druck. Verbio bleibt einer der ölpreissensitivsten Werte im deutschen Erneuerbare-Energien-Universum.

Fundamental hat sich das Bild sogar verbessert:

  • EBITDA-Prognose für 2025/26 angehoben auf 160 bis 180 Millionen Euro
  • Umsatz im letzten Quartal bei 459,9 Millionen Euro — plus 16 % im Jahresvergleich
  • Rückkehr in die Gewinnzone mit einem Nettoergebnis von 3,38 Millionen Euro

Strukturell spielt die Regulierung Verbio in die Karten. Die vorgeschriebene Treibhausgasminderungsquote für Kraftstofflieferanten steigt 2026 auf 12,1 %. Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht zudem die Abschaffung der Doppelanrechnung bestimmter Biokraftstoffe sowie den vollständigen Ausstieg aus Palmöl vor — beides stärkt die Marktposition von Herstellern hochwertiger Biokraftstoffe.

mwb Research hat das Kursziel auf 50 Euro angehoben, Sphene Capital sieht den fairen Wert sogar bei 58,30 Euro. Rund 78 % der Analysten empfehlen den Kauf. Kurzfristig bleibt der Ölpreis allerdings der dominante Kurstreiber.

RWE: Rückkauf abgeschlossen, frischer Investmentcase

RWE präsentiert sich als ruhender Pol in einem nervösen Sektor. Die Aktie notiert bei 55,58 Euro — ein moderates Minus von gut 6 % gegenüber dem Vormonat, aber weiterhin knapp 19 % über dem Jahresstartkurs.

Das milliardenschwere Aktienrückkaufprogramm über 1,5 Milliarden Euro ist termingerecht abgeschlossen. In der dritten und letzten Tranche zwischen März 2025 und Anfang Juni erwarb RWE knapp 9,5 Millionen eigene Aktien für rund 330 Millionen Euro. Am 17. Juni folgt die Veröffentlichung der Zahlungsberichte für 2025 — ein Signal für erhöhte Transparenz.

Die operative Dynamik stimmt. Im ersten Quartal stieg das EBITDA um 15 % auf 1,6 Milliarden Euro, das bereinigte Ergebnis je Aktie legte 25 % auf 0,85 Euro zu. Die Jahresprognose für 2026 wurde bestätigt, inklusive eines EPS-Korridors von 2,20 bis 2,90 Euro.

Langfristig plant der Konzern Nettoinvestitionen von 35 Milliarden Euro zwischen 2026 und 2031. Die Kapazität bei erneuerbaren Energien, Batteriespeichern und flexibler Erzeugung soll um 25 GW auf rund 65 GW wachsen — bei einer erwarteten Durchschnittsrendite von über 8,5 %. Alle 14 Analysten empfehlen den Kauf, mit einem mittleren Kursziel von 63,13 Euro. Barclays bestätigte Ende Mai die Kaufempfehlung.

Grünstrom-Sektor zwischen Bewertungsschere und Makro-Risiken

Die fünf Titel zeigen eine zunehmende Spreizung innerhalb des Sektors. Siemens Energy und RWE stehen als Large Caps mit soliden Fundamentaldaten, aktiven Kapitalrückführungsprogrammen und breiter Analystenunterstützung auf der einen Seite — leiden aber unter Gewinnmitnahmen nach starken Kursanstiegen. Verbio nimmt eine Sonderrolle ein: fundamental verbessert, aber kurzfristig dem Ölpreis ausgeliefert.

Am riskanten Ende stehen Vulcan Energy und ABO Wind. Bei Vulcan läuft die Projektentwicklung planmäßig, das Vertrauen der Anleger wurde durch Insiderverkäufe dennoch beschädigt. Bei ABO Wind entscheidet sich in den nächsten Wochen die Existenzfrage.

Drei Termine dominieren den Ausblick: Die EZB-Sitzung am 11. Juni — der Markt preist eine Zinserhöhung auf 2,25 % mit 99 % Wahrscheinlichkeit ein, was kapitalintensive Projekte zusätzlich belasten würde. Am 22. Juni folgen die testierten Jahresabschlüsse von ABO Wind als erster konkreter Härtetest des Sanierungsplans. Und für Verbio entscheidet der Ölpreis, ob die regulatorischen Rückenwinde kurstechnisch wieder zum Tragen kommen. In diesem Sektor trennt sich gerade die Spreu vom Weizen — und Ausführungsrisiken sind wichtiger als Visionen.

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Diskussion zu Siemens Energy

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

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