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Symbolbild, KI-generiert

Ölpreis-Schock trifft Notenbanken

Der Nahost-Konflikt verteuert Energie, verschiebt Zinserwartungen und erhöht den Inflationsdruck für Verbraucher und Zentralbanken weltweit.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Brent erreicht höchsten Stand seit Juli
  • Fed-Zinserhöhung mit 60,4 Prozent eingepreist
  • Polens Leitzins bleibt bei 3,75 Prozent
  • Deutschland plant 4,5 Gigawatt Gaskraftwerke

Die Marke von 100 Dollar galt lange als psychologische Grenze. Jetzt hat der Ölpreis sie durchbrochen – und reißt damit Zentralbanken rund um den Globus in eine unbequeme Zwickmühle. Der eskalierende Krieg zwischen den USA und Iran treibt nicht nur die Energiekosten, sondern zwingt Geldpolitiker von London bis Warschau zu einer Neubewertung ihrer Zinspläne.

Nahost-Konflikt treibt Ölpreis über 100 Dollar

Sieben Monate dauert der Konflikt zwischen den USA und Iran inzwischen an, und ein Ende ist nicht in Sicht. Am Mittwoch eskalierte die Lage weiter: Irans Revolutionsgarden griffen einen US-Stützpunkt in Jordanien an und nahmen zusätzlich zehn Schiffe ins Visier, während amerikanische Streitkräfte zuvor fünf iranische Öltanker zerstört hatten. Houthi-Milizen im Jemen weiteten den Krieg zusätzlich aus, indem sie saudi-arabische Städte beschossen.

Die Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelswege für Rohöl weltweit, gilt inzwischen als faktisch gesperrt. Brent-Rohöl kletterte daraufhin auf knapp 100 Dollar je Barrel – der höchste Stand seit Juli. US-Außenminister Marco Rubio machte deutlich, dass eine schnelle Entspannung nicht zu erwarten sei: Iran werde „Tanker verlieren“, sollte es weiterhin US-Kriegsschiffe attackieren. Immerhin dämpfen ein verstärkter US-Transport von Nicht-Iran-Öl durch die Straße sowie eine mögliche Schifffahrtsvereinbarung zwischen Iran und Oman die Preisdynamik etwas.

Notenbanken zwischen Zinserhöhung und Vorsicht

Die Konsequenzen des Ölpreisanstiegs zeigen sich längst in den geldpolitischen Debatten der großen Notenbanken. Bei der Bank of England erwarten Ökonomen von UBS für die Sitzung am 17. September zwar eine unveränderte Leitzinsentscheidung bei 3,75 Prozent – doch der Ton dürfte deutlich schärfer ausfallen. Drei Mitglieder des Monetary Policy Committee, darunter Huw Pill und Megan Greene, votieren nach UBS-Einschätzung erneut für eine Anhebung um 25 Basispunkte. Steigende Anleiherenditen leisten laut UBS derzeit einen Teil der geldpolitischen Straffungsarbeit von selbst – dennoch bleibt das Risiko einer „Anpassungs“-Zinserhöhung bestehen, sollte der Energieschock länger anhalten.

In den USA sorgt der Ölpreissprung für eine handfeste Überraschung: Fed-Chef Kevin Warsh, der sich klar auf die Preisstabilität fokussiert, hat die Erwartungen an eine Zinserhöhung neu befeuert. Der CME FedWatch Tool zufolge preisen Märkte inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 60,4 Prozent für eine Anhebung um 25 Basispunkte bei der nächsten Sitzung ein – eine bemerkenswerte Wende in einem Umfeld, das lange von Zinssenkungsfantasien geprägt war. Auch die Europäische Zentralbank dürfte laut Markterwartungen am Donnerstag die Zinsen anheben, um den energiegetriebenen Preisdruck einzudämmen.

Polen liefert derweil ein Beispiel für die Konsequenzen dieser Gemengelage in kleineren Volkswirtschaften: Die Nationalbank beließ ihren Leitzins bei 3,75 Prozent, nachdem die Inflation im August überraschend auf 3,4 Prozent gestiegen war und sich damit der oberen Grenze des Zielkorridors von 1,5 bis 3,5 Prozent näherte. ING-Chefökonom Rafal Benecki sieht die Risiken für die Inflation klar nach oben verschoben und rechnet mit Werten von bis zu 4 Prozent in den kommenden Monaten – die Zinsen dürften daher noch mehrere Quartale auf dem aktuellen Niveau verharren.

Inflation trifft Verbraucher weltweit

Was an den Terminbörsen beginnt, landet am Ende im Einkaufskorb. In Großbritannien warnt die Food and Drink Federation vor einer Beschleunigung der Lebensmittelpreisinflation auf fast 4 Prozent bis Jahresende – mit einem Höhepunkt von 6,4 Prozent im Juli 2027. Verantwortlich dafür sind neben dem Energieschock durch die Sperrung der Straße von Hormus auch Dürreperioden in Europa und das Wetterphänomen El Niño. FDF-Chefin Karen Betts brachte es auf den Punkt: Hersteller hätten die Preise „so lange wie möglich niedrig gehalten“, könnten dies aber nicht unbegrenzt fortsetzen.

Auch in China zeigt sich, wie Energiepreise die Inflationsdynamik verändern. Die Verbraucherpreise stiegen im August um 0,8 Prozent im Jahresvergleich, während die Erzeugerpreise um 3,8 Prozent zulegten – stärker als erwartet. ING-Analysten sprechen von einem „Comeback“ der Inflation, getrieben von höheren Energie- und Technologiepreisen, während Lebensmittel- und Mietpreise weiter schwächeln. Für Pekings Notenbank bedeutet das mehr Spielraum, geldpolitische Lockerungen vorerst auf Eis zu legen.

Devisenmärkte im Sog der Krise

An den Währungsmärkten profitiert vor allem der japanische Yen von der Unsicherheit. Er notiert nahe seinem stärksten Stand seit Februar und legte im September bereits rund 4 Prozent zu – getrieben von Erwartungen an eine straffere Bank of Japan sowie der Aussicht auf Repatriierungen japanischer Auslandsgelder. Der Dollar-Index bewegt sich dagegen nahe seinem Zweiwochentief, da Marktteilnehmer auf den US-Inflationsbericht am Freitag warten, der die Weichen für die Fed-Sitzung in der kommenden Woche stellen dürfte.

An der Wall Street bleiben die Futures unterdessen verhalten. Anleger klammern sich an den KI-Trend – Chiphersteller wie Qualcomm, Arm und Nvidia legten vorbörslich zu –, während Sorgen über zirkuläre Finanzierungsgeschäfte in der Branche und steigende Anleiherenditen die Stimmung belasten. Morgan-Stanley-Stratege Mike Wilson sieht in hohen Ölpreisen und Zinsen weiterhin die größten kurzfristigen Risiken für Aktien.

Energiesicherheit als Antwort

Während die Krise kurzfristig für Verwerfungen sorgt, treibt sie zugleich strukturelle Weichenstellungen voran. Deutschland etwa meldete für seine erste Ausschreibung von 4,5 Gigawatt Gaskraftwerkskapazität mehr Gebote als verfügbare Kapazität – ein Zeichen dafür, wie ernst Europas größte Volkswirtschaft ihre Energiewende weg von der Kohle nimmt. RWE und Uniper zählen zu den Bewerbern, die Ergebnisse sollen bis Anfang November feststehen. Das auf bis zu 35,2 Milliarden Euro veranschlagte Programm, das von der EU-Kommission bereits genehmigt wurde, zeigt: Wer sich gegen künftige Energieschocks wappnen will, muss jetzt investieren.

Der Blick richtet sich nun auf die US-Inflationsdaten am Freitag sowie die Notenbanksitzungen der kommenden Woche. Ob der Ölpreis die 100-Dollar-Marke dauerhaft hält oder wieder zurückfällt, dürfte darüber entscheiden, ob aus vereinzelten Zinssignalen eine koordinierte globale Straffung wird.

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Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

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