Der Mittlere Osten hält die Finanzmärkte in Atem. Der seit knapp einem Monat andauernde Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran hat die Straße von Hormus praktisch geschlossen – und damit einen globalen Dominoeffekt ausgelöst, der Rohstoffpreise, Währungen und Notenbankpolitik gleichermaßen durcheinanderwirbelt.
Ölpreis über 100 Dollar – und kein Ende in Sicht
Brent-Rohöl notiert derzeit bei rund 103 US-Dollar je Barrel, ein Plus von 42 Prozent allein in diesem Monat. Durch die Straße von Hormus fließen etwa 20 Prozent der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen – ihr faktischer Ausfall ist ein Angebotsschock, den Analysten kaum für möglich gehalten hätten.
Iran hat zwar signalisiert, den US-Waffenstillstandsvorschlag zu prüfen. Doch Außenminister Abbas Araqchi machte gleichzeitig klar, dass Teheran keine eigentlichen Verhandlungen anstrebe. Die gemischten Signale treiben die Nervosität an den Börsen. „Es wird sehr schwer sein, die Ziele der USA, Israels und Irans miteinander zu vereinbaren“, sagt Matthias Scheiber von Allspring Global Investments – und erwartet „strukturell höhere Energiepreise“ auf absehbare Zeit.
Asiatische Börsen ohne klare Richtung
An den Märkten zeigt sich das bekannte Bild eines geopolitischen Ausnahmezustands: orientierungslos und nervös. Japans Nikkei legte am Donnerstag um 0,6 Prozent zu, während südkoreanische Aktien um 1,2 Prozent nachgaben. Der MSCI-Index für asiatisch-pazifische Aktien außerhalb Japans fiel um 0,23 Prozent – auf Monatssicht steht ein Minus von 8,7 Prozent zu Buche, der stärkste Rückgang seit Oktober 2022.
Wall Street zeigte sich am Mittwoch dagegen etwas optimistischer. Der Dow Jones stieg um 0,66 Prozent auf 46.429 Punkte, der S&P 500 gewann 0,54 Prozent. Der Auslöser: fallende Ölpreise und zaghafte Hoffnung auf Deeskalation. Energieaktien zählten zu den schwächsten Sektoren, während Kreuzfahrtgesellschaften und Fluglinien kräftig zulegten – ein deutliches Zeichen, wie stark die Märkte am Ölpreis hängen.
Notenbanken unter Druck
Die Energiepreis-Explosion hat die geldpolitischen Pläne der großen Notenbanken durchkreuzt. Noch vor Kriegsausbruch hatten Märkte zwei Zinssenkungen der US-Notenbank Fed für dieses Jahr eingepreist. Heute ist davon keine Rede mehr. Fed-Funds-Futures zeigen eine Wahrscheinlichkeit von 70,6 Prozent, dass die Fed im Dezember die Zinsen unverändert lässt.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde goss am Mittwoch weiteres Öl ins Feuer – im übertragenen Sinne. Sie öffnete ausdrücklich die Tür für mögliche Zinserhöhungen in der Eurozone, sollte der Konflikt die Inflation dauerhaft antreiben. „Sollte der Schock zu einer großen, wenn auch nicht zu lang anhaltenden Überschreitung unseres Ziels führen, könnte eine maßvolle Anpassung der Geldpolitik angebracht sein“, sagte Lagarde in Frankfurt.
Japan greift zum unorthodoxen Mittel
Am ungewöhnlichsten reagiert Japan. Tokio denkt offenbar ernsthaft darüber nach, mit seinen 1,4 Billionen US-Dollar schweren Devisenreserven Short-Positionen in Öl-Futures aufzubauen – also auf fallende Ölpreise zu wetten. Das Ziel: Durch günstigere Ölpreise den Dollarbedarf Japans senken und damit den Abwärtsdruck auf den Yen mildern. Die Währung bewegt sich derzeit bei 159 Yen je Dollar und nähert sich der als kritisch geltenden Marke von 160.
Drei Regierungsquellen bestätigten Reuters, dass der Plan intern diskutiert wird – ohne Konsens über seine Umsetzbarkeit. Finanzministerin Satsuki Katayama untermauerte die neue Stoßrichtung: Statt wie bisher vor spekulativem Währungshandel zu warnen, machte sie zuletzt Spekulationen am Ölmarkt für den Yen-Verfall verantwortlich.
Analysten zweifeln jedoch am Nutzen. „Die Regierung dürfte damit vor allem Zeit kaufen wollen, bis sich die Lage im Nahen Osten bessert“, sagt Shota Ryu von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities. Andere sind noch skeptischer: Tony Sycamore von IG in Sydney hält die Maßnahme schlicht für sinnlos. „Der Schlüssel zu allem ist die Öffnung der Straße von Hormus“, sagt er. Experte Yuriy Humber von der Tokioter Beratung Yuri Group ergänzt: „Man kann sich nicht aus einem physischen Ölschock herausrechnen.“
WTO-Reform als Hintergrundthema
Während die unmittelbaren Marktverwerfungen die Schlagzeilen dominieren, tagen in Yaoundé, Kamerun, die Handelsminister der WTO – ausgerechnet in einem Moment tiefer Zerrissenheit. Der Krieg im Nahen Osten und die Handelspolitik der Trump-Regierung belasten die Gespräche. Die Internationale Handelskammer warnte vor einer „schlimmsten Industriekrise im kollektiven Gedächtnis“.
Das WTO-Treffen könnte richtungsweisend werden – oder folgenlos verpuffen. Der britische Handelsminister Chris Bryant brachte das Dilemma auf den Punkt: „Meine Sorge ist, dass wenn wir Minister diese Woche nicht das Richtige tun, wir einen ungeordneten Zusammenbruch der WTO erleben könnten.“
Goldpreis bricht ein – Dollar festigt sich
Ein bemerkenswertes Paradox am Rande: Gold, traditionell der sicherste Hafen in Krisenzeiten, verlor in diesem Monat rund 14 Prozent – der stärkste monatliche Rückgang seit Oktober 2008. Derzeit notiert die Feinunze bei 4.537 US-Dollar. Stattdessen ist der Dollar die bevorzugte Fluchtwährung: Der Dollar-Index stieg allein am Mittwoch um 0,5 Prozent, der Greenback ist auf Monatssicht rund 2 Prozent im Plus.
Wie lange der Konflikt noch anhält und ob Verhandlungen tatsächlich Fahrt aufnehmen, bleibt offen. Bis dahin dürften die Märkte weiter im Takt der Schlagzeilen aus dem Nahen Osten schwingen.
