Ausgangslage
Nvidia hat mit den Zahlen zum zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 die Erwartungen klar übertroffen: Der Umsatz stieg laut Unternehmensangaben um 106 Prozent auf 96,2 Milliarden Dollar, die Prognose für das laufende Quartal liegt bei 108 Milliarden Dollar, plus oder minus zwei Prozent.
Reuters berichtete, dass die Aktie auf die Zahlen und den Ausblick zulegte, weil die langfristige Umsatzprojektion Anlegersorgen dämpfte, die KI-Nachfrage könnte nachlassen. Zusätzlich kündigte Nvidia eine Quartalsdividende von 0,25 Dollar je Aktie an, zahlbar am 1. Oktober an Aktionäre, die am 10. September 2026 im Register stehen.
Die eigentliche Frage für Anleger ist damit nicht mehr, ob das laufende Geschäft trägt. Sie lautet, ob die für das kommende Geschäftsjahr in Aussicht gestellte Wachstumsrate von 70 Prozent tatsächlich erreichbar ist – und was passiert, wenn nicht.
Reuters berichtete zudem, dass Nvidia vor Fortsetzung von Engpässen bei Speicherkomponenten warnte, die die Expansion bremsen könnten. Das rückt die Diskussion von der Nachfrageseite auf die Angebotsseite.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor ist, ob die neue Rubin-Chipgeneration den nächsten Wachstumsschub liefert, während die Speicherversorgung knapp bleibt. Reuters stellte bereits vor den Zahlen fest, dass die Ergebnisse zeigen sollten, ob Rubin-Chips eine weitere Wachstumsstufe tragen können, nachdem einige Investoren die Nachhaltigkeit der KI-Investitionen infrage gestellt hatten.
Die Prognose von 70 Prozent Wachstum steht und fällt damit, ob Nvidia genügend Speicherkomponenten beschaffen kann, um die Nachfrage nach den neuen Chips zu bedienen. Engpässe würden nicht die Nachfrage, sondern die Lieferfähigkeit begrenzen – ein anderes Risiko als eine nachlassende KI-Investitionswelle, aber ein Risiko mit direktem Einfluss auf die Umsatzrealisierung.
Bullisches Szenario
Mehrere Analysehäuser reagierten auf die Zahlen mit angehobenen Kurszielen. Wedbush erhöhte sein Ziel am 27. August auf 345 Dollar und bestätigte die Einstufung Outperform. Truist Financial hob das Ziel am selben Tag deutlich von 307 auf 346 Dollar an und beließ die Einstufung bei Kaufen.
Sollte sich zeigen, dass Nvidia die Speicherengpässe durch alternative Lieferanten oder eigene Vorratsstrategien abfedert, während die Nachfrage nach Rubin-Systemen wie prognostiziert anzieht, wäre die 70-Prozent-Wachstumsmarke realistisch erreichbar.
In diesem Fall dürfte die Aktie, die aktuell bei 188,10 Euro notiert und damit noch 7,1 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro liegt, das alte Hoch aus dem Mai wieder ansteuern. Der Rückenwind aus der Konsensmeinung mehrerer Analysten mit Kurszielen deutlich über dem aktuellen Niveau würde das Szenario stützen.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt weniger in der Nachfrage als in der Lieferkette. Halten die von Nvidia selbst benannten Speicherengpässe länger an als erwartet, könnte das Unternehmen Aufträge nicht vollständig bedienen – trotz vorhandener Nachfrage. Das würde die für das kommende Geschäftsjahr in Aussicht gestellte Wachstumsrate von 70 Prozent gefährden, ohne dass die zugrunde liegende KI-Nachfrage tatsächlich nachgelassen hätte.
Für Anleger wäre das eine Enttäuschung mit anderem Vorzeichen: nicht zu wenig Kunden, sondern zu wenig Bauteile. Hinzu kommt die grundsätzliche Frage, die Reuters bereits vor den Zahlen aufwarf – ob die enormen KI-Investitionen der Kundenbranche auf Dauer tragfähig sind. Ein Nachlassen dieser Investitionsbereitschaft würde die Wachstumsrechnung unabhängig von der Speicherfrage belasten.
Ausblick
Solange Nvidia die Speicherversorgung stabil hält und die Rubin-Chips die avisierte Nachfrage tatsächlich bedienen können, bleibt die Wachstumsgeschichte intakt – gestützt durch die jüngst angehobenen Kursziele mehrerer Häuser.
Kippt jedoch die Lieferfähigkeit bei Speicherkomponenten oder zeigt sich, dass Kunden ihre KI-Investitionen zurückfahren, würde die 70-Prozent-Prognose für das kommende Geschäftsjahr zum zentralen Enttäuschungsrisiko.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die Dividendenzahlung am 1. Oktober an die am 10. September 2026 registrierten Aktionäre – ein fixer Termin, der aber selbst keine Aussage über die Wachstumsfrage trifft. Entscheidender wird sein, wie sich die Lieferkette bei Speicherkomponenten in den kommenden Quartalsberichten entwickelt und ob Rubin die in sie gesetzten Erwartungen tatsächlich erfüllt.
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