Ausgangslage
Nvidia steht vor einem Termin, der die kommenden Monate der Aktie prägen dürfte: Am Mittwoch nach Börsenschluss legt der Chiphersteller die Finanzzahlen für das zweite Fiskalquartal 2027 vor. Der Konsens erwartet einen Umsatz von 91,9 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 2,08 Dollar je Aktie.
Die Aktie schloss am Freitag bei 183,78 Euro, ein Minus von 1,1 Prozent zum Vortag und 5,6 Prozent leichter als vor einer Woche. Vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro, erreicht am 14. Mai, trennen das Papier damit 9,2 Prozent.
Zugleich notiert es rund 9,1 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 168,44 Euro – ein Hinweis darauf, dass der langfristige Aufwärtstrend intakt bleibt, während kurzfristig Unsicherheit die Kursführung bestimmt.
Diese Gemengelage macht den Bericht zu mehr als einer Routinemeldung. Nvidia hat Kunden wie Microsoft, Google und Oracle laut Bloomberg mitgeteilt, dass Preise für KI-Serversysteme der Plattformen Vera Rubin und Grace Blackwell ab Anfang 2027 um mehr als 15 Prozent steigen sollen – begründet mit steigenden Kosten für Speicherchips von Samsung, SK Hynix und Micron.
Parallel dazu hat das Unternehmen seine Garantiezusage für das OpenAI-Rechenzentrumsprojekt in Portsmouth, Ohio, Berichten zufolge auf unter 120 Milliarden Dollar halbiert, nachdem Investoren die direkte Risikoexposition gegenüber solchen Finanzierungszusagen kritisch hinterfragt hatten.
Die entscheidende Frage
Im Zentrum steht nicht die reine Umsatzzahl, sondern die Prognose für das laufende Quartal. Anleger wollen wissen, ob Nvidia die Nachfrage nach der nächsten Chipgeneration bestätigen kann, ohne dass Lieferengpässe bei Speicherchips oder regulatorische Risiken in China die Marge belasten.
Die angekündigte Preiserhöhung von über 15 Prozent signalisiert Preissetzungsmacht – sie könnte aber auch ein Vorbote dafür sein, dass Komponentenkosten stärker drücken als bislang eingepreist. Wie das Unternehmen diesen Spagat in der Guidance kommuniziert, dürfte die Kursreaktion am Donnerstag maßgeblich bestimmen.
Bullisches Szenario
Sollte Nvidia die Umsatzerwartung von 91,9 Milliarden Dollar übertreffen und eine robuste Prognose für das kommende Quartal liefern, könnte die Aktie rasch zurück in Richtung ihres 52-Wochen-Hochs laufen.
Unterstützung liefern mehrere Analystenaktionen der vergangenen Tage: J.P. Morgan-Analyst Harlan Sur hob das Kursziel im Mai von 265 auf 280 Dollar an und bestätigte sein Kaufvotum. BMO Capital Markets kürte Nvidia am 22. August zum „Top-Halbleiterwert“ mit einem Kursziel von 340 Dollar.
Zusätzlich hat Nvidia mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR Finanzierungsplattformen angekündigt, die mehr als 500 Milliarden Dollar an Drittkapital für den globalen Ausbau von KI-Infrastruktur mobilisieren sollen – ein Signal, dass die Investitionswelle in Rechenzentren nicht abreißt.
Auch das potenzielle CPU-Geschäft gilt als Wachstumshebel: RBC Capital sieht hier für die zweite Jahreshälfte 2026 eine Umsatzchance von 10 Milliarden Dollar, Oppenheimer traut dem Segment mittelfristig sogar bis zu 20 Milliarden Dollar zu.
Bärisches Szenario
Die Risiken sind ebenso konkret. Die Kürzung der Restwertgarantie für das OpenAI-Projekt in Ohio wirft Fragen zur finanziellen Verflechtung zwischen Nvidia und seinen größten Abnehmern auf.
S&P Global Ratings bestätigte zwar am 18. August Nvidias Kreditrating, warnte aber ausdrücklich davor, dass zunehmende Verschuldung im gesamten KI-Ökosystem die finanzielle Volatilität erhöhen könnte. Hinzu kommt das ungelöste China-Thema: Taiwanesische Behörden führten Mitte August Razzien bei mehreren Technologiefirmen durch, im Zuge von Ermittlungen wegen mutmaßlichen illegalen Schmuggels von Nvidia-KI-Chips nach China.
Nvidia selbst dementierte zudem Berichte, wonach ein chinaspezifischer Sprachverarbeitungschip in Planung sei – ein Hinweis darauf, wie sensibel das Thema China für die Wahrnehmung des Unternehmens bleibt. Sollten Lieferengpässe bei Speicherchips die Margen stärker belasten als die Preiserhöhungen kompensieren können, dürfte die Guidance vorsichtiger ausfallen als vom Markt erhofft.
Ausblick
Solange Nvidia oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts von 168,44 Euro handelt, bleibt der übergeordnete Aufwärtstrend charttechnisch intakt, auch wenn der RSI von 48,1 auf eine neutrale bis leicht verhaltene Marktstimmung hindeutet.
Bestätigt der Bericht am Mittwoch starkes Nachfragewachstum bei gleichzeitig kontrollierten Kosten, dürfte die Aktie Anschluss an die von JPMorgan und BMO gesetzten Kursziele suchen. Enttäuscht die Prognose dagegen, insbesondere mit Blick auf Speicherchip-Kosten oder China-Restriktionen, droht ein Test der Unterstützung nahe dem 50-Tage-Durchschnitt von 180,82 Euro oder tiefer.
Der 26. August liefert damit den nächsten konkreten Katalysator, an dem sich zeigt, welches der beiden Szenarien den Ton für die kommenden Wochen angibt.
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