Fünf Namen, fünf völlig unterschiedliche Geschichten: Während Nvidia trotz KI-Führungsrolle auf ein mehrjähriges Bewertungstief rutscht, überrascht Tesla mit einem Auslieferungsrekord. Micron kühlt nach einer Rekordrally ab, SAP kämpft trotz gelöster Kartellfragen mit dem Kursverfall, und ASML steuert auf einen der wichtigsten Quartalsberichte des Jahres zu. Der KI-Handel wird gerade neu sortiert— und die Bewertungsunterschiede könnten kaum größer sein.
Micron: Anthropic-Deal trifft auf abkühlende Rally
Micron notiert aktuell bei 812,80 Euro und damit rund 26 Prozent unter dem Rekordhoch von 1.103,80 Euro, das erst Ende Juni erreicht wurde. Allein in den vergangenen sieben Handelstagen ging es um 5,71 Prozent nach unten, zusätzlich zum heutigen Rückgang von 5,19 Prozent.
Der Rücksetzer fällt in eine Phase, in der Micron eigentlich positive Nachrichten liefert. Eine Kooperation mit dem KI-Unternehmen Anthropic zur gemeinsamen Technologieentwicklung positioniert den Speicherchip-Hersteller als mehr als nur einen Komponentenlieferanten für die KI-Branche. Untermauert wird das Ganze von starken Zahlen: Im dritten Geschäftsquartal übertraf Micron die Umsatzerwartungen deutlich, und auch die Gewinnprognose je Aktie fiel klar besser aus als von Analysten erwartet. Für das laufende vierte Quartal stellte das Unternehmen zudem eine Bruttomarge von etwa 86 Prozent in Aussicht— ein Wert, der die Wucht des aktuellen KI-Speicherzyklus unterstreicht.
Belastend wirkt dagegen ein neuer Konkurrenzfaktor: Der Nasdaq-Börsengang des südkoreanischen Rivalen SK Hynix hat in dieser Woche viel Anlegeraufmerksamkeit auf sich gezogen und dürfte den Wettbewerbsdruck im Speichermarkt weiter erhöhen. Auf dem aktuellen Niveau notiert die Aktie nur noch 0,38 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt— ein Zeichen, dass sich der kurzfristige Trend gerade neu ausrichtet.
SAP: Kartell-Einigung und Dremio-Übernahme zeigen noch keine Wirkung
Bei SAP klafft eine Lücke zwischen operativen Fortschritten und der Kursentwicklung. Die Aktie liegt aktuell bei 138,40 Euro, kaum verändert zum Freitagsschluss, doch der Blick auf die längere Frist zeigt das eigentliche Problem: Seit Jahresbeginn hat das Papier rund 31,49 Prozent verloren, auf Zwölfmonatssicht sogar 46,38 Prozent.
Dabei hat SAP zuletzt zwei zentrale strategische Baustellen abgeschlossen. Die EU-Kommission akzeptierte die Zusagen des Konzerns zur Überarbeitung seiner Wartungsverträge für On-Premise-Software und beendete damit einen jahrelangen Streit um vermeintliche Lock-in-Praktiken. Parallel wurde die Übernahme von Dremio final vollzogen, einer offenen Data-Lakehouse-Plattform, die agentenbasierte KI-Anwendungen beschleunigen und die Fähigkeiten des KI-Assistenten Joule stärken soll.
Die Aktie notiert derzeit nur noch 5,81 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 130,80 Euro. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf den Bericht zum zweiten Quartal am 23. Juli, für den Analysten einen Umsatz von rund 9,85 Milliarden Euro sowie einen Gewinnsprung je Aktie auf 1,76 Euro erwarten. Erst diese Zahlen dürften zeigen, ob die regulatorische Klarheit und die Integration von Dremio tatsächlich in Wachstum münden.
Nvidia: Historisch günstige Bewertung trotz KI-Führungsrolle
Kaum ein Name im Sektor sorgt derzeit für so viel Diskussionsstoff wie Nvidia. Die Aktie hat sich von ihrem Rekordhoch bei 202,50 Euro, erreicht Mitte Mai, um 10,10 Prozent entfernt und notiert aktuell bei 182,04 Euro. Auf Wochensicht steht dagegen ein Plus von 6,47 Prozent zu Buche— die Erholung hat also bereits eingesetzt.
Ausgelöst wurde die Korrektur Mitte Mai durch eine Kapitalrotation: Anleger verlagerten Gelder in Speicherchip-Werte wie Micron, ohne dass sich am operativen Geschäft von Nvidia etwas geändert hätte. Die Folge ist eine der günstigsten Bewertungen der vergangenen Jahre— das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne liegt inzwischen niedriger als zu jedem Zeitpunkt seit Anfang 2019.
Große Investmentbanken stemmen sich gegen den Ausverkauf. Bank of America argumentierte kürzlich mit dem Bewertungsabschlag und rief ein Kursziel von 350 US-Dollar aus, mit der Begründung, das Geschäft schwäche sich keineswegs ab. Citi bekräftigte seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 300 US-Dollar. Auf Produktseite bleibt Nvidia breit aufgestellt, mit neuen Ankündigungen zu Sicherheitssystemen für Robotik, wissenschaftlichen KI-Werkzeugen und Supercomputer-Projekten in Europa. Der nächste Quartalsbericht steht erst am 26. August an— bis dahin dürfte die Bewertungsdebatte die Aktie weiter begleiten.
ASML: Richtungsweisender Bericht am 15. Juli
Für ASML steht diese Woche ein besonders wichtiger Termin an. Die Aktie notiert aktuell bei 1.550,40 Euro, rund 11,30 Prozent unter dem Rekordhoch von 1.748,00 Euro von Ende Juni, nachdem sie seit Jahresbeginn dennoch um 56,88 Prozent zugelegt hat.
Am 15. Juli legt der niederländische Ausrüstungshersteller seine Zahlen zum zweiten Quartal vor, mit erwarteten Umsätzen zwischen 8,4 und 9 Milliarden Euro. Analysten rechnen mit einem Gewinnsprung von rund 75 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Für das Gesamtjahr 2026 hat ASML seine Umsatzprognose bereits auf eine Spanne von 36 bis 40 Milliarden Euro angehoben— getragen von robuster Nachfrage aus KI-, Speicher- und Logikchip-Anwendungen sowie einer Belebung im Nicht-EUV-Geschäft.
Der wunde Punkt bleibt China. Das Land steht für rund ein Fünftel der kurzfristig erwarteten Umsätze, weshalb jede weitere Exportbeschränkung als direktes Risiko gilt. Investoren dürften am Mittwoch genau darauf achten, wie das Management die Auswirkungen verschärfter US-Restriktionen und der sogenannten Pax-Silica-Allianz einordnet. Bei einem 50-Tage-Durchschnitt von 1.485,06 Euro zeigt die aktuelle Notierung zumindest kurzfristig noch relative Stärke.
Tesla: Auslieferungsrekord trifft auf nachlassenden Schwung
Tesla lieferte zuletzt eine der positivsten Überraschungen im gesamten Sektor. Im zweiten Quartal produzierte der Autobauer mehr als 450.000 und lieferte über 480.000 Fahrzeuge aus— deutlich über den von Analysten erwarteten rund 406.000 Einheiten und weit oberhalb der etwa 384.000 Auslieferungen im Vorjahresquartal. Zusätzlich wurden 13,5 GWh an Energiespeicherprodukten ausgeliefert.
Der anfängliche Kurssprung nach der Meldung ist inzwischen jedoch wieder verpufft: Die Aktie notiert aktuell bei 353,30 Euro, binnen sieben Tagen um 3,72 Prozent gefallen und rund 16,69 Prozent unter dem Rekordhoch von 424,10 Euro aus dem Dezember. Der anfängliche Optimismus ist also einer nüchterneren Einschätzung gewichen.
Zum Auslieferungsrekord gesellte sich Anfang Juli eine weitere Nachricht: Der fahrerlose Robotaxi-Dienst startete am 3. Juli in Miami, nach Texas und Kalifornien bereits die dritte Stadt. Die Skepsis bleibt allerdings groß— Berichten zufolge ist der Service nur in einer kleinen Zone verfügbar, während Innenstadt, Flughafen und weite Teile des Miami-Dade County außen vor bleiben. Auch Prognosemärkte bleiben zurückhaltend und räumen einem kalifornischen Robotaxi-Start bis Jahresende nur geringe Chancen ein. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 350 bleibt für Enttäuschungen wenig Spielraum. Die vollständigen Quartalszahlen folgen am 22. Juli.
Sektordynamik: Wo das Kapital gerade hinfließt
Die fünf Werte zeigen, wie unterschiedlich der KI-Trade derzeit bewertet wird:
- Hardware unter Rotationsdruck: Kapital fließt zwischen GPU-Werten wie Nvidia und Speicherchip-Namen wie Micron hin und her, ohne dass sich die fundamentale Story wesentlich ändert.
- Regulatorik als Dauerthema: Ob EU-Kartellauflagen bei SAP oder Exportbeschränkungen bei ASML und Nvidia— politische Eingriffe bleiben ein Unsicherheitsfaktor im gesamten Sektor.
- Bewertungsparadox bei Nvidia: Der Branchenführer ist trotz unangefochtener KI-Position so günstig bewertet wie seit Jahren nicht mehr.
- Software hinkt hinterher: SAP zeigt operative Fortschritte, doch die Kursreaktion bleibt bislang aus.
- Physische KI bei Tesla: Als einziger Wert verbindet Tesla klassische Fertigung mit Robotik und autonomem Fahren— entsprechend heftig fallen die kurzfristigen Kursausschläge aus.
Dichte Terminlage entscheidet über die Richtung
Die kommenden zwei Wochen dürften den Ton für den gesamten Sektor vorgeben. ASMLs Bericht am 15. Juli wird auf Auftragseingänge und China-Kommentare durchleuchtet, die richtungsweisend für KI-bezogene Investitionen in Fertigungsausrüstung sein könnten. SAPs Zahlen am 23. Juli müssen zeigen, ob Dremio-Integration und Kartell-Lösung tatsächlich eine Kurswende einleiten. Tesla braucht am 22. Juli den Nachweis, dass sich der Auslieferungsrekord auch in solider Marge niederschlägt. Micron dürfte unterdessen weiter im Lichte des SK-Hynix-Börsengangs bewertet werden, während sich bei Nvidia die Frage stellt, ob die historisch niedrige Bewertung vor dem Bericht am 26. August als Kaufgelegenheit oder als Warnsignal gelesen wird.
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