Ausgangslage: Ein Rekordquartal, aber die Bewertung schaut nach vorn
Nvidia hat mit seinem Ergebnis für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 abermals Wall Street übertroffen: 96,2 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr, angetrieben von einem Data-Center-Geschäft, das um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar zulegte.
Der Gewinn je Aktie von 2,22 Dollar lag deutlich über der Erwartung von 2,09 Dollar. Für das laufende Quartal stellt Nvidia rund 108 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht, für das gesamte Geschäftsjahr 2028 rechnet der Konzern mit etwa 70 Prozent Wachstum – deutlich mehr, als Analysten im Schnitt mit rund 45 Prozent kalkulieren.
Trotzdem bewegt sich die Aktie im deutschen Handel mit zuletzt 187,66 Euro rund 7,3 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro. Der Markt hat die Zahlen also nicht euphorisch, sondern eher nüchtern verarbeitet.
Genau das macht den aktuellen Moment für Anleger interessant: Nvidia expandiert parallel mit einer milliardenschweren Investition in MediaTek, vertieft die Bindung an Cloud-Anbieter wie AWS und Anthropic und wird gleichzeitig von Wall-Street-Stimmen wie CNBC-Kommentator Jim Cramer aufgefordert, sein Kapital stärker an Aktionäre zurückzugeben. Die Frage lautet: Trägt das Wachstumstempo die hohen Erwartungen, oder wird die Bewertung zum Belastungsfaktor?
Die entscheidende Frage: Hält das Tempo der Nachfrage mit den Lieferverpflichtungen Schritt?
Der Knackpunkt ist nicht die Vergangenheit, sondern die Fähigkeit, die eigenen Zusagen einzulösen. Nvidia weist inzwischen langfristige Lieferverpflichtungen von 279 Milliarden Dollar aus, davon allein 267 Milliarden für Speicherkomponenten bis zum Geschäftsjahr 2029. Das ist ein gewaltiger Vorlauf, der nur dann werthaltig ist, wenn Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google ihre angekündigten Investitionen tatsächlich abrufen.
AWS hat bereits signalisiert, in den kommenden zwei Jahren zwei Millionen zusätzliche Nvidia-GPUs einzusetzen. Baird-Analysten bekräftigten Nvidia deswegen kürzlich als „Top Large-Cap Idea“ mit einem Kursziel von 500 Dollar und verweisen auf Marktanteilsgewinne bei Inferencing und eine erwartete Reaccelerierung im Bereich agentenbasierter KI.
Die neue Vera-Rubin-Plattform ist dabei der zentrale Hebel: Nvidia beziffert das Umsatzpotenzial pro Gigawatt installierter Kapazität auf bis zu 40 Milliarden Dollar, gegenüber 25 Milliarden bei der aktuellen Grace-Blackwell-Generation. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt davon ab, ob die versprochenen Effizienzgewinne – ein bis zu 30-fach höherer Durchsatz pro Megawatt – sich in realen Auslieferungen niederschlagen.
Bullisches Szenario: Nachfrage bleibt angebotsbeschränkt
Sollte sich das von Nvidia selbst beschriebene Bild bestätigen, wonach das Wachstum „angebotsbeschränkt“ und nicht nachfragebegrenzt ist, spricht viel für eine Fortsetzung der Dynamik.
Der Cloud-Backlog der fünf größten Hyperscaler liegt Berichten zufolge über zwei Billionen Dollar, deren gemeinsame Investitionen in KI-Infrastruktur sollen 2026 rund 800 Milliarden Dollar erreichen und 2027 auf 1,3 Billionen steigen.
Die frisch besiegelte 3,5-Milliarden-Dollar-Investition in MediaTek-Wandelanleihen, verbunden mit der Übernahme der NVLink-Fusion-Technologie durch den Partner, erweitert zudem Nvidias Reichweite über klassische GPUs hinaus in kundenspezifische KI-Beschleuniger, lokale KI-Anwendungen und Automotive-Chips.
Analystenmodelle, etwa von 24/7 Wall St., leiten daraus ein Kursziel von 330 Dollar bis 2030 ab – ein Szenario, das ein Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 33 unterstellt.
Bärisches Szenario: Zinsen und Kreditmärkte als Bremse
Die Kehrseite zeigt sich am Anleihemarkt. Ein CNBC-Analystenpanel warnte am Dienstag, dass KI-Aktien zunehmend wie zinssensitive Kreditpapiere gehandelt werden.
Nvidia selbst mobilisiert über Partner wie Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR mehr als 500 Milliarden Dollar an Fremdkapital für den Infrastrukturausbau – im August wurden branchenweit rund 100 Milliarden Dollar mehr an Unternehmensanleihen platziert als üblich.
Steigen die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen weiter, wie zuletzt mit 5,22 Prozent bei dreißigjährigen Papieren beobachtet, könnte die Finanzierung der milliardenschweren Rechenzentrumsprojekte teurer werden und die Wachstumsrechnung belasten.
Zusätzlich wird die enge Verflechtung mit Cloud-Partnern wie Anthropic – abgesichert über einen 35-Milliarden-Dollar-Compute-Deal – von Kritikern als „zirkuläre Finanzierung“ hinterfragt, bei der Nvidia letztlich seine eigenen Kunden mitfinanziert.
Ausblick: Zwei Fixpunkte entscheiden die Richtung
Solange Hyperscaler ihre angekündigten Kapazitäten abrufen und die Bruttomarge im Bereich von 74 Prozent stabil bleibt, bleibt das bullische Szenario intakt und die Aktie dürfte sich in Richtung ihres Analystendurchschnittsziels von rund 306 Dollar bewegen.
Kippt hingegen die Finanzierungsseite – etwa durch weiter steigende Anleiherenditen oder ein Nachlassen der Hyperscaler-Investitionen – droht die aktuelle Bewertung, die bereits ein Wachstum von 70 Prozent einpreist, unter Druck zu geraten.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht am 17. November, wenn sich zeigen wird, ob die Prognose von rund 108 Milliarden Dollar Umsatz tatsächlich erreicht wird.
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