Ausgangslage
Nvidia hat am 2. September eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme von Hugging Face für rund 12,9 Milliarden US-Dollar unterzeichnet – nach dem Groq-Deal über 20 Milliarden Dollar der zweitgrößte Zukauf des Unternehmens.
Der Abschluss steht allerdings noch aus: Der Vollzug ist für die erste Jahreshälfte 2027 vorgesehen, vorbehaltlich regulatorischer Freigaben. CEO Jensen Huang betont, die Plattform mit ihren 18 Millionen Entwicklern, rund 3 Millionen Modellen und 200.000 angebundenen Firmen solle offen bleiben – auch für Chips von AMD und Intel.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Nvidia hatte kurz zuvor Quartalszahlen vorgelegt, die das Ausmaß der eigenen Marktmacht unterstreichen: Der Umsatz stieg im zweiten Fiskalquartal um 106 Prozent auf 96,2 Milliarden Dollar, das Rechenzentrumsgeschäft legte um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar zu.
Für das Fiskaljahr 2028 stellt Huang ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent in Aussicht – deutlich mehr, als Analysten mit etwa 45 bis 50 Prozent kalkulieren. Genau in dieses Bild passt der Hugging-Face-Zugriff: Wer die zentrale Verteilstelle für KI-Modelle kontrolliert, sichert sich zusätzlich zur Hardware auch Einfluss auf die Software-Ökosysteme, in denen diese Hardware läuft.
Die Aktie honoriert das bislang: Am Freitag schloss sie bei 198,56 Euro, ein Plus von 1,1 Prozent auf Tagesbasis und über sieben Tage ein Anstieg von 5,7 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro trennen das Papier nur noch 1,9 Prozent.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine Kennzahl: Kann Nvidia das selbst gesetzte Wachstumsziel von rund 70 Prozent für das Fiskaljahr 2028 tatsächlich erreichen – oder bleibt es bei den von Analysten für realistischer gehaltenen 45 bis 50 Prozent?
Die Differenz ist enorm: Bei 70 Prozent Wachstum würde der Umsatz auf etwa 680 bis 700 Milliarden Dollar klettern, bei einem KGV von 20 entspräche das laut Marktbeobachtungen einer Marktkapitalisierung von rund 7 Billionen Dollar – deutlich über dem aktuellen Niveau. Bleibt es beim Analystenkonsens, wäre die derzeitige Bewertung bereits ambitionierter eingepreist, als es die Fundamentaldaten hergeben.
Bullisches Szenario
Für das optimistische Bild spricht die Breite der Nachfrage. Zulieferer wie Hon Hai (Foxconn) meldeten für August ein Umsatzplus von 52 Prozent, getrieben von KI-Servern, die inzwischen mehr als die Hälfte des Foxconn-Umsatzes ausmachen.
Nvidia selbst hat seine Liefer- und Kapazitätsverpflichtungen von 119 Milliarden auf 279 Milliarden Dollar erhöht – ein Indiz dafür, dass die Auftragslage das aggressive Wachstumsziel stützen könnte.
Mit der Hugging-Face-Integration verschafft sich Nvidia zusätzlich einen strukturellen Vorteil: Wer Modelle, Datensätze und Entwickler-Communities an sich bindet, verringert das Risiko, dass Kunden auf Konkurrenzarchitekturen abwandern.
Sollte der Deal wie geplant abgeschlossen werden, würde Nvidia vom Chiplieferanten zum Infrastruktur- und Plattformanbieter zugleich – ein Geschäftsmodell mit potenziell höheren Margen über den Zyklus.
Bärisches Szenario
Dagegen steht ein reales Risiko: Die Bruttomarge soll laut eigener Prognose von 75 Prozent auf 71 bis 72 Prozent im vierten Quartal sinken – ein Warnsignal, dass immenses Wachstum nicht ohne Kosten zu haben ist.
Der Hugging-Face-Deal selbst ist noch nicht vollzogen und unterliegt regulatorischer Prüfung; ein Vollzug erst 2027 bedeutet, dass etwaige kartellrechtliche Einwände – etwa wegen der Kombination aus Chip-Dominanz und Kontrolle über eine zentrale KI-Vertriebsplattform – den Zeitplan noch verschieben oder Auflagen erzwingen könnten. Hinzu kommt die Marktvolatilität: Die 30-Tage-Volatilität der Aktie liegt bei 42 Prozent, ein Zeichen dafür, wie sensibel der Kurs auf neue Nachrichten reagiert.
Sollte sich das globale Zinsumfeld verschärfen – Staatsanleihenrenditen markieren derzeit mehrjährige Hochs –, dürften besonders hoch bewertete Wachstumswerte wie Nvidia unter Bewertungsdruck geraten.
Ausblick
Solange Nvidia seine Lieferkapazitäten wie angekündigt ausbaut und Partner wie Foxconn zweistellige Wachstumsraten bei KI-Servern melden, bleibt das bullische Szenario intakt – die aktuelle Nähe zum 52-Wochen-Hoch spiegelt genau diese Erwartungshaltung wider.
Kippt hingegen die Marge weiter deutlich unter das kommunizierte Niveau von 71 bis 72 Prozent oder verzögert sich der Hugging-Face-Vollzug durch regulatorische Hürden spürbar über die geplante erste Jahreshälfte 2027 hinaus, dürfte der Markt die ambitionierte 70-Prozent-Wachstumsprognose zunehmend infrage stellen.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die weitere Berichterstattung zu Nvidias Quartalszahlen sowie der Fortschritt des Genehmigungsverfahrens für die Hugging-Face-Übernahme – beide Termine werden zeigen, ob aus der Ankündigung tatsächlich die nächste Stufe der Plattform-Dominanz wird.
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