Jensen Huang hat eine klare Botschaft nach Taipeh mitgebracht: China bleibt Teil der langfristigen Wachstumsrechnung — auch wenn die Kasse dort vorerst leer bleibt. Die Aussage des Nvidia-Chefs, dass der prognostizierte CPU-Markt von 200 Milliarden Dollar China einschließe, klingt bullish. Die Realität dahinter ist komplizierter.
Zwei Spuren, zwei Antworten
Das Kernproblem ist kein Embargo, sondern ein Patt. Nvidia besitzt US-Lizenzen, um H200-Chips an chinesische Kunden zu verkaufen — rund zehn chinesische Unternehmen haben entsprechende Genehmigungen erhalten. Geliefert wurde bisher nichts, weil die chinesische Seite die Einfuhr nicht freigegeben hat. Gespräche zwischen Donald Trump und Xi Jinping in Peking brachten keinen Durchbruch.
Für Investoren trennt das die China-Frage in zwei Ebenen. Erstens: Kann China langfristig Teil des KI-Infrastrukturmarkts für Nvidia bleiben? Huang sagt ja. Zweitens: Fließt daraus kurzfristig Umsatz? Nein — Nvidia hat China-Rechenzentrumsumsätze ausdrücklich aus der eigenen Guidance herausgehalten.
Vera CPU als neuer Wachstumspfad
Parallel dazu schiebt Nvidia eine neue Wachstumsgeschichte ins Rampenlicht: den Vera-Prozessor. Management beschreibt Vera als Einstieg in einen 200-Milliarden-Dollar-Markt für CPUs — mit Sichtbarkeit auf fast 20 Milliarden Dollar CPU-Umsatz allein in diesem Jahr. Vera ist auf agentische KI und Reinforcement-Learning-Workloads ausgelegt und soll gegenüber x86-Alternativen bei Leistung und Dichte punkten.
Produktionslieferungen der Vera-Rubin-Plattform sollen im dritten Quartal beginnen. Das System ist als Multi-Chip-Rack-Architektur konzipiert, die Inferenz-Durchsatz und die Wirtschaftlichkeit von KI-Fabriken verbessern soll. Huangs China-Kommentar fügt dieser CPU-Story zusätzliche Marktgröße hinzu — ohne das Ausführungsrisiko zu beseitigen.
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Zahlen auf Rekordhöhe, Guidance ohne China
Die Finanzzahlen liefern den Kontext. Im ersten Geschäftsquartal erzielte Nvidia einen Umsatz von 81,6 Milliarden Dollar — 85 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Rechenzentrumsgeschäft steuerte 75,2 Milliarden Dollar bei, ein Plus von 92 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Hinzu kommt ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm: Der Vorstand genehmigte Mitte Mai eine zusätzliche Ermächtigung über 80 Milliarden Dollar.
Bei einem Unternehmen dieser Umsatzgröße wiegt ein neuer Markt wie CPUs schwerer als bei kleineren Halbleiterkonzernen. Genau deshalb zieht Huangs CPU-Marktthese Aufmerksamkeit — und genau deshalb fällt auf, dass China in der Guidance fehlt.
Die Aktie notiert mit rund 189 Euro gut 11 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt und hat seit Jahresbeginn knapp 17 Prozent zugelegt. Der RSI von knapp 40 signalisiert dabei keine überhitzte Stimmung. Ob der nächste Impuls aus Peking oder aus dem Vera-Ramp kommt, entscheidet sich spätestens mit den Lieferzahlen im dritten Quartal.
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