Nvidia schließt den Freitagshandel bei 171,98 Euro, ein Plus von 1,09 Prozent. Zum Rekordhoch vom 14. Mai bei 202,50 Euro fehlen der Aktie trotzdem 15,07 Prozent. Der eigentliche Grund für diese Lücke liegt aber nicht in schwachen Zahlen. Er liegt in einem Satz von CEO Jensen Huang.
Ein Eingeständnis, das die Erzählung verändert
Huang hat öffentlich eingeräumt, dass Nvidia den chinesischen Markt für KI-Chips „weitgehend“ an Huawei abgetreten hat. US-Exportbeschränkungen haben die globale Landschaft für KI-Halbleiter längst umgebaut. In einem separaten Interview ging Huang noch weiter. Er bezifferte den Marktanteil seines Unternehmens bei chinesischen KI-Beschleunigern inzwischen auf praktisch null.
Das ist eine erstaunliche Wende für einen Konzern, der laut Branchenschätzungen vor zwei Jahren noch einen wesentlichen Teil dieses Marktes kontrollierte. Huang beschreibt gegenüber CNBC offen, wer die Lücke gefüllt hat:
„Die Nachfrage in China ist ziemlich groß. Huawei ist sehr, sehr stark. Sie hatten ein Rekordjahr – und ihr lokales Ökosystem an Chipfirmen läuft gut, weil wir diesen Markt geräumt haben.“
Warum der Markt trotzdem gelassen bleibt
Man könnte einen größeren Ausverkauf erwarten, wenn der Weltmarktführer den Marktanteil in einem Land dieser Größe praktisch verliert. Die Reaktion bleibt trotzdem moderat. Der Grund liegt in Größenordnung und Portfoliomix.
China inklusive Hongkong steht für rund 9 Prozent des Nvidia-Umsatzes im laufenden Geschäftsjahr 2026. Das ist weniger als in den beiden Vorjahren.
Diese Exponierung schrumpft. Peking setzt klar auf eigene Alternativen, statt von Hardware abhängig zu sein, die Washington jederzeit einschränken kann.
Huang hat zudem klargestellt, dass Nvidia nicht mehr auf eine Wiederöffnung des chinesischen Marktes plant. Er dämpfte Hoffnungen auf eine schnelle Lockerung. Nvidia hat Investoren empfohlen, bei Chip-Genehmigungen für China nichts zu erwarten, sagte Huang.
Diese Formulierung ist entscheidend für die Einordnung der aktuellen Kursbewegung. Hier wartet kein Unternehmen auf einen Katalysator, den es nicht kontrollieren kann – Nvidia hat China bereits aus seinem Basisszenario gestrichen.
Der Chart bestätigt die neue Realität
Auch die technische Lage zeigt eine Aktie, die diese Realität verarbeitet, statt in Panik zu verfallen. Nvidia notiert 5,17 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 181,36 Euro. Gleichzeitig liegt der Kurs 4,73 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 164,21 Euro – der langfristige Aufwärtstrend bleibt intakt.
Der RSI auf 14-Tage-Basis steht bei 43,8. Das signalisiert einen Markt, der weder überkauft noch überverkauft ist, sondern schlicht unentschlossen.
Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 38,25 Prozent. Sie zeigt, wie empfindlich die Aktie auf jede neue China-Meldung reagiert – selbst auf solche, die nur bestätigen, was das Management längst zugegeben hat.
Zoomt man weiter heraus, zeigt sich ein stabiles Bild. Über zwölf Monate steht die Aktie mit 26,81 Prozent im Plus, seit Jahresbeginn mit 6,75 Prozent.
Vom 52-Wochen-Tief bei 134,06 Euro, erreicht vor fast genau einem Jahr, liegt der Kurs inzwischen 28,29 Prozent entfernt.
Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 263,59 Euro. Das entspricht einem Potenzial von rund 53 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Diese Kluft zwischen Kursziel und Kurs zeigt, worauf die Wall Street eigentlich setzt: nicht auf eine Rückkehr nach China, sondern auf den Ausbau in den USA. Der Bau von Rechenzentren für Hyperscaler soll den Verlust des chinesischen Geschäfts mehr als ausgleichen.
Zwei Ökosysteme, eine Wette
Was Huangs Aussagen wirklich zeigen, ist eine strukturelle Spaltung. Zwei KI-Hardware-Ökosysteme entwickeln sich parallel, eines amerikanisch, eines chinesisch, mit kaum noch Überschneidung. Nvidias Wette lautet: Die US-geführte Seite dieser Spaltung wächst schnell genug, um den kompletten Verlust Chinas zu einem verkraftbaren Preis zu machen statt zu einer existenziellen Bedrohung.
Der Abstand der Aktie zu ihrem Rekordhoch wirkt deshalb weniger wie ein Urteil über diese Wette. Er wirkt eher wie ein Markt, der noch berechnet, wie viel davon er wirklich glauben soll.
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