Rekordergebnisse, ein milliardenschweres Rückkaufprogramm, ein Kursrekord-Kursziel von 500 Dollar — und trotzdem steht die Aktie unter Druck. Bei Nvidia zeigt sich gerade, was passiert, wenn ein Unternehmen so erfolgreich ist, dass selbst außergewöhnliche Nachrichten nicht mehr reichen.
Verkaufen nach den Zahlen
Nach der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse verlor die Aktie in zwei Handelssitzungen rund 3,5 Prozent. Das klassische „Sell the News“-Muster. Auf Eurobasis schloss das Papier am Freitag bei 185,46 Euro, ein Minus von knapp 2 Prozent auf Tagesbasis und rund 4 Prozent auf Wochensicht. Auf Jahressicht steht dennoch ein Plus von 15 Prozent.
Das Problem ist hausgemacht: Nvidia hat sich in Bewertungsregionen vorgearbeitet, die für einen Chiphersteller historisch beispiellos sind. Bei einem Umsatzwachstum von 85 Prozent im Jahresvergleich — und einer Beschleunigung dieses Wachstums über drei Quartale in Folge — liegt die Messlatte so hoch, dass selbst starke Zahlen Gewinnmitnahmen auslösen.
Rückkauf und Dividendensprung
Neben den Quartalszahlen genehmigte der Verwaltungsrat am 18. Mai ein zusätzliches Aktienrückkaufprogramm über 80 Milliarden Dollar — ohne Ablaufdatum. Hinzu kommt eine drastische Dividendenerhöhung: Die Quartalsdividende steigt von 0,01 auf 0,25 Dollar je Aktie, zahlbar am 26. Juni an Aktionäre, die am 4. Juni im Register stehen.
Im ersten Quartal des Fiskaljahres 2027 flossen bereits rund 20 Milliarden Dollar an Aktionäre zurück — ein Rekord. Zusammen mit den verbliebenen 38,5 Milliarden Dollar aus der alten Ermächtigung verfügt Nvidia damit über eine kombinierte Rückkaufkapazität von mehr als 118 Milliarden Dollar.
China: Ein Markt, der verloren ist
Die strategisch folgenreichste Aussage der Woche kam von CEO Jensen Huang persönlich. Nvidia habe den chinesischen KI-Chipmarkt „weitgehend aufgegeben“, sagte Huang — eine direkte Folge der US-Exportkontrollen. China machte zuvor mindestens ein Fünftel des Rechenzentrumsumsatzes aus. Vor den ersten Exportbeschränkungen ab 2022 kontrollierte Nvidia rund 95 Prozent des chinesischen Marktes für KI-Beschleuniger.
Für das laufende zweite Quartal plant Nvidia keinerlei Rechenzentrumsumsatz aus China ein. Huang riet Investoren, bei Genehmigungen für Chiplieferungen nach China „mit nichts zu rechnen“. Huawei füllt das Vakuum: Die KI-Chipsparte des chinesischen Konzerns soll 2026 Umsätze von rund 12 Milliarden Dollar erzielen, nach 7,5 Milliarden im Vorjahr.
Ausblick übertrifft Erwartungen
Trotz des China-Ausfalls bleibt der Wachstumspfad intakt. Für das zweite Quartal des Fiskaljahres 2027 erwartet Nvidia einen Umsatz von 91 Milliarden Dollar — rund 95 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und deutlich über der Konsensschätzung von 87,2 Milliarden Dollar. CFO Colette Kress verwies auf Analystenprognosen, wonach die Kapitalausgaben der Hyperscaler 2027 die Marke von einer Billion Dollar überschreiten könnten. Bis Ende des Jahrzehnts könnten KI-Infrastrukturausgaben auf drei bis vier Billionen Dollar jährlich anwachsen.
Wall Street bleibt bullish
Das Kursziel-Bild ist eindeutig. Ein Analyst setzte am Freitag ein neues Straßenhöchstziel von 500 Dollar — begründet mit Nvidias wachsendem Anteil bei Inferencing-Workloads, vertieften Hyperscaler-Beziehungen und dem Potenzial der kommenden Vera-Rubin-Plattform, die den Blackwell-Rollout noch übertreffen könnte. Das durchschnittliche Kursziel der 42 abdeckenden Analysten liegt bei knapp 300 Dollar, bei 40 Kaufempfehlungen, einer Halteempfehlung und einer Verkaufsempfehlung. UBS hob sein Ziel nach den Zahlen auf 280 Dollar an.
Die eigentliche Belastungsprobe für die Aktie kommt nun aus zwei Richtungen: anhaltende Unsicherheit über die China-Exportpolitik der Trump-Regierung und wachsende Fragen, ob Eigenentwicklungen von Microsoft und Amazon bei KI-Chips langfristig Marktanteile kosten. Beides dürfte die Bewertungsdiskussion in den kommenden Monaten prägen.
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