Ein Umsatzsprung von 106 Prozent, ein Nettogewinn von 59,69 Milliarden Dollar, eine Bruttomarge von 75 Prozent – und die Aktie fällt trotzdem. Wer am Freitag auf die Kursreaktion schaute, konnte sich verwundert die Augen reiben: Nvidia schloss mit einem Minus von 4,1 Prozent bei 187,78 Euro. Für mich ist das die eigentliche Geschichte dieses Quartals, nicht die Zahlen selbst.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Nvidia hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 96,22 Milliarden Dollar umgesetzt, das Datencenter-Geschäft allein trug 89 Milliarden Dollar bei, ein Plus von 117 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie von 2,22 Dollar lag über dem Konsens von 2,09 Dollar.
Für das laufende Quartal stellt das Unternehmen rund 108 Milliarden Dollar in Aussicht, für das gesamte Geschäftsjahr 2028 rechnet Jensen Huang mit einem Wachstum von mindestens 70 Prozent. Das sind Werte, von denen andere Chiphersteller nur träumen können.
Und doch: Der Free Cashflow brach in der Marge von 59,5 Prozent im Vorquartal auf 22,2 Prozent ein. Das ist kein Beinbruch, aber ein Signal. Nvidia investiert massiv – in eigene Fertigungskapazität, in Kreditgarantien für den Ohio-Campus von bis zu 105 Milliarden Dollar, und mit knapp 50 Milliarden Dollar direkt in jene KI-Labore, die anschließend Nvidia-Chips kaufen. CFO Kress bestätigte, dass rund ein Viertel des Geschäfts 2026 von finanzierten Kunden stammt. Genau hier setzt meine Skepsis an.
Zirkuläre Finanzierung als Achillesferse
Wenn Nvidia selbst Geld in Firmen wie OpenAI, Anthropic oder diverse KI-Start-ups steckt, die das Kapital dann in Nvidia-Hardware zurückfließen lassen, entsteht ein Kreislauf, der bei anhaltendem Wachstum genial aussieht – und bei der ersten Nachfragedelle brandgefährlich wird.
Investor Michael Burry hat sich Ende vergangener Woche kritisch dazu geäußert, und ich teile diese Vorsicht zumindest in Teilen. Ein Unternehmen, das seine eigenen Kunden mitfinanziert, blendet naturgemäß einen Teil des tatsächlichen Marktrisikos aus der Bilanz aus.
Hinzu kommt ein zweiter Belastungsfaktor, der mir mindestens so wichtig erscheint wie die Finanzierungsfrage: Insider haben 2026 Aktien im Wert von mehr als 664 Millionen Dollar verkauft, davon rund 67 Prozent allein durch Direktor Mark Stevens. Dass er selbst nach den Verkäufen noch über 31 Millionen Aktien hält, relativiert das etwas – aber das Timing, kurz vor und nach starken Kurszielen, wirft Fragen auf, die sich nicht wegdiskutieren lassen.
Bewertung: teuer, aber nicht abgehoben
Auf der positiven Seite steht die Bewertung selbst überraschend moderat da: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 34,9 liegt deutlich unter dem Zehn-Jahres-Schnitt von 61,5. Die Analystenlandschaft bleibt gespalten, aber überwiegend optimistisch – Raymond James sieht ein Kursziel von 550 Dollar, Goldman Sachs 300 Dollar, während Barchart im Konsens einen Durchschnitt von rund 306 Dollar ausweist. Diese Spannbreite selbst ist bezeichnend: Niemand traut sich, das Wachstumstempo wirklich verlässlich zu extrapolieren.
Mit Blick auf die aktuellen Marktdaten zeigt sich die Ambivalenz auch charttechnisch. Nvidia notiert derzeit 7,3 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro, gleichzeitig aber 34 Prozent über dem Jahrestief von September 2025. Der RSI von 52,2 signalisiert weder Überkauft- noch Überverkauft-Zustand – ein Markt, der sich selbst noch nicht entschieden hat, wie er die widersprüchlichen Signale gewichten soll.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich ein Unternehmen, das operativ so stark liefert wie kaum ein zweites in der Technologiebranche, dessen Wachstumsstory aber zunehmend von selbstgemachten Abhängigkeiten getragen wird. Die Nachfrage nach Rechenleistung ist real, das bestätigen auch Wettbewerber wie AMD und Marvell mit eigenen Rekordzahlen.
Doch die Kombination aus sinkender Free-Cashflow-Marge, milliardenschweren Insider-Verkäufen und einer Kundenfinanzierung, die einen wachsenden Teil des Umsatzes trägt, spricht dafür, die Erwartungen an die nächsten Quartale mit mehr Vorsicht zu betrachten als es die Schlagzeilen nahelegen. Die Party läuft noch – aber wer genau hinschaut, sieht bereits die ersten Kellner, die die Rechnung vorbereiten.
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