Nvidia startet einen neuen Angriff — diesmal nicht bei Grafikchips, sondern beim Server-Prozessor. Der Konzern beginnt mit der Auslieferung seiner Vera-Rubin-Plattform NVL72 an Google, Microsoft, Oracle und CoreWeave. Das ist mehr als ein Hardware-Update: Nvidia betritt offiziell den 200 Milliarden Dollar schweren CPU-Markt, der bisher AMD und Intel gehörte.
Am Mittwoch schloss die Aktie bei 186,16 Euro, ein Plus von 2,35 Prozent zum Vortag. Seit Jahresbeginn steht ein Zuwachs von 16,15 Prozent zu Buche — solide, aber deutlich ruhiger als frühere Kursausschläge des Unternehmens. Der Titel notiert 8,07 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro.
Die entscheidende Frage: Trägt die CPU den nächsten Wachstumsschub?
Der neue Vera-Chip gilt als erster Prozessor, der speziell für „agentische KI“ entwickelt wurde — also für Systeme, die komplexe Aufgaben eigenständig koordinieren. Traditionelle x86-Architekturen stoßen dabei an Grenzen. Das Management rechnet mit rund 20 Milliarden Dollar Umsatz aus diesem Geschäft allein in diesem Jahr.
Die zentrale Frage für die Bewertung in den kommenden Quartalen: Kann Vera tatsächlich Marktanteile von etablierten Anbietern gewinnen? Falls ja, entsteht ein zweites Standbein, während die erste große Welle reiner GPU-Rechenzentren allmählich reift.
Bullen-Szenario: Effizienz und Kapex-Boom
Das Kursziel des Analystenkonsens liegt bei 264,89 Euro — ein Aufwärtspotenzial von 42,3 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Die Grundlage dafür liefern erste Praxiswerte: CoreWeave berichtet von einer zehnfach höheren KI-Rechenleistung pro Megawatt im Vergleich zur vorherigen Grace-Blackwell-Generation. Das ist relevant, weil Stromverfügbarkeit inzwischen zum größten Engpass für Rechenzentren geworden ist.
Die Nachfrageseite bleibt kräftig. Wells Fargo schätzt, dass die Investitionsausgaben der großen Cloud-Anbieter bis 2027 auf 1,1 Billionen Dollar steigen könnten — 25 Prozent mehr als der aktuelle Konsens erwartet. Nvidia sitzt bereits auf Lieferverpflichtungen im Wert von 119 Milliarden Dollar. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 23,2 auf Basis der erwarteten Gewinne sehen manche Analysten die günstigste Bewertung seit sieben Jahren.
Bären-Szenario: Schattenverschuldung und chinesische Konkurrenz
Die Gegenseite warnt vor einer Blase. LGT Capital Partners sieht das Risiko, dass der aktuelle „KI-Knappheits-Trade“ kippt, sobald branchenweit mehr Produktionskapazität ans Netz geht. Aus Knappheit könnte schnell ein Überangebot werden.
Hinzu kommt ein strukturelles Risiko: Große Tech-Konzerne haben laut Marktbeobachtern fast eine Billion Dollar an Kaufverpflichtungen außerhalb ihrer Bilanzen angehäuft. Bringen KI-Investitionen nicht schnell genug messbare Produktivitätsgewinne, drohen plötzliche Kürzungen bei den Investitionsbudgets.
Auch der Wettbewerb aus China bereitet Sorgen. Entwicklungen wie Moonshot AIs Kimi K3 haben in der Vergangenheit bereits Ausverkäufe im Sektor ausgelöst. US-Exportkontrollen verhindern zudem, dass Nvidia seine modernsten Vera-Rubin-Systeme überhaupt nach China liefern darf — ein Markt bleibt komplett verschlossen.
Die 30-Tage-Volatilität der Aktie liegt bei 34,58 Prozent annualisiert. Enttäuscht der nächste Quartalsbericht, könnte der Kurs Richtung 200-Tage-Durchschnitt bei 165,89 Euro zurückfallen.
Ausblick: Der 25. August als nächster Prüfstein
Solange die Nachfrage der Cloud-Anbieter nach Vera Rubin das Angebot übersteigt, bleibt der Weg zum Kursziel von 264,89 Euro fundamental gestützt. Kippt die Lage, verschiebt sich das Bild schnell.
Am 25. August legt Nvidia seine nächsten Quartalszahlen vor. Analysten erwarten einen Umsatz von rund 91,79 Milliarden Dollar. Zeigt der Bericht eine Verlangsamung im Rechenzentrumsgeschäft oder schrumpft die Bruttomarge unter die aktuellen 75 Prozent, dürfte die Aktie den 50-Tage-Durchschnitt bei 181,41 Euro testen.
Der eigentliche Gradmesser aber liegt tiefer: Erreicht die Vera-CPU tatsächlich die anvisierten 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz? Nur dann kann Nvidia seine Marktkapitalisierung von 4.313 Milliarden Euro in einem zunehmend diversifizierten Halbleitermarkt verteidigen.
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