Der Halbleitersektor rennt, Nvidia trottet hinterher. Seit Jahresbeginn hat der breite VanEck Semiconductor ETF zweistellig zugelegt, während die Nvidia-Aktie nur rund fünf Prozent gewann. Kein Einbruch, aber eine auffällige Entkopplung von einem Sektor, den der Konzern jahrelang selbst angeführt hat.
Rechenpreise geben nach
Ein Blick auf den Spotmarkt für GPU-Rechenleistung zeigt, warum. Für eine Stunde Rechenzeit auf dem aktuellen Flaggschiff-Chip B200 zahlten Kunden am 30. Mai noch gut sechs Dollar, drei Wochen später waren es nur noch 4,22 Dollar. Unabhängige Preisportale meldeten Mitte Juni sogar Spannen zwischen 2,12 und 3,93 Dollar je Stunde, je nach Anbieter.
Getrieben wird der Rückgang von einer Kostenwelle bei den Nutzern selbst. Anthropic stellte im Mai für Claude-Abonnenten auf volle API-Tarife für Agenten-Tools um. Uber musste laut eigener Aussage sein komplettes KI-Budget für 2026 bereits im April aufbrauchen, nachdem tausende Entwickler unkontrolliert Claude Code einsetzten — mit Kosten von bis zu 2.000 Dollar pro Kopf und Monat. Eine Finanzprofessorin der Universität Santa Clara brachte es gegenüber CNBC auf den Punkt: Weder Kunden noch Anbieter noch Hersteller wüssten derzeit verlässlich, wie viel Rechenleistung im kommenden Jahr wirklich gebraucht wird.
Samsung schickt Kapital auf Wanderschaft
Verstärkt wurde die Nervosität durch Samsungs jüngste Quartalszahlen. Sie fielen solide aus, reichten Investoren aber nicht — die Aktie brach ein, Speicherchip-Konkurrent Micron zog mit nach unten. Auffällig laut Marktbeobachtern: Das Kapital floss nicht aus der Technologiebranche ab, sondern in zuvor vernachlässigte Megacaps wie Alphabet, Amazon, Meta und auch Nvidia selbst — ein Signal dafür, dass die Sektorrotation innerhalb der KI-Story läuft, nicht aus ihr heraus.
Konkurrenzdruck kommt zusätzlich aus China. DeepSeek arbeitet Insidern zufolge an eigenen KI-Halbleitern, um die Abhängigkeit von Nvidia und Huawei zu verringern — ein Vorhaben, das die Aktie zeitweise vorbörslich belastete.
Google-SpaceX-Deal als Gegengewicht
Dass die Nachfrage nach Nvidia-Hardware deshalb kollabiert, lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Google und SpaceX schlossen Anfang Juni einen mehrjährigen Cloud-Vertrag über insgesamt 30,4 Milliarden Dollar, der laut SpaceX-Börsenunterlagen rund 110.000 Nvidia-GPUs umfasst. RBC Capital Markets wertet den Deal als Beleg für die strukturelle Stärke des Unternehmens und sieht Nvidia bis weit ins Jahr 2027 gut abgesichert.
Parallel baut der Konzern sein Geschäft jenseits reiner Grafikchips aus. Die Automobilsparte, in der Nvidia unter anderem mit dem Sensorhersteller Hesai kooperiert, verzeichnete im Geschäftsjahr 2026 ein Umsatzplus von 39 Prozent. Mit neuen Partnerschaften für Enterprise-KI-Plattformen, etwa gemeinsam mit SUSE und dem Cloud-Anbieter Vultr, positioniert sich Nvidia zusätzlich als Softwareplattform für produktionsreife KI-Anwendungen — ein Feld, das über die reine Chip-Nachfrage hinausgeht.
Für die Aktie bleibt die kurzfristige Gemengelage unübersichtlich: fallende Spotpreise und Budgetbremsen bei Großkunden auf der einen Seite, milliardenschwere Infrastrukturverträge und eine wachsende Diversifizierung ins Robotik- und Softwaregeschäft auf der anderen. Die kommenden Wochen dürften zeigen, welche der beiden Kräfte den Ton am Markt angibt.
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