Sechs Verlusttage in Folge, die längste Serie seit 2022 – und trotzdem bin ich überzeugt, dass die aktuelle Schwäche bei Nvidia mehr über die Nerven der Anleger aussagt als über das Geschäft selbst.
Am Mittwoch nach US-Börsenschluss legt der Chipkonzern seine Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor, und die Erwartungshaltung ist gewaltig: rund 91 bis 92 Milliarden Dollar Umsatz, fast eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahreswert von 46,74 Milliarden Dollar.
Der aktuelle Kurs von 183,78 Euro liegt 9,2 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro, das erst Mitte Mai erreicht wurde. Zugleich notiert die Aktie noch immer 31 Prozent über ihrem Jahrestief vom September. Diese Gemengelage – Konsolidierung nach starkem Lauf, nicht Absturz – spricht für mich gegen die These einer platzenden Blase, die derzeit viele Marktteilnehmer umtreibt.
Die Erwartungen sind hoch, aber nicht unbegründet
Es lohnt sich, die Zahlenbasis ernst zu nehmen. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres erzielte Nvidia 82 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Data-Center-Bereich allein wuchs um 92 Prozent auf 75 Milliarden Dollar.
Der freie Cashflow lag bei 49 Milliarden Dollar, gleichzeitig kaufte das Unternehmen Aktien im Wert von 80 Milliarden Dollar zurück. Das ist keine Wachstumsstory auf tönernen Füßen, sondern ein Unternehmen, das seine Erträge tatsächlich in bare Münze umsetzt.
Bank of America beziffert den Auftragsbestand der Hyperscaler bei Nvidia auf 2,3 Billionen Dollar. Der Optionsmarkt preist für den Berichtstag eine Kursbewegung von gut sechs Prozent ein, was einem Marktwert-Swing von 324,5 Milliarden Dollar entspricht – eine gewaltige Zahl, die zeigt, wie sehr dieser einzelne Termin die gesamte Tech-Rallye beeinflusst.
Bezeichnend: In sieben der vergangenen acht Berichtsquartale reagierte die Aktie trotz übertroffener Erwartungen negativ. Das nährt meine Skepsis gegenüber der verbreiteten Annahme, ein „Beat“ allein reiche als Kurstreiber.
Für mich überwiegt dennoch die fundamentale Seite. Benchmark-Analyst Cody Acree hob seine Prognose zuletzt auf 92 Milliarden Dollar Umsatz und 2,10 Dollar Gewinn je Aktie an und bestätigte sein Kursziel von 335 Dollar mit Kaufempfehlung. BMO Capital startete die Nvidia-Coverage neu mit einem Kursziel von 340 Dollar.
Der Analystenkonsens von durchschnittlich rund 302 Dollar liegt damit deutlich über dem gegenwärtigen Dollar-Kursniveau – ein Aufwärtspotenzial, das die Wall Street mehrheitlich für real hält, wie das nahezu einhellige Buy-Rating aller 26 erfassten Häuser zeigt.
Risiken bleiben real, ändern aber nicht die Grundrichtung
Wer die Story unkritisch feiert, blendet Risiken aus. Die zirkuläre Finanzierungsstruktur – Nvidia investiert Milliarden in Partner wie Poolside AI, unterstützt gleichzeitig Cloud-Anbieter mit GPU-besicherten Krediten und ist an einem 500-Milliarden-Dollar-Finanzierungsverbund mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR beteiligt – wirft berechtigte Fragen zur Werthaltigkeit dieser Konstruktion auf.
Auch die China-Frage bleibt ungelöst: H200-Lieferungen an Bytedance und Tencent wurden zwar per Einzellizenz genehmigt, doch heimische Chips haben dort bereits Marktanteile gewonnen, während Peking die Halbleiter-Unabhängigkeit vorantreibt.
Hinzu kommen makroökonomische Störfeuer. Steigende US-Anleiherenditen belasteten zuletzt Wachstumswerte generell, und Investor Michael Burry positioniert sich öffentlich short gegen die KI-Story. Diese Gegenwinde sind real, doch sie überzeugen mich nicht, an der operativen Substanz zu zweifeln.
Unterm Strich sehe ich die jüngste Kursschwäche als Ausdruck von Nervosität vor einem Schlüsseltermin, nicht als Vorbote eines fundamentalen Bruchs. Die Bewertung mit dem 25-fachen der erwarteten Gewinne liegt unter dem Nasdaq-100-Durchschnitt von 26 – für ein Unternehmen mit annähernder Umsatzverdopplung eine bemerkenswert moderate Kennziffer. Der Mittwoch wird zeigen, ob die operative Stärke die Zweifel endlich überstimmt.
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