Jensen Huang hat AGI für erreicht erklärt – und der Markt hat mit Achselzucken reagiert. Nvidia verlor am Dienstag rund zwei Prozent, während Konkurrenten wie CoreWeave und SoftBank zulegten. Für mich ist genau diese Reaktion der eigentlich interessante Punkt der Woche, nicht Huangs großspurige Ansage selbst.
Die Zahlen widersprechen der Untergangsstimmung
Wer sich die operativen Fakten ansieht, findet wenig, das für einen Wachstumsknick spricht. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erzielte Nvidia 96 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Rechenzentrumsgeschäft allein brachte 89 Milliarden Dollar, die Marge lag bei 75 Prozent.
Für das dritte Quartal stellt das Unternehmen 108 Milliarden Dollar in Aussicht. Der Finanzchef geht für das gesamte Geschäftsjahr 2028 von rund 70 Prozent Wachstum aus – deutlich mehr, als der Analystenkonsens mit etwa 45 Prozent unterstellt. Wenn das Management optimistischer ist als der Markt, ist das selten ein Warnsignal.
Hinzu kommt ein Detail, das leicht untergeht: CoreWeave-Chef Michael Intrator erklärte bei der Goldman-Konferenz, jede einzelne verfügbare GPU könnte an mehrere Kunden gleichzeitig verkauft werden. Das ist keine Nachfrageschwäche, das ist ein Angebotsproblem.
Auch Broadcom und Micron begründen ihre Wachstumsprognosen explizit mit Lieferengpässen, nicht mit nachlassender Bestellbereitschaft. Für mich untermauert das die These, dass der aktuelle Kursrücksetzer eher Gewinnmitnahme nach der Rally ist als ein Urteil über die fundamentale Story.
Strategische Bewegungen zeigen, wohin die Reise geht
Nvidia baut seine Position systematisch aus, statt sie zu verteidigen. Die geplante Übernahme von Hugging Face für 12,93 Milliarden Dollar verschafft dem Unternehmen direkten Einblick in die Plattform, auf der Millionen Entwickler ihre Modelle austauschen – über 18 Millionen Nutzer, mehr als drei Millionen Modelle. Das ist kein Nebenkriegsschauplatz, sondern ein Versuch, die gesamte KI-Wertschöpfungskette von der Software bis zum Chip zu kontrollieren.
Parallel dazu hat Nvidia ein Kreditprogramm über 500 Milliarden Dollar mit Partnern wie Blackstone, BlackRock und Goldman Sachs aufgesetzt, bei dem das Unternehmen selbst bis zu 125 Milliarden Dollar als Rückversicherung übernimmt. Huangs Formulierung, Chips seien ein „investierbares Asset“, klingt zunächst wie Marketing-Sprech.
Ich lese es eher als Beleg dafür, wie sehr Nvidia mittlerweile die Finanzierungsarchitektur der gesamten KI-Infrastruktur mitgestaltet – mit allen Chancen und Klumpenrisiken, die das mit sich bringt. Dass drei Direktkunden allein 16, 15 und 13 Prozent des Umsatzes ausmachen, ist ein Punkt, den Anleger nicht ausblenden sollten.
Auch die verschärfte Kundenprüfung in Asien, mit der Nvidia die Zahl autorisierter Abnehmer um mehr als die Hälfte reduziert hat, passt in dieses Bild: Das Unternehmen bewegt sich zwischen geopolitischem Druck und Wachstumsappetit, und beides lässt sich nicht beliebig lange vereinbaren.
Mein Fazit
Der aktuelle Kurs von 192,96 Euro liegt knapp fünf Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch und gleichzeitig ein gutes Stück über dem 200-Tage-Durchschnitt von 169,97 Euro – ein Bild, das eher nach gesunder Konsolidierung als nach Trendbruch aussieht. Cantor Fitzgerald bezeichnet die Aktie auf Basis der Gewinnschätzungen für 2028 sogar als die „günstigste“ unter den Compute-Werten, mit einem Kursziel von 350 Dollar.
Unterm Strich überwiegen für mich die fundamentalen Argumente: explosives Umsatzwachstum, strukturelle Angebotsknappheit und eine aggressive Expansionsstrategie in Software und Finanzierung. Die Kundenkonzentration und die politische Abhängigkeit von Exportregeln bleiben die Risiken, die diese Geschichte jederzeit stören können.
Der Auftritt von Jensen Huang bei Goldman Sachs am Donnerstag wird zeigen, ob das Management diese Bedenken adressiert – oder einfach weiter Zahlen liefert, die für sich sprechen.
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