Jensen Huang klingt euphorisch. „Vera Rubin ist bereits in Produktion“, verkündete der Nvidia-Chef Anfang August, „riesige Produktionsmengen kommen“. Fast gleichzeitig warnte der bekannte Investor Michael Burry vor einem Nachfragerisiko von 250 Milliarden Dollar. Für mich zeigt genau dieser Kontrast, worum es bei Nvidia derzeit wirklich geht: Die Dealflut ist real, die Skepsis ist es auch. Beides gleichzeitig ernst zu nehmen, halte ich für die einzig vernünftige Haltung.
Die Deals sprechen eine klare Sprache
Wer sich allein auf die jüngsten Partnerschaften stützt, kommt kaum an einer bullishen Lesart vorbei. Ende Juli verkündeten SK Group und Nvidia eine Zusammenarbeit im Volumen von mehr als 500 Milliarden Dollar. SK Telecom soll demnach eine „Vera Rubin DSX AI Factory“ mit zwei Gigawatt Leistung errichten, während Nvidia und SK hynix laut einer Mitteilung von SK hynix eine langfristige Partnerschaft zur Entwicklung der nächsten HBM-Speichergeneration eingehen. Nur einen Tag zuvor hatte Nvidia bereits eine langfristige Partnerschaft mit Safe Superintelligence Inc. bekanntgegeben, um das Wachstum des KI-Start-ups zu beschleunigen.
Anfang August kam ein dritter Baustein hinzu: Nvidia gründete zusammen mit 36 weiteren Organisationen die „Open Secure AI Alliance“, die offene Technologien zur Absicherung von Software und KI-Agenten entwickeln soll. Für mich ist das mehr als Symbolpolitik – es zementiert Nvidias Position im Zentrum der KI-Infrastruktur, weit über reine Chip-Lieferungen hinaus. Wer glaubt, die Nachfrage nach Nvidia-Technologie ließe in absehbarer Zeit nach, muss diese Serie an Milliardenverträgen erst einmal erklären.
Burry und die Insider als Gegengewicht
Trotzdem wäre es naiv, die Warnsignale zu ignorieren. Burrys Einschätzung, dass ein Nachfragerisiko von 250 Milliarden Dollar im Raum steht, richtet sich gegen ein Narrativ, das seit Monaten fast ausschließlich nach oben zeigt. Medienberichten zufolge stehen dem zwar 36 Analystenkaufempfehlungen gegenüber – doch Konsensmeinungen sind kein Ersatz für kritische Distanz, gerade wenn ein einzelner Investor mit Substanz gegen den Strom schwimmt.
Auffällig finde ich auch das Verhalten der Nvidia-Insider selbst: In den vergangenen 90 Tagen wurden 13 Transaktionen registriert, ausschließlich Verkäufe, mit einem Gesamtwert von rund 767,2 Millionen Dollar. Kein Insider hat in diesem Zeitraum zugekauft. Das ist für sich genommen kein Alarmsignal – Führungskräfte diversifizieren regelmäßig ihr Vermögen –, aber es passt eben nicht zum Bild der grenzenlosen Euphorie, das die Dealmeldungen vermitteln.
Was der Kurs schon eingepreist hat
An der Börse zeigt sich diese Ambivalenz bislang kaum. Die Aktie schloss am Donnerstag bei 189,82 Euro und liegt damit nur noch 6,26 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro. Allein in den vergangenen sieben Handelstagen hat das Papier um 9,02 Prozent zugelegt – ein Tempo, das für mich zeigt, wie sehr der Markt die jüngsten Partnerschaften bereits goutiert. Der Kurs notiert damit spürbar über seinen kurz- und mittelfristigen Durchschnittslinien, was auf eine intakte Aufwärtsdynamik hindeutet, aber auch wenig Spielraum für Enttäuschungen lässt.
Die eigentliche Nagelprobe steht erst noch bevor: Am 26. August will Nvidia die Zahlen zum zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 vorlegen, für den Zeitraum bis zum 26. Juli. Medienberichten zufolge rechnet der Markt mit einem Umsatz von rund 91 Milliarden Dollar. Diese Zahl wird zum eigentlichen Prüfstein: Sie muss die Dealflut der vergangenen Wochen in harte Wachstumszahlen übersetzen – sonst bekommt Burrys Warnung plötzlich mehr Gewicht, als ihr der Markt heute zubilligt.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich derzeit die strukturellen Argumente: Die Allianzen mit SK Group, SSI und der breiten Industrie zeigen, dass Nvidia sein Ökosystem systematisch ausbaut, nicht nur seine Auftragsbücher füllt. Die Insiderverkäufe und Burrys Warnung sollten Anleger aber nicht als Fußnote abtun, sondern als Erinnerung, dass die Bewertung wenig Puffer für Enttäuschungen lässt. Der 26. August dürfte zeigen, welche der beiden Erzählungen näher an der Realität liegt.
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