Nvidia hat in den vergangenen Tagen ein Muster offengelegt, das sich kaum noch übersehen lässt: Der Konzern finanziert zunehmend die Infrastruktur, die am Ende seine eigenen Chips kauft.
Für mich ist genau das die eigentliche Geschichte hinter den vielen Einzelmeldungen der letzten Wochen – nicht die Allianz zur Finanzierung von KI-Infrastruktur vom vergangenen Freitag, die inzwischen abgehandelt ist, sondern die Summe der kleineren, stetig neuen Beteiligungen.
Ein Beteiligungskarussell nimmt Fahrt auf
Am Freitag berichtete Reuters, Nvidia sei in Gesprächen über eine Investition von bis zu 3 Milliarden Dollar in SB Energy, eine Tochtergesellschaft der SoftBank Group, die an einem geplanten Rechenzentrumsprojekt in Ohio für OpenAI hängt. Parallel dazu soll es um rund 100 Milliarden Dollar an Kreditunterstützung für den Campus gehen.
Erst wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass Nvidia bis zu 3 Milliarden Dollar in Lancium stecken will, den Stromversorger hinter dem Stargate-Rechenzentrum in Texas – 2 Milliarden Dollar sofort für rund 20 Prozent der Anteile, eine weitere Milliarde an Bedingungen geknüpft.
Dazu kommt eine Beteiligung an Firmus, einem KI-Infrastrukturunternehmen, das nach einer Kapitalerhöhung von 2 Milliarden Dollar auf eine Bewertung von über 10,5 Milliarden Dollar kommt – auch hier war Nvidia als Anteilseigner mit an Bord, neben Coatue Management, Blackstone-Fonds und Jane Street.
Wer diese drei Fälle nebeneinanderlegt, erkennt eine Strategie: Nvidia sichert sich nicht nur als Zulieferer, sondern als Miteigentümer der Nachfrageseite ab.
Bemerkenswert finde ich, dass Nvidia bei dem großen 500-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrahmen für KI-Infrastruktur, an dem laut Reuters unter anderem Goldman Sachs, BlackRock, Blackstone, Apollo, Brookfield und KKR beteiligt sind, selbst erklärt hat, maximal 25 Prozent davon zu tragen. Das liest sich wie ein Eingeständnis: Der Konzern weiß, dass er die schiere Größe dieser Investitionswelle nicht allein stemmen kann und will – aber auch nicht ganz draußen bleiben.
Zwischen Wachstumsmotor und Klumpenrisiko
Die Ohio-Garantie für das OpenAI-Projekt wurde bereits Anfang August von ursprünglich 250 Milliarden Dollar auf unter 120 Milliarden Dollar zurückgefahren, wie Reuters unter Berufung auf das Wall Street Journal berichtete. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass selbst Nvidia die Risiken solcher Mega-Zusagen neu kalibriert. Wer glaubt, diese Investitionsserie sei reine Wachstumsfantasie ohne Kehrseite, übersieht diesen Rückzieher.
Gleichzeitig bleibt das operative Fundament intakt: IBM und Together AI haben Mitte August ein Mehrjahresabkommen über 240 Millionen Dollar geschlossen, um einen KI-Cluster mit Nvidia-HGX-B300-Systemen und Spectrum-X-Ethernet-Technik aufzubauen – die erste Ausbaustufe soll rund 2.000 Blackwell-300-Chips umfassen.
Auch die Entwicklung der neuen Modellfamilie Nemotron 4, deren größtes Modell laut Reuters mindestens eine Billion Parameter haben soll, zeigt, dass Nvidia technologisch nicht nur Hardware, sondern zunehmend auch Software-Ökosysteme besetzt.
An der Börse hat sich die Aktie zuletzt bei 194,74 Euro eingependelt, nur 3,8 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro. Der Kurs notiert damit rund 16 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt – ein Zeichen, dass der Markt die Investitionsserie bislang goutiert statt sie kritisch zu hinterfragen.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich in dieser Beteiligungsstrategie zwei Seiten derselben Medaille. Einerseits sichert sich Nvidia damit Nachfrage, die sonst von der Finanzierungsfähigkeit der Kunden abhinge – ein cleverer Schachzug in einem Markt, in dem Kapitalintensität zum limitierenden Faktor wird.
Andererseits wächst die Verflechtung zwischen Chiphersteller und Abnehmern zu einem Ausmaß, das im Abschwung schnell zum Bumerang werden könnte. Die Reduzierung der Ohio-Garantie zeigt, dass selbst Nvidia diese Grenze spürt. Für mich überwiegt derzeit die Wachstumslogik – aber die Abhängigkeiten, die der Konzern sich selbst schafft, verdienen genauere Beobachtung als bisher.
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