Nvidia-Aktien legen am heutigen Freitag um 1,31 Prozent auf 171,52 Euro zu und setzen damit den moderaten Erholungskurs der vergangenen Tage fort. Vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro, erreicht im Mai, trennen das Papier trotzdem noch gut 15 Prozent. Der Kontrast zum Tagesgewinn ist Programm: Während Analysten dem Chipkonzern operativ weiter Bestnoten ausstellen, wächst am Anleihemarkt die Nervosität über die schiere Größe der KI-Finanzierungen, in die Nvidia verstrickt ist.
Q2-Prognose als nächste Bewährungsprobe
Am 26. August legt Nvidia seinen Bericht zum zweiten Quartal des Fiskaljahres 2027 vor – für viele Investoren der wichtigste Termin des Sommers. Im ersten Quartal hatte der Konzern einen Umsatz von 81,6 Milliarden Dollar erzielt, ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einem Gewinn pro Aktie von 1,87 Dollar gegenüber erwarteten 1,76 Dollar. Das Datacenter-Geschäft allein steuerte 75,2 Milliarden Dollar bei, ein Anstieg von 92 Prozent, während der Networking-Bereich um 199 Prozent zulegte. Für das laufende Quartal hat das Management einen Umsatz von rund 91 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, bei einer Bruttomarge von etwa 75 Prozent – deutlich über der durchschnittlichen Analystenschätzung von 87 Milliarden Dollar.
Firmenchef Jensen Huang beschrieb die laufenden Investitionen der Kunden als „die größte Infrastrukturerweiterung in der Geschichte der Menschheit“. Nvidia erhöhte zugleich seine Quartalsdividende auf 0,25 Dollar je Aktie und startete ein Aktienrückkaufprogramm über 80 Milliarden Dollar. Aus China verbucht der Konzern wegen der Exportbeschränkungen weiterhin keine Datacenter-Umsätze, rechnet aber mit rund 20 Milliarden Dollar an CPU-Erlösen im laufenden Jahr.
Analysten sehen deutliches Potenzial – mit Vorbehalten
Morningstar setzte am Donnerstag seinen fairen Wert für die Nvidia-Aktie auf 280 Dollar und stufte das Papier angesichts des Kursrückgangs seit Mitte Mai von rund 17 Prozent als unterbewertet ein. Analyst Brian Colello sprach von einem „Schnäppchen“ und begründete die Einschätzung mit einem für das Fiskaljahr 2027 erwarteten Umsatzwachstum von 80 Prozent. Morningstar räumt dem Titel dabei einen breiten Wettbewerbsgraben ein, mahnt aber zugleich eine sehr hohe Unsicherheit an – als Risiken nennt das Analysehaus vor allem die zunehmende Eigenentwicklung von Chips durch Hyperscaler und mögliche Kürzungen der KI-Investitionen.
New Street Research senkte sein Kursziel jüngst auf 340 Dollar, bleibt damit aber ebenso wie die überwiegende Mehrheit der Wall-Street-Häuser bei einer Kaufempfehlung. Von 47 ausgewerteten Analysten stufen 43 die Aktie als starken Kauf ein, das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 304 Dollar. Auf der Käuferseite bauten mehrere institutionelle Investoren ihre Positionen im ersten Quartal spürbar aus, während einzelne Insider – darunter zwei Unternehmensdirektoren – in den vergangenen drei Monaten Aktien im Gesamtwert von rund 410 Millionen Dollar verkauften.
Schuldenmarkt registriert wachsende Risiken
Parallel zur operativen Stärke verdichten sich Warnsignale rund um die Finanzierung des KI-Baubooms, an dem Nvidia zentral beteiligt ist. Der Konzern verhandelt Berichten zufolge über eine Garantie von rund 250 Milliarden Dollar für ein 10-Gigawatt-Rechenzentrum von OpenAI im Ort Piketon in Ohio, ergänzt um eine mögliche Chip-Finanzierung von bis zu 350 Milliarden Dollar. Die Gesamtkosten des Projekts sollen 500 Milliarden Dollar übersteigen – bei einem Partner, der bislang nicht profitabel ist und über kein Investment-Grade-Rating verfügt. Insgesamt soll Nvidia an KI-Geschäften mit einem Volumen von mehr als 750 Milliarden Dollar arbeiten, darunter eine Partnerschaft mit der südkoreanischen SK Group mit einem Geschäftsvolumen von über 500 Milliarden Dollar. Kritiker sprechen laut der Los Angeles Times von einer künstlich aufgeblähten Nachfrage und wachsenden Bewertungsrisiken.
Am Kreditmarkt schlägt sich diese Sorge bereits nieder: Die fünfjährigen Kreditausfallversicherungen auf Nvidia-Anleihen kletterten auf rund 80 Basispunkte, den höchsten je gemessenen Stand. Der Handel mit entsprechenden Absicherungspapieren im Technologiesektor erreichte im zweiten Quartal ein Volumen von 650 Millionen Dollar, ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorquartal und von 600 Prozent gegenüber dem Vorjahr. JPMorgan hat inzwischen einen eigenen CDS-Korb für die großen Technologiekonzerne eingeführt, um Investoren gezielte Absicherungen gegen dieses Risiko zu ermöglichen.
Für Nvidia-Anleger ergibt sich damit ein zweigeteiltes Bild: Das operative Geschäft wächst mit historisch seltenen Raten, während die Finanzierungsarchitektur der gesamten KI-Branche zunehmend unter Beobachtung steht. Mit einem RSI von 44,2 und einer 30-Tage-Volatilität von gut 37 Prozent bewegt sich die Aktie derzeit in neutralem bis leicht angespanntem technischem Terrain – die Reaktion auf den Quartalsbericht am 26. August dürfte zeigen, welches der beiden Narrative kurzfristig die Oberhand gewinnt.
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