Ausgangslage: Drei Rückschläge, drei Reaktionen der Analysten
Innerhalb von zwei Wochen hat Novartis gleich drei klinische Rückschläge kassiert. Ende August wurde die CAR-T-Zelltherapie Rapcabtagen Autoleucel in Teilen ihres Entwicklungsprogramms nach drei Todesfällen gestoppt.
Am 4. September verfehlte der Cholesterin-Kandidat Pelacarsen in der Lp(a)HORIZON-Studie seinen primären Endpunkt zur Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse. Wenige Tage später, am 8. September, scheiterte auch Del-Desiran in der HARBOR-Zulassungsstudie zur myotonen Dystrophie Typ 1 – jenes Medikament, das im Zentrum der zwölf Milliarden Dollar schweren Übernahme von Avidity Biosciences stand.
Warum das jetzt zählt: Gleich drei Häuser haben binnen 48 Stunden reagiert. Die Deutsche Bank stufte Novartis am 9. September von Buy auf Hold zurück und senkte das Kursziel von 140 auf 120 Schweizer Franken; Analyst Emmanuel Papadakis verwies auf die zweite klinische Enttäuschung in schneller Abfolge und wachsende Zweifel an der Deal-Bilanz des Konzerns.
UBS-Analyst Matthew Weston beließ das Papier auf Neutral, Kursziel 116 Franken. HSBC dagegen hob seine Einstufung am 10. September von Reduce auf Hold an, mit einem neuen Kursziel von 110 Franken – und begründete dies damit, der negative Nachrichten-Pfad sei „weitgehend abgelaufen“.
Die entscheidende Frage: Ist der Avidity-Zukauf noch zu rechtfertigen?
Der eine Faktor, der die kommenden Monate bestimmt: Wie viel vom Del-Desiran-Programm lässt sich nach dem HARBOR-Fehlschlag noch retten, und was bedeutet das für die zwölf Milliarden Dollar, die Novartis für Avidity Biosciences bezahlt hat? Del-Desiran war der Kern dieser Übernahme.
Fällt dieser Wert weitgehend aus, steht eine Abschreibungsdebatte im Raum, die über die reine Pipeline-Enttäuschung hinausgeht und die Kapitalallokation des Managements insgesamt infrage stellt. Genau darauf zielte die Deutsche Bank mit ihrer Herabstufung.
Bullisches Szenario: Der Boden ist erreicht
Für eine Stabilisierung spricht, dass HSBC den dreifachen Rückschlag bereits als eingepreist betrachtet. Die Analysten gehen von sinkenden Konsensschätzungen kurzfristig aus, sehen den Katalog negativer Nachrichten aber als weitgehend abgearbeitet an.
Gestützt wird dieses Bild vom Erfolg von Remibrutinib: Die REMODEL-1/-2-Studien zur Multiplen Sklerose erreichten am 4. September ihren primären Endpunkt und zeigten eine signifikant reduzierte jährliche Schubrate gegenüber Teriflunomid.
Novartis verfügt damit weiterhin über werttreibende Pipeline-Assets außerhalb der gescheiterten Programme. Sollte sich der Aktienkurs, der zuletzt bei 119,64 Euro und damit 1,2 Prozent über dem Vortagesschluss notierte, in den kommenden Wochen stabilisieren, könnte die Erholung vom jüngsten Rutsch beginnen.
Bärisches Szenario: Die Deal-Bilanz gerät ins Rutschen
Das Risiko liegt in der Kombination aus Kapitalallokations-Zweifeln und technischer Schwäche. Der Titel notiert rund 17 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 144,30 Euro, was zeigt, wie stark die jüngste Talfahrt bereits ins Gewicht fällt.
Der Relative-Stärke-Index von 32,1 signalisiert eine überverkaufte Lage, die kurzfristig sowohl eine technische Gegenbewegung als auch eine Fortsetzung des Abwärtstrends bedeuten kann, sollten weitere schlechte Nachrichten folgen.
Kritisch wird es, falls Novartis Abschreibungen auf den Avidity-Zukauf konkretisieren muss oder falls das Rapcabtagen-Programm über die aktuell betroffenen Autoimmun- und Neurologie-Studien hinaus weitere Einschränkungen erfährt. In diesem Fall dürfte sich der von der Deutschen Bank beschriebene Vertrauensverlust in die Geschäftsleitung verfestigen.
Ausblick: Der Quartalsbericht als nächster Prüfstein
Solange sich die Analystenmeinungen wie aktuell zwischen Hold und Neutral einpendeln und kein weiterer Studienfehlschlag hinzukommt, dürfte sich der Kurs im aktuellen Bereich konsolidieren – gestützt auch durch Erfolge wie Remibrutinib.
Kippt dagegen die Wahrnehmung der Avidity-Übernahme in Richtung einer offiziellen Wertberichtigung, dürfte der Druck auf die Aktie erneut zunehmen, zumal die Volatilität mit 41 Prozent auf 30-Tage-Basis bereits erhöht ist.
Der nächste konkrete Prüfstein folgt am 27. Oktober mit den Ergebnissen zum dritten Quartal und den ersten neun Monaten 2026. Dort dürfte das Management erstmals konkreter Stellung dazu beziehen müssen, wie es die Pipeline-Rückschläge und die Zukunftsfähigkeit der Avidity-Assets bewertet.
Auch die für den 18. und 19. November angesetzte Management-Konferenz in London dürfte Hinweise liefern, wie das Unternehmen die kommenden Entwicklungsschritte für die verbliebenen Programme plant.
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