Hartnäckige Inflation bringt die Zentralbanken der Welt in eine unangenehme Zwickmühle. Während Australiens Notenbank nach einem überraschend heißen Preisdatensatz vor einer weiteren Zinserhöhung steht, kämpft auch die US-Notenbank Fed mit klebrigen Teuerungsraten – und das ausgerechnet, während Präsident Donald Trump offen versucht, ein Fed-Mitglied loszuwerden. Die Gemengelage zeigt: Geldpolitik und Politik lassen sich derzeit kaum trennen.
Australien: Drei von vier Großbanken erwarten Zinsschritt
In Australien hat ein unerwartet starker Inflationsbericht für Juli die Erwartungen an eine erneute Zinserhöhung deutlich nach oben katapultiert. Die Commonwealth Bank of Australia und die National Australia Bank schlossen sich am Donnerstag der Einschätzung von ANZ an und rechnen nun beide mit einem weiteren Zinsschritt der Reserve Bank of Australia (RBA) noch in diesem Jahr. NAB geht sogar davon aus, dass die Notenbank bereits bei ihrer nächsten Sitzung Ende September zuschlägt, mit einem erhöhten Risiko für eine zusätzliche Anhebung im November.
Nur Westpac hält bislang an der Prognose fest, dass die Zinsen auf dem aktuellen Niveau bleiben. Die RBA hatte den Leitzins zuletzt zwei Sitzungen in Folge bei 4,35 Prozent belassen, nach drei Erhöhungen im laufenden Jahr. „Die erneute Stärke bei einer Reihe von zugrunde liegenden und binnenwirtschaftlich getriebenen Preisen deutet darauf hin, dass sich der Disinflationsprozess verlangsamt hat“, erklärte Belinda Allen, Chefökonomin für Australien bei CBA. Der Markt preist inzwischen eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September ein – vor dem Inflationsbericht lag dieser Wert noch bei nur 17 Prozent. Bis Februar wird eine Gesamtstraffung von 30 Basispunkten erwartet.
USA: PCE-Daten heizen Debatte vor Jackson Hole an
Auch in den Vereinigten Staaten bleibt die Teuerung stur. Der von der Fed bevorzugte Preisindex PCE stieg im Juli um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, leicht über den Erwartungen der Ökonomen. Die Kernrate blieb bei 3,3 Prozent. Die Zahlen kamen zu einem heiklen Zeitpunkt: Nur einen Tag später sollte Fed-Chef Kevin Warsh sein erstes großes Grundsatzreferat beim traditionsreichen Notenbankertreffen in Jackson Hole halten.
Die Reaktionen der Ökonomen fielen gemischt aus. Jamie Cox von Harris Financial sieht die Inflation als „nervig zäh“, erwartet aber keine Zinserhöhung der Fed in diesem Jahr. Ariane Curtis von Capital Economics hält dagegen eine Anhebung im Dezember für wahrscheinlich, gefolgt von einem weiteren Schritt Anfang kommenden Jahres. Joseph Brusuelas von RSM US mahnte, die Daten zeigten eine Wirtschaft, die sich nicht von selbst zur Preisstabilität zurückbewege – ein Seitenhieb auf Warsh, der nun erklären müsse, wie er die Inflation tatsächlich in den Griff bekommen wolle.
An den Devisenmärkten sorgten die Zahlen für Rückenwind beim Dollar. Der Dollarindex kletterte auf ein Achttageshoch von 99,13 Punkten, während Marktteilnehmer zugleich auf eine Rede des japanischen Notenbank-Vize Ryozo Himino blickten. Sollte dieser ähnliche Formulierungen wie vor der Zinserhöhung im Januar 2025 verwenden, dürfte das als starkes Signal für eine Straffung der Bank of Japan im September gewertet werden – die Wahrscheinlichkeit dafür liegt an den Geldmärkten bereits bei 87 Prozent. Der Yen notierte bei rund 159 pro Dollar, deutlich über seinem mehrjährigen Tief, aber die Volatilität bleibt hoch.
Fed-Unabhängigkeit unter Druck
Während die Notenbanker über Zinspfade streiten, tobt in Washington ein politischer Kampf um die Unabhängigkeit der Fed selbst. Anwalt Abbe David Lowell wies am Mittwoch die Vorwürfe gegen Fed-Gouverneurin Lisa Cook scharf zurück, die Präsident Trump als Grund für ihre Entlassung anführt. Die Anschuldigungen wegen angeblichen Hypothekenbetrugs stützten sich „auf unbewiesene und nie vor Gericht verhandelte Vorwürfe“, so Lowell in einem Brief an das Weiße Haus.
Trump versucht seit über einem Jahr, Cook aus dem Amt zu drängen – ein historisch beispielloser Vorgang, seit die Fed vor mehr als hundert Jahren gegründet wurde. Der Oberste Gerichtshof hatte im Juni mit 5:4 Stimmen entschieden, dass Fed-Mitglieder nicht willkürlich entlassen werden dürfen, den Fall aber zur Klärung möglicher Fehlverhalten an ein unteres Gericht zurückverwiesen. Das Weiße Haus setzte Cook daraufhin eine Frist bis zum 26. August, um sich zu den Vorwürfen zu äußern – nur zwei Tage vor Warshs Auftritt in Jackson Hole.
Bemerkenswert: Reuters-Recherchen hatten bereits im vergangenen Jahr Zweifel an den Vorwürfen genährt. Eine Immobilie, die Cook angeblich fälschlich als Hauptwohnsitz deklariert habe, wurde von der zuständigen Steuerbehörde in Michigan als regelkonform eingestuft. Für Beobachter fügt sich der Fall in ein größeres Muster: Schon Warshs Vorgänger Jerome Powell war wiederholten Drohungen und einer Justizermittlung ausgesetzt, die ein Bundesrichter als verdeckten Versuch wertete, ihn zum Rücktritt zu bewegen.
Ausblick: Zwischen Datenlage und Machtpolitik
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob die Notenbanken ihre Unabhängigkeit gegenüber politischem Druck behaupten können – und ob die Inflation tatsächlich so hartnäckig bleibt, wie es die jüngsten Daten aus Australien und den USA nahelegen. Für die RBA scheint eine Zinserhöhung im September oder November kaum noch vermeidbar, sollte sich der Trend bei den Kernpreisen fortsetzen. Bei der Fed hängt viel von Warshs Kommunikation in Jackson Hole ab: Bestätigt er die Markterwartung einer Zinspause im September, dürfte der Dollar seine jüngste Stärke zunächst behalten. Der Fall Cook wiederum bleibt ein Belastungsfaktor, der weit über die Personalie hinausreicht – er berührt die Frage, wie glaubwürdig die Fed künftig gegen Inflation vorgehen kann, wenn ihre Entscheidungen zunehmend politisch angefochten werden.
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