Sechs Monate Krieg im Nahen Osten, ein KI-Boom, der die Börsen trägt, und eine Fed, die sich selbst nicht einig ist: Die Weltwirtschaft steuert auf ein widersprüchliches Herbst zu. Während die Bank of Japan und die Bank of Korea die Zinsschraube anziehen, verschiebt die Bank of England ihre erste Erhöhung auf 2027 – und in Washington liefern sich Notenbankchef Kevin Warsh und Finanzminister Scott Bessent einen offenen Machtkampf um die Kontrolle der Anleihemärkte. Am Freitag, bei der Jackson-Hole-Konferenz, dürfte sich zeigen, wie tief die Gräben tatsächlich sind.
Kriegswirtschaft treibt die Inflation an
Der Auslöser vieler dieser Spannungen liegt sechs Monate zurück. Die US-israelischen Angriffe auf den Iran im Februar haben die globalen Energie- und Nahrungsmittelmärkte durcheinandergewirbelt. Brent-Öl kletterte im April kurzzeitig über 120 Dollar und pendelt 2026 im Schnitt bei rund 90 Dollar – deutlich über dem Vorjahresniveau von etwa 70 Dollar. Besonders hart traf es Diesel, weil russische Raffinerien unter ukrainischen Angriffen leiden und Gulf-Exporte ausbleiben.
Die Folgen reichen bis zum Teller. Die Nahrungsmittelpreise erreichten im Juli laut UN-Ernährungsorganisation FAO ihren höchsten Stand seit über drei Jahren. JPMorgan schätzt, dass allein ein starkes El-Niño-Phänomen die globale Lebensmittelinflation um 0,7 Prozentpunkte anheben könnte – mit den größten Belastungen für Asien, Lateinamerika und Afrika. In der Golfregion sind die Schäden noch direkter: Saudi-Arabiens Exporte schrumpften binnen eines Quartals um 10 Prozent, Katars Wirtschaft droht laut Oxford Economics ein Einbruch von fast 30 Prozent.
Notenbanken schlagen völlig unterschiedliche Wege ein
Diese importierte Inflation zwingt Notenbanken weltweit zu Reaktionen – allerdings mit sehr unterschiedlichem Tempo. Die Bank of Korea erhöhte ihren Leitzins am Donnerstag zum zweiten Mal in Folge um 25 Basispunkte auf 3,00 Prozent, den höchsten Stand seit Februar 2025. Gouverneur Shin Hyun Song deutete an, dass weitere Schritte folgen dürften, wollte sich aber Zeit für die Bewertung der Wirkung lassen. Die Notenbank hob zugleich ihre Wachstumsprognose für 2026 kräftig auf 3,3 Prozent an.
Auch in Japan mehren sich die Zeichen für eine straffere Geldpolitik. BOJ-Vize Ryozo Himino warnte vor einem möglichen Überschießen der Inflation über die Zwei-Prozent-Marke und forderte „zeitnahe“ Zinsschritte. Die Großhandelspreise in Japan legten im Juli um 7,2 Prozent zu – getrieben von Ölimporten, einem schwachen Yen und der ungebremsten Nachfrage der KI-Branche nach Halbleitern. Insidern zufolge bereitet die BOJ bereits für September eine weitere Anhebung vor, nachdem sie den Leitzins im Juni auf ein 31-Jahres-Hoch von 1 Prozent gehievt hatte.
Ein komplett anderes Bild liefert Großbritannien. Anleger preisen eine erste vollständige Zinserhöhung der Bank of England mittlerweile erst für Februar 2027 ein – für die Sitzung im September liegt die eingepreiste Wahrscheinlichkeit gerade einmal bei 15 Prozent. Die britische Inflation stieg zwar im Juli auf 2,9 Prozent, doch der Arbeitsmarkt bleibt schwach. Notenbankchef Andrew Bailey erklärte die Diskrepanz zwischen Ökonomen-Erwartungen und Marktpreisen mit der eingepreisten Sorge vor einer Eskalation des US-Iran-Konflikts.
Machtkampf um die Zinsen in Washington
In den USA selbst tobt ein anderer Streit – nicht zwischen Zentralbank und Markt, sondern innerhalb der eigenen Reihen der Wirtschaftspolitik. Fed-Chef Kevin Warsh will die Notenbank aus der Feinsteuerung der Anleihemärkte zurückziehen und den Marktkräften mehr Raum geben. Finanzminister Scott Bessent verfolgt den entgegengesetzten Kurs: Er kündigte an, die Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen mindestens zu verdoppeln, nachdem die 30-jährige Rendite ein 19-Jahres-Hoch erreicht hatte.
Kritiker wie der Star-Investor Stanley Druckenmiller nennen das Vorgehen „Preismanagement“ statt Liquiditätssteuerung und warnen vor einem Glaubwürdigkeitsverlust des Finanzministeriums. Strategen von FHN Financial und ING sehen die eigentlichen Treiber der steigenden Renditen woanders: starkes Wachstum, hartnäckige Inflation, eine Flut an Unternehmensanleihen aus dem KI-Sektor sowie eine wachsende Risikoprämie wegen der ausufernden Staatsverschuldung. Wie Warsh sich am Freitag in Jackson Hole positioniert, dürfte zeigen, ob die Fed künftig entschlossener gegen Inflationsrisiken vorgeht oder den Märkten tatsächlich mehr Spielraum lässt.
Der KI-Boom als Rettungsanker der Börsen
Paradoxerweise haben all diese Risiken die globalen Aktienmärkte kaum gebremst. Der MSCI-Weltindex kletterte diesen Monat auf ein Rekordhoch von 105 Billionen Dollar – ein Plus von fast 7 Billionen Dollar seit Kriegsbeginn. Der Grund liegt vor allem in einem Namen: Nvidia. Der Chip-Konzern prognostizierte einen Umsatzsprung von 70 Prozent im kommenden Geschäftsjahr und meldete zugleich eine Übernahme der KI-Plattform Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar. Die Aktie legte nachbörslich fast 5 Prozent zu und zog asiatische Zulieferer wie den südkoreanischen Kospi mit nach oben.
Fidelity-Analyst Pranav Aggarwal spricht von einer „entspannten“ Anlegerhaltung, die trotz des Krieges auf ein baldiges Kriegsende setzt. Zugleich bleibt Gold gefragt: Nach einem Einbruch von fast 25 Prozent zwischen Kriegsbeginn und Juli hat das Edelmetall diesen Monat mehr als 15 Prozent zugelegt – getrieben von neu aufgeflammten Sorgen um eine Abwertung des Dollars.
US-Konjunkturdaten liefern gemischte Signale
Frisches Zahlenmaterial aus den USA passt in dieses Bild der Unsicherheit. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fielen auf 203.000 und lagen damit unter den erwarteten 208.000 – ein Zeichen für einen robusten Arbeitsmarkt. Gleichzeitig überraschten die Großhandelslagerbestände mit einem Anstieg von 1,3 Prozent, weit über der Prognose von 0,2 Prozent. Ein solcher Lageraufbau gilt gemeinhin als Warnsignal: Er kann bedeuten, dass die Nachfrage nicht mit dem Angebot Schritt hält.
Ausblick
Die Gemengelage bleibt widersprüchlich: Ein robuster Arbeitsmarkt trifft auf wachsende Lagerbestände, ein Aktienboom auf eine schwelende Kriegswirtschaft, straffere Notenbanken in Asien auf eine zögerliche Bank of England. Die Rede von Kevin Warsh am Freitag in Jackson Hole dürfte zeigen, welchen Kurs die mächtigste Notenbank der Welt in diesem Spannungsfeld tatsächlich einschlägt – und ob sich Bessents Eingriffe in den Anleihemarkt als Brücke oder als Bruchstelle erweisen.
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